Full text: Hessenland (5.1891)

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schließlich als Kenner, als ihm die fertige Nieder 
schrift gezeigt wurde, seine hohe Freude darüber 
äußerte, daß nun „die Gedanken weit richtiger, 
die Schreibart viel deutlicher sei." 
Es war dieselbe Zeit, in der der Minister 
selbst mit der Umarbeitung seines im Jahre 1780 
erschienenen Werkes „Nachrichtvon dem pommerschen 
Geschlechte der von Sliwin oder Schliessen" be 
schäftigt war, die er im Jahre 1784 vollendete 
und in Kassel dem Druck übergab. Die weiteren 
Theile, die bis 1784 auf einmal, dann jahrweise 
abgefaßt und mit 1819 beschlossen wurden, sind 
nach des Verfassers Tode 1830 und 1840 in 
Berlin gedruckt und aus dem Grunde, weil sie 
nicht dem buchhändlerischen Vertrieb übergeben 
wurden, selten geworden. Der erste Band wurde 
bei seinem Erscheinen 1784 von allen Seiten 
mit ungetheiltem Beifall aufgenommen; er ent 
hält, auf bester urkundlicher Grundlage ausgebaut, 
die Geschichte der verschiedenen Zweige des Ge 
schlechts bis in's 18. Jahrhundert hinein; voran 
geschickt ist eine ausführliche Abhandlung von 
der Beschaffenheit des deutschen Adels in alten 
und mittleren Zeiten, die nach dem Urtheile 
der Berufenen noch bis auf den heutigen 
Tag zu dem Besten gehört, was jemals über 
diesen Gegenstand geschrieben ist. Die folgenden 
Abschnitte setzen dann mit 1732, dem Geburts 
jahre des Verfassers ein; reich fließt die Dar 
stellung dahin für die Jahrzehnte des 18. Jahr 
hunderts. für die Zeit von Schliefsen's glänzender 
Thätigkeit, spärlicher werden die Aufzeichnungen 
naturgemäß von dem Beginn des neuen Jahr 
hunderts ab. Dies Werk überschreitet weit den 
oft enggeschlossenen Rahmen eines Familien 
buches, es giebt uns in dem rcichbewegten Leben 
seines Helden ein gutes Stück zeitgenössischer 
Geschichte und wird so zu einer werthvollen, 
geschichtlichen Quelle. 
Wir haben das Werk inhaltlich in großen 
Zügen kennen gelernt dadurch, daß wir es 
naturgemäß zur Grundlage unserer Lebens 
schilderung Schlieffen's nehmen mußten, es er 
übrigt. es nach seiner sprachlichen Seite zu 
beleuchten. 
Wer immer von Neueren über Schlieffen ge 
schrieben hat, hat es wohl schwerlich unterlassen, 
über den Stil des Mannes, dessen Härte, Ge 
spreiztheit und Alterthümelei herzuziehen, und wir 
geben gern zu, daß dies Urtheil in vielen Stücken 
wohlbegründet ist. Zu den Eigenheiten dieses 
Stils gehört aber auch in erster Reihe die 
Wahl der Worte, die Vermeidung des 
Fremdwortes und seine Ersetzung 
durch Verdeutschung und Neubildung. 
Schlieffen spricht des öfteren seine Ansichten 
über die von ihm befolgten Grundsätze 
aus, und jede Seite des Werkes ist schließlich 
ein redendes Beispiel dafür, wie er sie verwirk 
lichte. Als Jüngling unter französischem Ein 
flüsse groß geworden, hat er als Mann während 
seiner besten Jahre die französische Luft am 
Kasseler Hofe eines Friedrich II. geathmet. Er 
beherrscht die fremden Sprachen und ist bewandert 
in den fremden Literaturen, während er den deutschen 
Geisteserzeugnissen der Zeit, wenn auch nicht 
unbekannt mit ihnen, doch kühl gegenübersteht. 
Ich kenne in dieser Hinsicht keine bezeichnendere 
Aeußerung Schlieffens als die, die er in einem 
noch ungedruckten, auf der Kasseler Landesbibliothek 
befindlichen Briefe thut. Hier heißt es in einer 
Auseinandersetzung über die Kunstarten und 
die Kunstübung: „Meisterstücke in einer jeden 
Gattung mögen also ewig unsre Muster bleiben. 
Ich wünsche das Thukidides Sallust Tacitus 
in der geschichte, die schönen Stellen des Homers 
. . . Vergilius, Tasso, Wenig aus Milton, 
nichts von Klopstock als die harmonische 
Wortfügung in der Epischen Dichtkunst, 
Racine und Voltaire nicht Göthe, nicht 
Lessing (Vergeben sie mir diese lästrung) 
in der dramatischen rc. der unwandelbare 
gegenständ unsrer nacheifrung werden und das 
Wir uns nur gerade so viel von ihrer Manier ent 
fernen als es nöthig ist." Und dieser selbe Mann 
ist doch, — das ist so sehr bemerkenswerth und 
anzuerkennen, — in seiner Schreibweise „Purist" 
der strengsten Richtung und läßt sich als solcher 
selbst zu Lächerlichkeiten und Abgeschmacktheiten 
verleiten. Aber man sollte über allen diesen 
Entstellungen und Uebertreibungen nicht das 
Gute übersehen, das in den Bestrebungen jenes 
Sonderlings liegt; lobenswerth bleibt vor allem 
der warme Eifer und die tüchtige Gesinnung, 
die sich in ihnen ausspricht, und das ernste und 
redliche Wollen, das er selbst am wenigsten für 
vollkommenes Vollbringen gehalten wissen will. 
Schlieffen will keine „Ansprüche auf Sprach- 
verbesserung" haben und erheben, er kann im 
Gebrauche seiner Muttersprache weder auf Wohl- 
redenheit noch auf Richtigkeit Anspruch machen, 
war sie doch unter sechs oder sieben die letzte, womit 
er sich beschäftigte, und dieses erst ganz zufällig 
im herannahenden Alter. Schön vergleicht er sich 
selbst mit einem reuevollen Ueberläufer, den 
Heimweh spät wieder zu der vaterländischen 
Fahne hinzieht, nachdem er seine besten Jahre 
bei Fremden draußen gedient hat. Ihm selbst 
wird es schwer, deutsch zu schreiben, denn er 
will wirklich deutsch schreiben. „Bis zum 
Ekel anstößig ist ihm das oft ohne Noth er 
borgte Flickgewand seiner Muttersprache, am 
anstößigsten die allzusehr verfremdete Mundart" 
des eignen Berufs. Ein echter deutscher Kriegs
	        

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