Full text: Hessenland (5.1891)

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setzung, die den ersten Gedanken nur plumper 
und ohne den kunstvollen Gleich-Anlaut wieder 
holt: 
1J8) Doch mancher nicht weiß, 
XOtx mancher Mann ist, 
Drum mancher Mann manchen Mann 
Manchmal vergißt. 
Neben diesen Lautspielen haben die Kasseler- 
Kinder noch ihre eigenen Sprachen, welche Zunge 
und Ohr in noch höherem Grade drillen und 
schärfen, die Erbsen-, die B- und die H-Sprache. 
Sv lautet das Wort Mairegen in der ersten 
dieser drei Kindersprachen: Marbesen — Arbesen 
— Jrbesen — Rerbesen — Erbesen — Gerbesen 
— Erbesen - Rerbesen; in der zweiten: Maibai 
— Rebe — Graben; in der dritten: Maihailefai 
— Rehelefe — Genhenlefen. Aehnlich ist das 
Spielen mit dem Wortton, wobei z. B. Gespenster 
zu Gvspen - stör oder Ladenfenster zu Lad - önsensterr 
wird, oder: Die Kuh rannte, bis sie fiel, zu: 
110) Dickurantebisstfiet. 
Schon Fischart im 16. Jahrhundert kennt gleiche 
Scherze: Kuhrantzumvieh; Virlamenten; Kukleaß. 
Noch weiter in deni Verzerren der einzelnen 
Satzglieder geht der für die Satzzeichenlehre 
wichtige Scherz, der so oder ähnlich auch im 
andern Deutschland gesagt wird: 
120) Es schrieb ein Mann an eine wand: 
Zehn Finger hab ich an jeder Hand 
Fünf und zwanzig an Handen und Füßen. 
Bei fast all' diesen Sprüchen haben die Kinder 
ihre Freude an der größten Gewandtheit der 
Zunge; weit sinniger aber ist das Wettspiel, wo 
nicht die Schnelligkeit des Gliedes, sondern des 
Geistes den Sieg erringt, wir meinen das Räthsel 
spiel, zu dem schon die letzten Sprüche über 
leiteten. Jetzt ist das Räthsel nur ein heiteres 
Spiel, einst war's ein ernster Kampf um Gut 
und Leben, um Braut und Ehre, wie uns manches 
alte Heldenlied meldet. Richter 14. 12: Simson 
aber sprach zu ihnen: Ich will euch ein Räthsel 
aufgeben. Wenn ihr mir das errathet und treffet 
diese sieben Tage der Hochzeit, so will ich euch 
dreißig Hemden geben und dreißig Feierkleider. 
Könnet ihr es aber nicht errathen, so sollt ihr 
mir dreißig Hemden und dreißig Feierkleider 
geben. Und sie sprachen zu ihm: Gib dein 
Räthsel auf, laß uns hören. Er sprach zu ihnen: 
Speise ging von dem Fresser und Süßigkeit von 
dem Starken. Und sie konnten in dreien Tagen 
das Räthsel nicht errathen. Am siebenten Tage 
sprachen sie zu Simson's Weibe: Ucbcrrede Deinen 
Mann, daß er uns sage das Räthsel; oder wir 
werden Dich und Deines Vaters Haus mit Feuer 
verbrennen. Ebenso feiert die hebräische Sage 
(1. Könige 10, 1 ff.) den König Salomo als 
den weisen Herrscher besonders dadurch, daß sie 
ihm die Gabe des Räthsellösens ertheilt: Und 
da das Gerücht Salomo's, von dem Namen des 
Herrn, kam vor die Königin vom Reich Arabien, 
kam sie, ihn zu versuchen mit Räthseln. Und 
sie kam gen Jerusalem mit einem sehr großen 
Zeug, mit Kameelen, die Spezerei trugen und 
viel Geld und Edelgesteine. Und da sie zum 
Könige Salomo hinein kam, redete sie mit ihm 
alles, was sie sich vorgenommen hatte. Und 
Salomo sagte ihr alles, und war dem Könige 
nichts verborgen, das er ihr nicht sagte. — Eine 
weit schlimmere Räthselgeberin tritt in der 
griechischen Sage auf, die thebanische Sphinx. 
Wie stimmen wir doch in den Jubel der lange 
geängstigten Thebaner ein, als Oedipus, der Held 
des Schwertes wie des Geistes, das Räthsel sieg 
reich löst: Am Morgen geht's auf vier Füßen, 
am Mittag auf zwei, am Abend auf drei Füßen. 
Da stürzt sich das Löwenweib wuthschnaubend 
vom Felsen in den Abgrund hinunter. — In der 
germanischen Sage nun eignet dem Räthsel 
noch viel häufiger diese fast unheimliche Macht. 
Da gelobt z. B. König Heidhrekr, um sich von 
einer schweren Mördschuld zu sühnen, er werde 
jeden Frevel gegen seine Person Jedem verzeihen, 
der ihm unlösbare Räthsel und Fragen vorlegen 
könne. Drum flehte Gesti, wegen vielfacher Ver 
gehen gegen den König vor Gericht gefordert, 
unter Opfern den Odhin um Hilfe an, und der 
gütige Gott ging in Gesti's Gestalt an den Hof 
und gab dem König 30 Räthsel auf. Heidhrekr 
aber löste sie alle. Das vorletzte dieser Räthsel 
lautete: Wer sind die zwei, die zum Thing 
(= Versammlung) fahren? Drei Augen haben 
sie zusammen, zehn Füße und einen Schweif, so 
reisen sie über Land. Die Antwort war: der 
einäugige Odhin mit seinem achtfüßigen Rosse 
Sleipnir. Bei diesen Geistesschlachten strahlten 
gewiß die Augen der alten Germanen ebenso 
muthig und siegesfreudig wie im Kamps mit 
Schwert und Speer. Das fühlen wir bei der 
hohen Bedeutung, die das Räthselspiel in der 
alten Götter- und Heldensage hat. Galt es doch, 
nicht nur die gleiche Stärke und Schnelle des 
Leibes, sondern die Ebenbürtigkeit des Geistes 
freudig zu bewähren. Auch in der späteren Sage 
und dem Schriftthum des Mittelalters nimmt 
das Räthsel immer noch eine wichtige Stelle ein. 
Der weltbekannte Sängerkrieg auf der Wartburg, 
den einst die berühmtesten Dichter des deutschen 
Volkes abhielten, bestand doch im Wettsingen 
von Liedern und Räthseln: es ging da um den 
Kopf, denn „ohne Friede" wurde gesungen. — 
Cyriacus Spangenberg (vgl. Hessenland 1890, 
S. 53) gedenkt im Ehespiegel, Straßburg 1578, 
S. 250, b., der schönen, damals nicht mehr üb-
	        

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