Full text: Hessenland (5.1891)

auch gar nicht darum zu thun, einem armen 
Lampen das Lebenslicht auszublasen. Katharinens 
Thränen brannten ihm auf der Seele, und er 
hätte nun am liebsten umkehren mögen und 
Hasenlauß Hasenlauß sein lassen, aber was konnte 
das in diesem Augenblick helfen? Seine Umkehr 
sah sie jetzt doch nicht, und es blieb für ihn kein 
anderer Weg, ihr Gemüth zu beruhigen, als ihr 
morgen im Gärtchen aufzulauern und ihr sein 
ungestümes Wesen abzubitten, — aber wer weiß, 
wie er morgen darüber dachte! Käthe's schmerzlich 
bewegte Züge vor Augen, schritt Eckhart langsani 
den Berg empor, als ihm der Wind plötzlich 
von fernher ein Geräusch zuwehte, das seine 
Aufmerksamkeit erregte. Er blieb stehen und 
lauschte —, was konnte es sein, das er gehört 
hatte —? Er sann darüber nach und strengte 
sein Ohr an, die leisen Töne, die der Wind ihm 
noch immer zutrug, sich zu erklären. Tann 
schritt er schneller den Bergpfad hinauf, und je 
weiter er kam, desto deutlicher drang ein eigenartiges 
Rauschen und Klirren zu ihm, das von der 
andern Seite des Berges Herkommen mußte. 
Nochmals hielt er an und horchte — —. Das 
waren gepanzerte Rosse, eine Menge Fußvolk, 
das daher stampfte, und wenn Mann und Roß 
auch noch so vorsichtig einherzogen, die nächt 
liche Stille ward zur Verrätherin und tönte jeden 
Schritt, jedes Aneinanderklingen der Eisenthcile, 
jedes Schnauben der Pferde wieder. Mit be 
flügelten Sohlen eilte Eckhart nun den Berg 
vollends hinan und, von der Höhe in das Thal 
hinunter blickend, sah er die Straße, die an der 
Edder herlief, von einem Hausen Reisiger und 
Fußvolk angefüllt, der sich langsam gen Franken 
berg bewegte. Nun konnte kein Zweifel mehr 
obwalten, daß es ein Kriegszug der alten Minne 
war, welcher der Stadt galt. Schon wollte 
Eckhart sich umwenden, um so schnell als möglich 
die gefährdeten Bürger aus dem Schlaf zu wecken, 
als der dem Haufen voranziehende Ritter, dessen 
Helmfedern er deutlich im Mondenscheine wogen 
sah, plötzlich Halt machte, und der ganze Zug 
seinem Beispiel folgte. Die Reisigen stiegen von 
den Pferden, die Knechte lösten ihre Reihen, und 
Alles deutete darauf hin, daß die Feinde eine 
Weile Rast machen wollten, ehe sie den Ueber- 
fall der Stadt in's Werk setzten. Ein Gedanke 
stog Eckhart durch den Kopf, der ihm das Herz 
höher schlagen machte. Behutsam kletterte er 
den Berg zwischen Felsen hinab, die ihn auch 
dem schärfsten Auge entzogen, und zwar in der 
Richtung, wo die Gewaffneten hielten. Immer 
näher kam er der Stelle, und ausspähte er nach 
dem Führer des Haufens, den Ritter mit den 
wallenden Federn, denn nichts Geringeres hatte 
er im Sinne, als sich an diesen heranzuschleichen 
und ihn durch einen wohlgezielten Schuß aus 
seiner Armbrust niederzustrecken. Durch die 
Verwirung, welche unter der nächtlichen Schaar 
entstehen mußte, hoffte er seine Vaterstadt besser 
zu retten, als durch eine überhastete Gegenwehr 
ihrer Bürger. Schon hatte er sich einen ge 
eigneten Platz auf einem über der Straße 
hängenden Felsen, von Gestrüpp und niedrigem 
Buschwerk halb verdeckt, ausersehen, von wo er den 
I tödtlichen Bolzen auf Herrn Friedrich von Batten 
berg hinabsenden wollte, denn als diesen hatte er 
j den Rittersmann, der den Zug anführte, erkannt, 
! als sich eine Hand auf seine Schulter legte, und 
i ein rauhe Stimme sagte: „Weg mit der Arm 
brust, Frankenbergcr Wollenschcerer!" Eckhart 
| fuhr herum und blickte in das tückische Gesicht 
! des Melchior Kamm. Er stieß ihn mit kräftiger 
! Faust zurück, aber der Trefurter Burgmann hielt 
! seinen Arm umklammert, und Beide, miteinander 
ringend, kollerten die Anhöhe hinunter mitten 
aus die Straße, wo die Knechte und Reisigen 
hielten. An der verstümmelten Hand Melchiors 
mochte es liegen, daß er Eckhart fahren lassen 
mußte, und dieser, auf dem Boden angekommen, 
raffte sich auf und flog wie ein Hirsch nun die 
Straße entlang der Stadt zu. Bei dem un- 
i erwarteten Anblick der beiden urplötzlich von 
! dem Berg herabstürzenden Männer waren die 
> zunächst lagernden Knechte aufgesprungen, der 
I Ritter, der im Sattel geblieben war, spornte sein 
| Pferd herbei, und als Melchior, sich in die Höhe 
> richtend, rief: „Ihm nach, oder der Anschlag 
! mißlingt!" sprengten eine Anzahl Reisige 
hinter Eckhart drein, den sie deutlich vor sich 
her fliegen sahen. Es war ein Lauf um Leben 
oder Tod, und so leicht geschenkelt Eckhart auch 
dahinsetzte, es wäre Wahnsinn gewesen, den daher 
galoppirenden Reitern ohne einen günstigen 
Zufall entrinnen zu wollen, ein solcher aber 
schien sich dem Flüchtigen ganz und gar nicht 
zu bieten, denn als er den Blicken der Verfolger 
durch eine Krümmung des Weges für einige 
Sekunden entzogen war, bemerkte er vor sich, 
keine fünfzig schritte entfernt, mitten auf der 
Straße eine Gestalt, die dort, wie cs den An 
schein hatte, aus Posten stand. Eckhart kannte 
die Gegend, in der er sich befand, ganz genau, 
an der einen Seite des Wegs erstreckte sich die 
Hardt, an der anderen lief ein ziemlich tiefer Graben 
hin. der Sommers über mit Wasser angefüllt 
war, jetzt aber trocken lag. Den einzelnen Mann 
vor sich fürchtete Eckhart nicht, wohl aber 
den Aufenthalt, der durch einen Kampf er 
wachsen und ihm die Reiter sicher über den 
Hals bringen mußte, und kurz entschlossen 
sprang er in den Graben in demselben 
Augenblick, als die Verfolger um den Berg
	        

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