Full text: Hessenland (5.1891)

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Uebereinstimmung herrscht, wird das Jahr sehr ver 
schieden angegeben. In der neuesten Auflage von 
Meyer's Konversationslexikon, das darum angeführt 
sein möge, weil besonders der Laie es zunächst benutzt, 
finden wir 10 3 1, in den „Jahrbüchern des deut 
schen Reiches unter Heinrich II.", von Hirsch, I. 
Exkurs XI. S. 537 1 037., in dem „vollständigen 
Heiligenexikon von Stadler und Heim" IO4 0; in 
den „Mitth. an die Mitglieder des Vereins f. Hess. 
Gesch." 1865 S. XXXI (Vortrag des Herrn H. von 
Noques) wieder 1040, in den „Statuta Kauffungen- 
sium“, von H. v. Roques, S. 2 „wahrscheinlich 
1 03 9." Ter Verfasser der „Jahrbücher des deutschen 
Reiches unter Konrad II.", II S. 79 Breßlau, hat 
1884 das Richtige festgestellt. Indem er sich vor 
nehmlich auf die Hildesheimer Annalen und den 
Raushofener Codex der Vita 8. Deinriei, welch 
letzterer mehrere auf Kaufungen bezügliche Eintragun 
gen enthält, beruft, weist er das Jahr 1 03 3 nach. 
Er erwähnt außerdem eine Urkunde Kaiser Konrad's II 
vom 26. Juni des gleichen Jahres, durch die 
dieser eine letztwillige Schenkung Kunigundens nach 
träglich genehmigt. Die irrigen Zahlen sind auf die 
Vita 8. Cunigundis zurückzuführen, wo der Aufent 
halt im Kloster falsch berechnet wird. 
A. 
Fuldaer Originale. Zu Anfang dieses 
Jahrhunderts lebte in Fulda ein Sonderling erster 
Klasse, ein Original vom Wirbel bis zur Sohle, 
wie man wohl wenige finden dürfte, der in allen 
naturwissenschaftlichen Akademieen Europas wohl 
bekannte „anatomische Modelleur, Preparateur und 
Phantomanfertiger" Johann Friedrich Dorsche, 
gebürtig aus Koburg. Er war nach Stiftung des 
Landkrankenhauses zu Fulda am 18. August 1804 
durch den damaligen Regenten, den Erbprinzen 
Wilhelm Friedrich von Oranien-Nassau auf Antrag 
des ausgezeichneten Operateurs Professor Dr. Vincenz 
Adelmann, eines Schülers der Siebold in Würzburg, 
als dessen anatomischer Gehilfe nach Fulda berufen 
worden, siedelte später nach Berlin über, wo er 
1872 in hohem Alter als eins der letzten dortigen 
Originale verstorben ist. Ein Stückchen aus seinem 
Leben in Fulda will ich hier erzählen, dem wohl 
schwerlich ein ähnliches zur Seite stehen dürfte. 
Mit demLandkrankenhause zu Fulda,dem „Wilhelms- 
Hospital", wie es nach seinem Gründer hieß, war 
ursprünglich auch eine Schule für angehende Mediziner 
und Chirurgen verbunden. Den Unterricht in der 
Anatomie leitete Dr. Vincenz Adelmann unter Assistenz 
seines Gehilfen Friedrich Dorsche. Leichen zum Prä- 
pariren waren damals noch eine große Seltenheit, man 
bedurfte aber derselben, sollte anders der Unterricht in 
der Anatomie ein zweckdienlicher sein, und Friedrich 
Dorsche wußte Rath zu schaffen. Es war ja die 
Zeit der Resurreetion-men, der Auferstehungsmänner. 
Man ahmte die in England entstandene Unsitte nach 
und entnahm auch in Fulda zuweilen aus frischen 
Gräbern Leichen, um sie zu anatomischen Zwecken zu 
verwenden, und Friedrich Dorsche verstand sich meister 
lich auf dieses Geschäft. Ein Fall derart sollte 
ganz besondere Sensation erregen. 
Zu Ende des vorigen und zu Anfang des jetzigen 
Jahrhunderts vegetirte in Fulda ein gräßlich ver 
wachsener Jude, Isaak Bunfeid. Derselbe gehörte 
einer daselbst sehr verzweigten Familie an, die da 
mals noch keinen besonderen Familiennamen führte, 
später aber (1813) in Folge der bekannten Verord 
nung des Großherzogs von Frankfurt, Karl von 
Dalberg, den Namen „Oppenheimer" annahm. Be 
sagter Isaak Bunfeid pflegte an warmen Tagen vor 
der Hausthüre der Wohnung seiner Eltern zu sitzen 
oder vielmehr zu liegen; man nannte im Volksmunde 
diese Mißgestalt nur den „Wechselbalg". Einer uns 
vorliegenden Beschreibung zufolge hatte Isaak Bunfeid 
Geisfüße, einen unförmigen Schädel, das Hinteriheil 
vorn, die Augen hingen ihm aus dem Kopfe, ebenso 
die dicke Zunge aus dem Munde rc. rc., kurz er war 
ein menschliches Monstrum, wie es gottlob das Spiel 
der Natur nur höchst selten hervorzubringen pstegt. 
Schon bei Lebzeiten besagten Jsaak's Bunfeid hatten 
der eifrige Forscher Professor Dr. Adelmann und 
deffen Kollegen ein Auge auf ihn geworfen und 
seinen Körper als eine einst sehr willkommene 
Acquisition für die Anatomie betrachtet. Als derselbe 
nun im Herbste 1808 oder 1809 (genau haben wir 
das Datum nicht ermitteln können) wirklich mit Tod 
abging, da war man, von dem wissenschaftlichen Eifer 
dazu verleitet, rücksichtslos genug, der Familie direkt 
die Zumuthung zu stellen, die Leiche der anatomischen 
Anstalt des Wilhelms-Hospitals zu überlasten. Und 
als diese Zumuthung von der Familie mit Entrüstung 
zurückgewiesen wurde, da ließ der Unterhändler die 
Worte fallen: Wir kriegen die Leiche doch. Und 
so kam es auch. Unermündlich in Erreichung wissen 
schaftlicher Zwecke, war Barsche entschlossen, eoüte 
<4U6 eoüte, den gefahrvollen Erwerb der Leiche des 
Isaak Bunfeid durchzusetzen. 
Um die Annektirung der Leiche zu verhindern, 
hatten die Glaubensgenossen des Verstorbenen das 
Grab bewachen lasten, und als acht bis zehn Tage 
verfloffen waren, ohne daß ein Versuch des Leichen 
raubes gemacht worden war, glaubte man ohne Ge 
fahr die Wache zurückziehen zu können. Aber schon 
in der nächsten Nacht vollbrachte Barsche im Vereine 
mit mehreren Beflissenen der Arzneikunde die — nach 
dem Ritus des Verblichenen — doppelt furchtbare 
Handlung. Die Leiche wurde ausgegraben, in einen 
Sack gesteckt und durch die Felder nach der Wohnung 
Borsche's gebracht, wo sie in einem Obstkeller versteckt 
wurde. Zwar hatte der Aufseher auf dem israelitischen 
Todtenhofe, Müller, welcher das dortige (im Herbste 
1857 abgebrannte) Häuschen bewohnte, in jener
	        

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