Full text: Hessenland (5.1891)

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Blärrer wie mei Scherz. Strink' wie mei Ben, 
So hän ich doch mei Lebtag Ke Kraut net geseh. 
Auf die Gänse hat sich ein nicht ganz verständ 
licher Spruch erhalten, der vielleicht früher Spott 
ruf war: 
166) In Wattenbach, in Wattenbach, 
Da baden sich die Gänse, 
Da kam der kleine Linsensrester, 
Schlug sie aus die Schwänze. 
Und von den Enten singt man hier wie aller 
orten : 
167) Alle unsre Enten 
Schwimmen auf dem See, 
Stecken den Kopf in's Walser, 
Den Dürzel in die Höh'. 
Die Tauben, deren Glucksen das Kind mit 
Ruggezegu itachahmt, lassen sich nach dem Kinder 
glauben leicht fangen, wenn man ihnen Salz 
auf den Schwanz streut. Das Zwitschern der 
traulichen Schwalbe, die im Herbste zieht, aber 
jedes Frühjahr ihre nordische Heimstätte wieder 
aufsucht, wird auch bei uns noch vom Kinder 
mund gedeutet: 
168) Wenn ich wcggeh', wenn ich weggch', hab' ich Kisten 
und Kasten voll, 
Wenn ich wiederkommt wenn ich wiederkommt hab' 
ich kein Fädchen Zwir—r—n. 
Dieser auch in anderen deutschen Landstrichen 
ähnlich erhaltene Kinderreim ist unsterblich ge 
macht durch Rückert's tiefempfundenes Lied: „Aus 
der Jugendzeit", das auch zugleich ein Preislied 
des Kindcrsinnes ist: O du Kindermund, o du 
Kindermund, Unbewußter Weisheit froh, Vogel- 
sprachekund, Vogelsprachekund, Wie Salomo! 
Freilich hat gerade das Stadtkind diese unbewußte 
Weisheit, die in den Dörfern noch blüht, bis auf 
Weniges verloren: die Goldammer ruft: 
169) Ich bau' mein Nest, Nest, Nest mit Stro -oh! 
die Golddrossel: 
170) Dreiviertel auf neun! 
die Wachtel: 
171) Back' der Weck". 
Der Ruf des Kuckucks, der uach der sieben- 
bürgischen Sage im Frühjahr Nerstecken spielt 
und auffordernd aus dem Gebüsch guck-guck ruft, 
wird von den Kindern beim Versteckspiel nach 
geahmt, um den Suchenden auf die Spur zu 
leiten oder auch abzulenken: 
172) Kuckuck! oder: Bui! 
So erzählt schon ein Schweizer Magister aus 
dem 17. Jahrhundert: oeeultatis oinnibus unuo 
cuculi voce clamat d. h. wenn sich alle Kinder 
versteckt haben, ruft eins wie ein Kuckuck. Die 
Kuckucksrufe zeigen auch dem, der sie hört und 
zählt, die Lebensjahre an; drum singen die 
Kinder, wenn der Kuckuck ruft: 
173) Kuckucksknecht! 
Sag' mir recht, 
Wie viel Jahr' ich noch leben soll! 
Reizend klingt ein gleichlautendes neugriechisches 
Liedch en: Kuko mu, kukaki mu, ki argyro- 
kukaki mu, posus chronus thena zesö. — Ein 
beliebter Spruch aus der Pflanzenwelt soll unsere 
Plauderei vom Verkehr des Kindes mit der Natur 
beschließen: 
174) Heidelbeeren, Heidelbeeren 
Steh'n in unsrem Garten, 
Mutter, gieb mir auch ein paar, 
Kann nit länger warten. 
Der Reim ist natürlich vom Lande zu uns 
in die Stadt gewandert. Dort wird dem Er 
scheinen der ehedem als Nahrungs-, Heil- und 
Färbemittel gleich beliebten Heidelbeere lange 
sehnsüchtig entgegen geblickt, und im festlichen 
Zuge gehen an vielen Orten Hessens die Kinder 
hinaus zum Heidelbeerpflücken. das meist mit 
einer scherzhaft-feierlichen, der Donar-Verehrung 
entstammenden Handlung eröffnet wird; so legt 
man zu Neustadt (Kreis Kirchhain) einen Blumen 
strauß nebst einem Stein in eine hohle Eiche mit 
dem Ausruf: Hier opfer ich Dir ein Schippchen, 
Opfer mir in mein Dippchen! Ebenso sind 
während des Pflückens bestimmte Liedlein üblich, 
z. B. in der Schwalmgegend: Schworze, schworze 
Heirelbeer'n.! Bloe, bloe Dente! Es get kee 
schwere Merrercher Wie die allerkleenste. Schworze, 
schworze Heirelbeer'n! Rore, rore Rosen! Es get 
kee schinere Merrercher Wie die großen. Schworze, 
schworze Heirelbeer'n! Rore, rore Reene! Es get 
kee schön're Merrercher Wie die kleene. 
(Fortsetzung folgt.) 
»essenlanöes Urbewohner. 
Von P. Noll. 
(Fortsetzung.) 
Tacitus, Germania, c. 34 heißt es: Angri- 
varios et Chamavos a tergo Dulgibini et 
Chasvari cludunt, aliaeque gentes haud perinde 
memoratae. Die Angrivarier stammten aus 
Angrivara, der Waldlichtung des Anger, And- 
ger, Antgar, Förstemann, Altd. Namenbuch.
	        

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