Full text: Hessenland (5.1891)

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liebten eine Predigt über die Standesordnung 
gehalten haben, nur im entgegengesetzten Sinne 
wie das Edelfräulein, so aber sagte sie: „Für 
wen der liebe Gott die Hirsche und Hasen ge 
schaffen hat, darüber habe ich noch nicht nach 
gedacht, das jedoch weiß ich, daß es für einen 
Wollenweber sich nicht ziemt, Nachts mit der 
Rüstung in den Wald zu gehen und dort dem 
Wilde aufzulauern." Dies spitze Wort traf wie der 
schärfste Bolzen; mit einer wilden Bewegung 
riß der Jüngling die Armbrust vom Boden auf 
und, sie mit nerviger Hand in die Höhe schwingend, 
rief er: „Du solltest Dich freuen. Käthe, daß 
der Wollenweber solch' ritterlich Gewerbe treibt, 
wenn auch nur im Verborgenen, und nicht hinter'm 
Ofen hocken will Zeit seines Lebens! Ich bin 
nun einmal dazu geschaffen," setzte er hinzu, 
„und wer weiß, wozu es noch einmal gut ist!" 
„Wozu es gut ist?" entgegnete Käthe mit bebenden 
Lippen, „Dich in den Thurm zu bringen, in 
Schimpf und Schande zu versehen und mir das 
Herz zu brechen, dafür allein ist es gut und zu 
nichts Anderm!" Weinen und Schluchzen durch 
einander folgte diesem Ausruf, und Eckhart 
mochte ihr die himmclsbesten Worte geben, sie 
hörte nicht auf damit, freilich bestanden des Ge 
liebten Tröstungen nur darin, daß die Nacht, 
wie er sich soeben im Garten durch den Ausguck 
überzeugt habe, ganz wie dazu geschaffen sei, 
auf die Hasenlauß zu gehen, und daß er noch 
zwei Kameraden mitnehmen wolle, sein Ver 
sprechen also halten müsse auf jeden Fall. Auf 
all' seine eindringlichen Reden aber, die nach 
seiner Meinung doch so überaus einleuchtend und 
vernünftig waren, anworteten nur erneute Thränen, 
sodaß Eckhart zuletzt die Geduld riß, und er sich, 
just als es vou der Licbfraucukirche die elfte 
Stunde schlug, mit den Worten losmachte: „Be 
hüt' Dich Gott, mein liebes Käthchen, aber von 
der Hasenlauß kann ich heut' Nacht nimmer 
lassen!" Ohne sich umzuschauen, eilte er mit 
hastigen Schritten davon und ließ Katharine 
allein mit ihren Thränen. Als sie sich nach 
einer Weile so recht ausgeweint hatte, und es 
ihr dabei viel leichter um's Herz geworden war, 
schlich sie in ihr Kämmerlein zurück und dachte 
so still vor sich hin: „Von der Hasenlauß kann 
er nimmer lassen, der böse, liebe, unartige Ge 
sell — ? Nun, so will ich mich auch nimmer 
grämen um ihn und ihn laufen lassen, wohin 
er will, als ob er mich ganz und gar nichts mehr 
anginge!" So ernst war es aber damit doch 
nicht gemeint, denn als sie nun, sie wußte eigent 
lich selbst nicht warum, mit ruhigerem Herzen 
ihr Abendgebet an die heilige Jungfrau sprach, 
da kam es auch wie sonst immer über ihre 
Lippen: „Und laß auch Eckhart Aßberg kein 
Leid widerfahren!" — 
(Fortsetzung folgt.) 
<~53>- 
Die blinden Hellen. 
(1427.) 
„Herr Landgraf Ludwig, zur Wehr, zur Wehr! 
Denn Konrad, Wildgraf bei Rhein, 
Der Mainzer Bischof, er bricht mit dem Heer, 
Im Lande zu Hessen ein. 
Er hält Euch, höhnend, noch für ein Kind, 
Nicht reif für ein Schlachtenroß, 
Uud doppelt so stark, als die Unseren sind, 
Ist sein gewappneter Troß." 
„Ihr Bürger und Bauern, und wird es auch schwer, 
Zu schlagen den heiligen Mann, 
Heut' Landgraf noch — oder keiner mehr, 
Nur muthig jetzt drauf und drau. 
Es soll dem Bischof zu Mainz am Rhein 
Kein Landgraf mehr Unterthan, 
Kein hessischer Bauer Zinsmeier sein, 
Drum vorwärts zur blutigen Bahn!" 
„Herr Landgraf, so haben auch wir cs gemeint, 
Der Väter würdig und werth, 
Wir stürzen uns blind hinein in den Feind, 
Heraus nur das blitzende Schwert. 
Die alte chattischc Kraft und der Muth, 
Sie blüh'n in den Enkelen fort, 
Gott segne, Herr Landgraf, das hessische Blut 
Und Euer heldmüthiges Wort." 
Bald svrühen die Funken aus erzenem Schild, 
Das Eisen wird heiß in der Faust, 
Es kämpfen lind jagen die Reiter so wild, 
Daß weit der Boden erbraust. 
Roth färbt bei Englis das Blut schon den Sand, 
Die Mainzer, geschlagen, entflieh'n. 
„Herr Landgraf, nun laßt uns wieder das Land 
Mit unseren Pflügen durchzieh'«." 
Hark Areser. 
Aus alter und neuer Zeit. 
Während über den Todestag der Kaiserin 
Kunigunde (den 3. März), die bekanntlich im 
Kloster Kaufungen als Nonne starb, völlige
	        

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