Full text: Hessenland (5.1891)

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J 78) Der Kirschbaum hat sein Laub verloren! 
Wer soll dafür sorgen? 
Das soll die Jumfer Anna thun, 
Wir wünschen ihr: Schon Gut'n Morgen, (Öut'n 
Morgen! 
Die Kinder gehen Hand in Hand angefaßt 
im Kreise singend umher, Fräulein oder Jumfer 
Anna dreht sich bei der dritten Zeile schnell nach 
außen, und ebenso im Verlauf des Spiels jedes 
andere Kind bei seinem Namen, bis alle Kinder 
so abgesungen sind und das Gesicht nach außen 
gekehrt haben, woraus dasselbe Spiel nach innen 
zu wiederholt wird (Lewalter I 34). 
170) Der Fuchs geht rum, 
Der Fuchs geht rum. 
Er wird euch schon belauschen, belauschen, 
Er frißt die grünen Blatter ab, 
Die gelben läßt er faulen, verfaulen. 
Die Kinder stehen im Kreis, die aufgehaltenen 
Hände auf dem Rücken. Der Fuchs geht mit 
dem geknoteten Taschentuch langsam um den singen 
den Kreis herum, steckt das Tuch einem Kinde in 
die Hand, das nun seinen Nachbar rechts unter 
fortwährenden Schlügen einmal um den Kreis 
herumjagt und dann Fuchs wird, während der 
erste Fuchs in die Lücke eintritt (Lewalter II 28). 
180) Hier ist grün, hier ist grün, 
Unter diesen Allen 
Wird wohl Einer drunter sein, 
Der wird mir wohl gefallen. 
Liebst Du mich? 
Nein! 
Immer, immer ja, )a! 
Immer, immer nein, nein! 
Und so must ich weiter gehn, 
Must ;u einer Andern ;iehn. 
Oder: 
Ja, mein Schatz, ich will Dich lieben, 
Du bist mir in's Her; geschrieben, 
Du gesüllst mir wohl! 
Das Kind in der Mitte des singenden Kreises 
richtet die Frage gesprochen an eins der Mit 
spielenden ; auf die Antwort Nein zieht es singend 
weiter, bis es endlich die erlösende Antwort von 
einem der Kinder bekommt. — Hier wie in den 
beiden vorigen Spielreimen ruht wahrscheinlich, 
freilich kaum erkennbar, der uralte Volksglaube 
von der Zugehörigkeit der Menschen zum Baume, 
daß nämlich das Neugeborene gedeiht oder stirbt 
wie das in der Geburtsstunde gesetzte Bäumchen, 
bei Knaben meist ein Apfel-, bei Mädchen ein 
Birnbaum. Hessischer Bauernglaube weiß, daß 
Hexen Jemand tobten können, wenn sie einen 
Knoten für ihn in Weiden schlingen. 
181) Der Abt ist nicht ;u Hause, 
Er ist bei einem Schmause, 
Und wenn er wird nach Hause kommen, 
Wird er an die Klingel kommen. 
Ja. ja. .ja, 
Der Abt ist noch nicht da! 
Die Kinder schließen einen Kreis, der Abt geht 
außen um den Kreis und berührt eins der Kinder, 
das sich bei den Worten Ja, ja, ja dem Abte 
anschließt, bis der ganze Kreis so hinter dem 
Abte herzieht. — Einen Anklang an dies Lied 
hat ein bitterböser Aargauer Spruch: Eusi Chatz 
hat Junge g'lcit in ere alti Zeine, der Psaff 
het solle Götti (— Pathe) ft, iez ist er nid de- 
heime. Statt Abt wird in manchen Straßen 
auch Herr gesungen, was ehemals so viel wie 
Pfarrherr bedeutete (Lewalter I 14). 
182) Ich bin ein armer Uogel, 
Aus meinem Uest gestogen, 
Ich bin so arm und habe nichts 
Und Alles, was mein eigen ist, 
Ein Straustchen von der Linde, 
Das schenk' ich meinem Kinde. 
Ein Kind, das von den Mitspielenden als 
Vögelchen bestimmt ist, geht unter dem Gesänge 
mitten im Kreise herum, das Fliegen des armen 
Vögleins nachahmend (Lewalter I 31). 
183) Die Anna säst am Meilenstein 
Und kämmte stch ihr goldnes Haar, 
Und als ste damit fertig war, 
Da sing ste an ;u weinen. 
1 Da kam der Bruder aus dem Wald: 
> Ach, Anna, warum weinest Du? 
| Ach, weil ich heute sterben must. 
Da kam der Jäger aus dem Wald 
Und stach die Anna in das Her;. 
Da kam die Mutter aus dem Wald: 
Wo ist denn unsre Anna hin? 
Die ist schon längst begraben. 
Da stand die Anna fröhlich auf. 
Die Anna ist ein Engelein. 
(Der Bruder ist ein Hambelmann. 
Die Mutter ist ein Herelein.) 
Der Jäger ist ein Lenselein. 
Diese liebenswürdig-kindliche Schauerballade wird 
von den Kindern mit dem lebhaftesten Geberden 
spiel begleitet: Die Anna sitzt, den Kopf mit 
der Schürze verhüllt, in der Mitte der Spiel 
runde ; der Bruder, den der übermüthige Kinder 
mund neuerdings zum Hambelmann stempelt, 
die Mutter, der Jäger, Alle treten wirklich auf. 
Dies Spiel ist gewiß aus dem alten Volksliede 
entstanden: Als die wunderschöne Anna auf dem 
Breitensteine saß (Lewalter I 25). 
184) Es regnet auf der Brücke 
Und ich werde nast, 
Ich hab' noch was vergessen 
Und weist nicht was. 
Schöne Jungfer hübsch und fein, 
Komm' mit mir ;um Lau; herein! 
Laß uns einmal tan;en 
Und lustig sein! 
Im singenden Kreis steht ein Kind, das bei den 
Worten „Schöne Jungfer" ein anderes erfaßt 
und mit ihm ein Mal herumtanzt; das zweite 
Kind kommt dann in die Mitte zu stehen, und 
das Lied beginnt von vorn (Lewaltcr II 6).
	        

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