Full text: Hessenland (5.1891)

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Getreuen, saß aus einem Baumstumpf der Franken 
berger Sauhirt, Klaus Ohngemach, und vor ihm, 
in der Sonne liegend, ein großer Hund von 
ebenso häßlichem, als bösartigem Aussehen, mit 
welchem er ein andächtiges Zwiegespräch zu führen 
schien, denn beide knurrten sich mit pfiffigem Augen 
zwinkern gegenseitig an. Dieser idyllische Ge 
fühlsaustausch, der schon eine Weile gedauert 
hatte, sollte nunmehr jedoch auf eine sehr rück 
sichtslose Weise gestört werden, denn da sich weit 
und breit Niemand sehen ließ, der den Hirten 
und seine Zöglinge hätte in Schutz nehmen können, 
so brachen plötzlich die sieben Wegelagerer aus 
dem Gebüsch hervor und fielen über Klaus 
Ohngemach her. Mit leichter Mühe hätten sie 
den alten Mann, der nichts zu seiner Ver 
theidigung als seinen eisenbeschlagenen Stock 
mit sich führte, überwältigt, wenn Zottel, der 
Hund, nicht gewesen wäre. Dieser sprang mit 
gesträubten Borsten Melchior an die Kehle und 
nur der eiserne Kragen, den derselbe trug, schützte 
ihn vor den wüthenden Bissen des treuen Thieres. 
Von einem Schlag getroffen, stürzte Zottel mit 
jämmerlichem Geheul zu Boden, im nächsten 
Augenblick aber fuhr er unter die Knechte, die 
Klaus Ohngemach mißhandelten und brachte sie 
durch seinen Angriff in einige Verwirrung. Bald 
jedoch erhielt er einen zweiten Schlag, der ihn 
leblos zu den Füßen seines Herrn hinstreckte. 
Das Hülferufen des der Uebermacht nun völlig 
preisgegebenen alten Mannes wurde durch einen 
Knebel erstickt. Man band Klaus die Arme auf 
den Rücken und zwang ihn unter rohen Scherzen 
zum Niederknieen, um mit demüthig gesenktem 
Haupte die Rede des vor ihm stehenden Melchior 
anzuhören, welche folgendermaßen lautete: „Wie 
kannst Du Dich erdreisten, verworfenster aller 
Frankenberger Gelagzahler, mit Deiner grunzenden 
Heerde meinen Pfad zu kreuzen, oder hat der 
Teufel, der hier in der Gegend von Altersher 
als Euer Abgott Hammon ja sein Haupt 
quartier aufgeschlagen haben soll, die sämmtlichen 
Frankenberger in Schweine verwandelt und dich 
zum Obersten, will sagen zum Bürgermeister über 
sic gesetzt? Antworte, Du Teufelbraten, oder es 
geht Dir schlecht!" Da aber Klaus Ohngemach 
einen Knebel im Munde hatte, so vermochte er 
keinen Laut hervorzubringen, und Melchior fuhr 
unter dem Gelächter seiner Bande weiter fort: 
„Du erwiderst nichts, also erkennst Du meine 
Worte zu Recht bestehend au. Das ist schlimm 
für Dich, Klaus Ohngemach, denn als ich mein 
eines Auge und fünf Finger verlor, da habe 
ich geschworen, den Bürgermeister von Franken 
berg, sofern er in meine Hände fallen sollte, 
auszuhängen und allen Einwohnern des elenden 
Nestes, über die ich Gewellt erhielt, die Kehlen 
abzuschneiden. Nun kann ich meinen Schwur 
halten, denn Du bist ja, nach Deiner eigenen 
Aussage, der nunmehrige Bürgermeister von 
Frankenberg, Dich werd ich also hängen und Deine 
Ortsangehörigen von hinnen treiben und ihnen, 
wenn sie fett genug sind, den Garaus machen." 
Das Ende des gcwaltthätigen Vorgangs, der 
nun folgte, war, daß der arme, alte Mann von 
den Bösewichtern an die nächste Eiche aufgehängt 
und die ihm anvertraut gewesene Heerde nach 
der Battenbergischen Veste davon getrieben wurde. 
Noch etwa eine halbe Stunde von derselben 
entfernt, traf Melchior und sein Gefolge wieder 
mit dem Hauptzug zusammen, der sich, den ver 
letzten Ritter in der Mitte, nur langsam fort 
bewegen konnte. Die Ankömmlinge mit ihrem 
Schlachthauszuwachs wurden jubelnd begrüßt 
und ebenso die Berichte ausgenommen, die sie 
von dem Halsgericht machten, das über den 
neuen Frankenberger Bürgermeister gehalten worden 
sei. Herr Friedrich jedoch vernahm nichts davon, 
theilnamlos lag er auf der Trage und dachte 
bei seinen Schmerzen nur daran, was Dame 
Mathilde zu seiner gar so kläglichen Heimkehr- 
sagen werde. Hoch zu Roß mit flatterndem 
Helmbusch war er ausgeritten, den rothen Hahn 
auf die Thürme von Frankenberg zu setzen, und 
nun kam er zurück mit zerschlagenen Gliedern, 
besiegt von ein paar Hornissen, deren Lagerstätte 
angegriffen worden war. Sollte er die Bürger 
in Waffen für geringer halten als diese unter 
geordneten Thiere, welche zu ihrer Vertheidigung 
nichts ihr Eigen nannten als den ihnen von der 
Natur verliehenen Stachel? Oder war ein hohler 
Baum etwa ein rechtmäßigeres Eigenthum, als 
eine mit Mühe und Fleiß errichtete Stadt? Der 
ihn betroffene Unglücksfall schien ihm ein Gottes 
gericht zu sein, und er scheute sich ebenso vor 
dem seelenvollen Strahl aus Mathildens Augen 
wie vor der Bußpredigt, die ihren Lippen ent 
fließen würde. Wäre es angegangen, so hätte 
er sich weit weg in die Einsamkeit tragen 
lassen, da seine Mannen einen solchen Befehl 
aber nicht Folge geleistet hätten, so sehnte er 
sich vorerst nur danach, so schnell und so unbe 
merkt wie nur möglich in sein Burggemach 
und unter die Hände des heilkundigen Kaplans 
zu kommen. 
(Fortsetzung folgt.)
	        

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