Full text: Hessenland (5.1891)

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Brummen, aber unheildrohend genug. Der 
Ritter nahm, indem er sich im Sattel zurecht setzte, 
die Dienste Melchior's an, und dieser eilte, sobald 
er sich bei seiner jungen Gebieterin seines Auf 
trags entledigt, dem Zug, der mittlerweile die 
Veste verlassen hatte, nach. Die Gegend schimmerte 
rings im Sonnnengolde, in den Lüften sangen 
die Lerchen und von den Wiesen, über welche 
Reisige und Knechte stampften, drangen aus den 
zerdrückten Blumen und Gräsern die balsamischsten 
Düfte. Zwei Stunden mochte der Marsch ge 
dauert haben, da ließ Friedrich Halt machen in 
einem kleinen Gehölz, damit Roß und Knecht 
sich ein Weniges verschnaufen konnten, denn in 
der Ferne tauchten schon die Thürme von Franken- 
berg im sonnigen Glanze empor, und ehe noch 
eine weitere Stunde verronnen, sollten, wie es 
des Ritters Absicht war, eben dieselben Thürme 
ein Raub der Flammen sein und mit Rauch und 
Qualm das Zetergehcul der um ihre erschlagenen 
Männer und Väter klagenden Weiber und Kinder 
sich zum Himmel erheben. Mit siegesgewissem 
Lächeln gab nach einer Weile Herr Friedrich das 
Zeichen zum Aufbruch, und rasselnd setzte der 
Zug sich von Neuem in Bewegung. Als derselbe 
das Gehölz verlassen hatte, bemerkte Sasso, 
welcher neben Friedrich ritt. daß ein Baum, der 
dicht am Wege stand, ein wenig hohl war. 
„Es wird doch nicht wieder ein Eckhart Holz- 
schuher darin stecken, wie im Wald bei Gießen?" 
rief er lachend und stieß mit seinem Speer den 
Baum an. Kaum war er aber an diesem vor 
beigeritten, als sein Pferd auszuschlagen begann 
und alle Zeichen eines heftigen Schmerzes von 
sich gab, zu gleicher Zeit bäumte sich auch Herrn 
Friedrich's Roß und machte einen gewaltigen 
Sprung zur Seite. Durch den muthwilligen 
Stoß Sasso's an den hohlen Baum war ein 
Hornissennest in Bewegung gekommen, und die 
wüthenden Thiere fielen nun mit ihrer ganzen 
Macht über die unbedeckten Stellen der Pferde 
her. Diese bockten, stiegen in die Höhe und 
drehten sich im Kreise, die Reiter rissen sie in 
die Zügel, schrieen und fluchten, die Knechte eilten 
ihnen zu Hülfe und schlugen auf die Hornissen, 
ohne diesen viel Schaden zu thun, trafen viel 
mehr die Rosse und machten sie noch wilder. Es 
war ein entsetzlicher Tumult, der seinen Höhepunkt 
erreichte, als das durch die Wespenstiche zur 
Verzweiflung getriebene Roß des Ritters nicht 
mehr zu bändigen war, sich umkehrte und nack 
dem eben verlassenen Gehölz zurück jagte, wobei 
mehrere Knechte, die cs aufhalte» wollten, zv 
Boden geschleudert wurden. Ehe Friedrich von 
Battenberg die Herrschaft über den dahinrasenden 
Gaul wieder erlangen konnte, war derselbe 
blindlings an einen Baum angeprallt und stürzte 
mitsammt seinem Reiter krachend zu Boden. 
Einige der Kriegsleute eilten hinzu, und einen 
Augenblick später stand das geüngstigte Thier, 
sich mächtig schüttelnd, wieder auf den Beinen, 
der junge Ritter aber, dem der Helm entfallen 
war, lag mit einer grimmigen Miene auf seinen 
rechten Arm gestützt da. Trotz aller Anstrengung 
konnte er sich nicht erheben, da er bei dem Sturz 
eine Verletzung am Fuß erhalten und, wie es 
sich in der Folge herausstellte, drei Rippen ge 
brochen hatte. Die Thürme von Frankenberg 
vor Augen hielt er es für gerathen, unter solchen 
Umständen den Rückzug anzutreten, da es ihm 
unmöglich war, den Sturm zu leiten, und sein 
ganzer Haufe durch den lächerlichen Kampf niit 
den Hornissen sich in einer nichts weniger als 
heldenmüthigen Stimmung befand. Erließ Sasso, 
den unschuldigen Anstifter des ganzen Unglücks, zum 
Sammeln blasen und sich selbst auf's Pferd heben, 
verniochte sich aber nicht im Sattel zu erhalten, 
sodaß er gezwungen war, auf einer aus Baumästen 
hergestellten Trage gar demüthiglich den Heim 
weg anzutreten. Beim Abmarsch fehlte Melchior 
Kamm, sowie noch einige Knechte, und Sasso 
meinte mit verbissenem Lachen, die Hernsen 
hätten sie wohl bis zur Battenberger Veste zu 
rückgeschlagen. Dem war indes nicht so, und 
während der Zug mit dem heimgesuchten Ritter 
sich langsam von dannen bewegt, sei dem Tre- 
furt'schen Steuererheber von ehedem einige Auf 
merksamkeit geschenkt. Als Melchior erkannte, 
daß der Krieg gegen Frankenberg für heute zu 
Ende sein würde, hatte er ein halbes Dutzend 
plünderungssüchtiger Strolche, wie er selbst 
Einer war, aus dem Battenbergischcn Haufen 
zusammengelesen, um auf eigene Faust noch etwas 
zu erbeuten, und war mit diesen auf einem Schleich 
weg der Stadt immer näher gerückt. Wie aus 
gelernte Strauchdiebe bewegten sie sich vorwärts, 
jede Deckung benutzend und rings umherspähend, 
ob sich ihnen nichts zeige, das ihrer Beachtung 
werth sei, aber weder Huhn noch Hahn krähte 
nach ihnen und auch kein fetter Gänsebraten war 
zu ergattern. Schon fingen Melchior's Spieß- 
gesellen an, ungeduldig zu werden, da drangen 
Laute an ihre Ohren, die urplötzlich so helles 
Schmunzeln über ihre Gesichtszüge verbreiteten, 
daß dieselben fast verklärt ausgesehen hätten, 
wenn es nicht zu schreckliche Galgenphysiognomien 
gewesen wären. Diese herzerhebenden Töne 
waren im eigentlichen Sinne des Wortes jedoch 
ein Grunzen zu nennen, denn sie rührten von 
nichts Anderem, als von einer Heerde Schweine 
her, die sich in einem feuchten Grunde umher 
trieb, auf welchen das beutelustige Gelichter 
bei einer Biegung des Felsenpfadcs, trium- 
phireud hinabblickte. Sorglos, inmitten seiner ^
	        

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