Full text: Hessenland (5.1891)

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Loßt die heilig Sunn 'erüs. Heilig ist die 
Sonne, und heilend und segnend der goldene 
Sonnenregen. Deshalb springen die Kinderchen 
beim Mairegen auf die Straße und strecken die 
Arme in die Höhe, damit sie groß werden, und 
singen: 
153) Es regnet, 
Gott segnet, 
Die Männer geh'n in's Wirthshaus 
Ilnd trinken alle Gläser aus. 
Auch ein Kasseler Tanzliedchen klingt hier an, 
mit seinen Aufangsworten: Es regnet auf der 
Brücke, und ich werde naß; deutlicher aber ist 
die segnende Wirkung des Sonnenregens in dem 
hessischen Spruche ausgedrückt: Mairegen, mach' 
mich groß, Bin so klein wie ein Hotzelklos. 
Uebrigens bekamen früher die Marburger Siechen- 
weiber, wenn es auf Walpurgis regnete, von 
alten Zeiten her je einen Schoppen Wein. Freya's, 
der Sonnengöttin. Thier ist die Katze; ihr Wagen 
wurde von einem Katzengespann gezogen, vgl. 
Grimm, Myth. S. 634, und noch unlängst sahen, 
wie Montanus in den deutschen Volksfesten 
(1854) erzählt, altgläubige Leute an den Katzen 
mitunter Spuren von Anschirrung, daß an Hals 
und Schultern die Haare niedergedrückt und 
sogar wunde Stellen waren. Da Freya oder, mit 
ihr ziemlich gleich, Holda im Luftraum waltete, 
so zeigte ihr Thier, die Katze, auch die nahende 
Witterung an, besonders Sturm, Regen und Schnee, 
wie dies in mehreren süddeutschen Reimen sich 
deutlich ausspricht und vielleicht in einem Kasseler 
Kinderliedchen leise nachklingt: 
154) A, B, C 
Die Katze lies in Schnee, 
Wie sie wieder rautzer kam, 
Hat sie weiße Hosen an. 
Wenn die Katze sich putzt und leckt, so giebt's 
schön Wetter, oder „es kommt Besuch nach aller 
Vernünftigen Urtheil"; und wenn es schneit, so 
weiß jedes Kasseler Kind: 
155) Frau Holle schüttelt ihr Bett aus! 
Die Katze ist als Holda's Thier auch den Holda 
begleitenden Hexen eigen; darum begütigt nian 
noch heutzutage das Kind, das sich gestoßen hat, 
mit dem ursprünglich als Zauberspruch gemeinten 
Reime: 
156) Heile, heile, Katzendreck, 
Morgen iß es Alle weck. 
wozu ein Aargauer Spruch stimmt: Heile-heile- 
Segen, 's Chätzli unter der Stegen, und wenn's 
Müsli füre chunt, ist mis Büebli wieder gsund. 
Hat nun die liebe Sonne mit der goldnen 
Krone Alles zu neuem Leben erweckt, dann 
schenken Feld und Wald dem Kinde so manche 
Freuden, an denen der Mann fühllos vorüber 
geht. Das Kind macht sich in seiner Art die Natur 
dienstbar. Die Schilfhalmen geben Hummen, welche 
die hineingesungene Weise summend weitertönen; 
Grashalme und Blätter werden zwischen die zu 
sammengehaltenen Hände gelegt und darauf das 
Krähen der Hähne nachgeahmt; Blätter werden 
an die Lippen so fest angesogen oder auf der 
hohlgeballten Linken mit der Rechten geschlagen, 
daß sie lautschallend zerplatzen; Blätter der Zirene, 
d. h. Springe, Flieder werden zu Kränzlein zu 
sammengesteckt und trotz allem Verbot in den 
Büchern gepreßt und bis zum nächsten Frühling 
aufbewahrt; auch Dörner werden zu sog. Dornen 
kronen ineinandergefügt, und aus den Schäften 
des Löwenzahns, den die Kinder Ringel- oder 
Kettenblume nennen, werden vielgliedrige Ringel 
ketten geschlungen; von jungen Weidenzweigen 
macht man Pfeifen und klopft dazu mit dem 
Messerrücken die saftige Rinde ab. oft noch unter 
dem altgeheimnißvollen Reinie: 
157) Hohle, hohle Wide, 
Saft, Saft ßede. 
In der Wetterau singt man beim Abklopfen 
der Weidenrinde: Niklos, mach mer min Piff 
los! Anne Gret, mach daß min Piff geht! Saft- 
Saft-Sinn. Keän ean die Minn (— Kerne, Frucht 
in die Mühle), Schdeab (— Staub. Hülse) ean 
die Bach: dout mai Paifche ean healle Krach. 
Wunderbar ist das Auftreten des blinden Hessen 
in den Reimen, die beim Bastablösen vom 
Waldeckschen durch die Ruhrgegenden bis an die 
Grenze des Bergischen gesungen werden, z. B. 
in einem Arnsbergischen Liedchen: Liuke, liuke 
Pype — vannär feiste rype — Maidach Maidach 
— wan de Vuegel en Ai lach — dan küemt 
dai blinne Hesse — met synem scharpen Messe 
— snit dem Kinne 't Bäin af — 'n Kop 
af ruts af. Aus Baumrinde machen sich die 
Kinder Schiffchen mit Mast und Leinen-segel; 
aus biegsamen Aesten Bogen und die Pfeile 
dazu aus Schilfrohr; Kürbisse höhlen sie 
aus, schneiden Mund, Augen und Nase hinein, 
um sie, mit einer Kerze im Innern, Abends auf 
dem Hofe als Gespensterlaterne leuchten zu lassen; 
von den großen Gänseblumen zupft man die 
weißen Strahlenblüthen ab zu dem Spruche: 
158) Edelmann, Bedelmann, 
Doktor, Pastor, 
Bierbrauer, Bäcker, 
Schweinemajor. 
Die Jungen suchen daran scherzweise ihren Be 
ruf, die Mädchen den ihres zukünftigen Mannes 
zu erkennen. Allbekannt ist Gretchen's Blumen 
spiel: er liebt mich, er liebt mich nicht, er — 
liebt — mich; ja, schon Walther von der Vogel 
weide sang: si tuot, si entuot; si tuot, si
	        

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