Full text: Hessenland (5.1891)

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sich der hessische Volksstamm durch die großen Er 
eignisse rasch in die größere Familie eingelebt. 
Unter Hinweis auf dcn Krieg von 1870/71 betonte 
der Redner das feste Vertrauen des hessischen Volkes 
zu seinen Kaisern iiub Königen, bei denen dasselbe 
erkannt habe, daß sie das Wohl des Volkes auf dem 
Herzen trügen und ständig danach strebten, dem 
Vaterlandc die Segnungen des inneren und äußeren 
Friedens zu erhalten. Aus dieser Erkenntniß heraus 
habe sich die treue Anhänglichkeit des hessischen Volkes 
an das Kaiserliche und Königliche Hans entwickelt, 
und stehe dieselbe hinter derjenigen keiner anderen 
Provinz mehr zurück. Diesen Gefühlen der Treue 
und Ergebenheit Ausdruck geben zu dl'nfen, sei den 
hessischen Ständen ein Bedürfniß gewesen, sie fühlten 
sich daher den Majestäten zu besonderem, neuen 
Danke verpflichtet, daß ihnen Gelegenheit gegeben 
worden sei, dieselben hier aussprcchen zu können. 
Redner schloß mit einem stürmisch aufgenommenen 
Hoch auf ihre Majestäten. 
Der Kaiser erwiderte nach dem „Reichsanzeiger", 
wie folgt: 
„Im Namen der Kaiserin und in Meinem Namen 
danke Ich für die freundlichen Worte und für den 
liebenswürdigen Empfang, der Uns zu Theil ge 
worden ist. Aus Münchens Gefilden hergekommen, 
wo Ich den bayerischen Heerbann besichtigte und vom 
bayerischen Volk mit inniger Liebe und Treue auf 
genommen worden bin, bin Ich jetzt hier zur Stelle, 
um die stahlbcwährtcn Söhne des Hessenlandes einer 
Besichtigung zu unterziehen. Es wird wohl Nie 
mandem von Ihnen wunderbar erscheinen, wenn 
Mich beim Betreten des Kasseler Bodens eigen 
thümliche Gefühle bewegen. Wenn Ich an Meine 
Jugendzeit zurückdenke, von der Ich 2* 2 glückliche 
Jahre hier verleben durfte, so erhebt sich in inniger 
Verbindung mit diesen Jugenderinnerungen vor Mir 
zunächst das Bild Meines verewigten Herrn Vaters, 
in dessen Stabe es Mir vergönnt war, den Einzug 
der Hessischen Regimenter in Kassel im Jahre 1871 
zu erleben. Das war das erste Mal, wo Ich in 
Kassel gewesen bin. Der Einzug hat auf Mich 
einen tiefen Eindruck gemacht mit dem Jubel der 
Bevölkerung über die heimkehrenden Streiter, mit 
dem Jubel über den wiederauferstandenen Deutschen 
Kaiser und das Deutsche Reich. Seit Meiner 
Schulzeit sind fünfzehn Jahre verflossen und auf 
jene Zeit ist nunmehr eine Zeit schwerer Verant 
wortung gefolgt, die Gott der Herr auf Meine 
Schultern gelegt hat. Die stille Arbeit, die Ich hier 
habe vollführen können, hat Früchte gezeitigt, von 
denen Ich hoffe, daß sie zum Wohl Meines Volkes 
gereichen werden. Auf den Bahnen, die Meine 
Vorgänger beschritten, bin auch Ich entschlossen zu 
wandeln. 
Ebenso wie für Mein altes Preußen schlägt Mein 
Herz warm auch für das Hessenvolk, und Ich ver 
sichere die Provinz Meiner Kaiserlichen Huld und 
Gnade. Ich spreche dabei zugleich die Hoffnung 
aus, daß die Provinz auch Mir in Meinem schwer?« 
Kampf und bei Meinen schweren Arbeiten helfend 
und thätig zur Seite stehen möge, ebenso in der 
Arbeit im Innern, wie die kampfbereiten Söhne 
zum Schutz des Friedens nach außen. 
Und so erhebe Ich denn Mein Glas und trinke 
es auf das Wohl der Provinz und ihrer Vertreter: 
sie leben hoch! — hoch! — hoch!" 
Gegen 10 Uhr wurde die Tafel aufgehoben, und 
Ihre Majestäten betraten mit den Fürstlichkeiten 
und gefolgt von sämmtlichen Tischgästen den großen 
Empfangssaal, um von da aus die Serenade der 
Kasseler Sänger anzuhören. 
Nach Schluß der Festlichkeiten begaben sich der 
Kaiser und die Kaiser! n nach Schloß W i l - 
h e l m s h ö h e. Am Sonnabend Morgen fuhren der 
Kaiser und die Kaiserin von Wilhelmshöhe zunächst 
nach Niederzwehren, stiegen dort mit ihrer nächsten 
Umgebung zu Pferde, worauf der K a i j e r von 9 Uhr 
ab in der Gegend zwischen Niederzwehren und Rengers- 
hausen, östlich der Straße Kassel-Holzhausen über das 
X I. A r m e e k o r p s die g r o ß e Herbst - Manöver- 
parade abhielt. Auch der König von Sachsen und 
sämmtliche königlichen Prinzen und Prinzessinnen 
sowie sämmtliche Fürstlichkeiten, welche zu dcn 
Manövern geladen waren, nebst ihrer Umgebung, 
die Militär-Bevollmächtigten und zahlreiche fremd 
herrliche Offiziere wohnten der Parade bei. Unter 
den anwesenden Fürstlichkeiten befanden sich außer 
dem Könige von Sachsen der Prinz und die 
Prinzessin Heinrich von Preußen, die Großherzoge 
von Sachsen und Hessen und bei Rhein, der Herzog 
und die Herzogin von Edinburg, nebst den Prinzessinnen 
Maria und Viktoria von Großbritannien und Irland, 
ferner der Prinz Alfred von Großbritannien, der 
Prinz Ferdinand von Rumänien sowie der Regent 
von Braunschweig, Prinz Albrecht von Preußen, der 
Erbgroßherzog von Sachsen, der Prinz Heinrich von 
Hessen und bei Rhein, der Fürst zu Waldeck-Pyrmont, 
die Erbprinzessin von Sachsen-Meiningen und die 
Prinzessin Adolf zu Schaumburg-Lippe :c. — Nach 
Schluß der Kritik, in welcher sich der Kaiser äußerst 
lobend über die Haltung der Truppen aussprach, 
kehrte er mit der Kaiserin zu Wagen nach Wil 
helmshöhe zurück. Gegen 6 Uhr erfolgte durch die 
prachtvoll ausgeschmückte Kaiser- und Hohenzollern- 
straße, wo die zesammte Kasseler Schuljugend den 
Majestäten ihre Huldigung darbrachte, die Anfahrt 
der hohen Herrschaften und deren Gäste zum 
Paradediner im Kasseler neuen Schlosse. Eine 
zahlreiche Menschenmenge bildete auf dem ganzen 
Wege ein dichtgedrängtes Spalier. Bei dem Diner 
brachte der Kaiser auf das XI. Armeekorps folgenden 
Trinkspruch aus
	        

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