Full text: Hessenland (5.1891)

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sonders guter Freund, wie etwa der vortreffliche 
Dohm, so durfte er auch einen mehr als flüchtigen 
Blick werfen in die sonst wohl verwahrten hand 
schriftlichen Aufzeichnungen, in denen der Alte 
die Summe seines reichen Lebens zog. War der 
Fremde weg, dann wurde es wieder einsam. 
Selbst die Assen, die lustigen, anhänglichen Be 
gleiter von einst, denen ihr Herr ein so rührendes 
Denkmal gesetzt hat. fehlten ja, seitdem sie, von 
Tvllwuth erfaßt, in den achtziger Jahren zum Tode 
vcrurthcilt worden waren. Wenn sog. alte Leute 
(aus ihrer Erinnerung) den alten Herrn auch 
noch später mit seinen Affen gesehen haben wollen, 
so widerspricht dies einfach den Thatsachen, und 
die alten Leute haben sich eben versehen. 
In Windhausen schloß Schliessen hochbctagt 
am IO. September 1825 die Augen zum ewigen 
Schlummer; in der Südosteckc des Wäldchens 
steht eine schlichte Kapelle; hier wurden die 
Ueberreste am frühen Morgen des 19. still zur 
Ruhe bestattet. An der Südwand liest der 
Wandrer die dort vom Erbauer selbst schon 
früh verfaßte schöne Inschrift: 
Grabmal des ersten Schliessen, der jene ein 
same Dächer besaß, in ihrer Stille im sie um 
schattenden Haine dem lästigen Wandel der Hofe, 
den Friedensmühen des Kriegers so oft als 
möglich entwischt, fand er vom Schicksal begünstigt, 
vielleicht auch durch Denkart geführt, mehr süße 
als herbe Stunden. Dankbar für jene, gefaßt 
auf diese, ruhig über die Zukunft. 
„In ihm", so hieß cs vom Entschlafenen in einem 
Nachruf vom 19. September, „ist... einer der ge 
bildetsten Geister von dieser Erde geschieden, ein 
Mann, der im Krieg und im Frieden sich gleich 
hervorgethan, und dessen Geist, wenn er auch in den 
letzten Tagen der Bürde so hohen Alters einiger 
maßen unterlegen, nicht selten noch bis kurz vor 
seinem Entschlummern ans bewundernswürdige 
Art wieder aufloderte." <Forisch>mg solqt.) 
asseler Winöerlieöchen, 
gesammelt und erläutert von Dr. Gustav GsKuche und Johann Tewaller. 
(Forschung.) 
Hier reihen sich auch die mannigfachen 
Sprechübungen an, deren sich freilich bei 
uns im Vergleich zu andern deutschen Land 
strichen gar wenige erhalten haben. Eigenartig 
ist der Scherz, wo ein Kind behauptet, das andere 
könne ihm nicht folgende drei Sätze richtig und 
geläufig nachsprechen: 
107) Der Kater ist schwarz, 
Die Katze ist weist, 
's ist schon fatsch. 
Selbst die ältesten Leute stutzen da zuweilen, in 
dem Wahne, der dritte Satz bezweifle ihre richtige 
Wiedergabe der beiden ersten Sätze. Aehnlich ist 
die Aufforderung: 
108) Sage mal: Der Hahn, der Hahn und nicht das Huhn. 
Und auf demselben Witze beruht das sehr 
beliebte Kasseler Märchen von der heiligen 
Elisabeth in der Obersten Gasse, frage man: 
„Elisabeth, was wachste dann?" so antworte 
sie: „Nix." Ich weiß noch, wie so ein 
kleiner Bursche, ärgerlich über das hartnäckige 
Schweigen der steinernen Heiligen, nach ihr zu 
werfen suchte und dann heulend zu den ältern 
Jungen lief, die den Angeführten hohnlachend 
empfingen. An eigentlichen Sprechübungen, bei 
denen das eine Kind vorspricht, das andere 
möglichst schnell und glatt nackzusprechen sucht, 
sind folgende in Kassel beliebt: 
100) Fischers Fritz fängt frische Fischt. 
110) Der Kutscher putzt den Postkutschkasten. 
111) Kein klein Kind kann keinem König, 
Keinem Kaiser keinen Kaldkopf kochen. 
112) Konstantinopolitanischer Dudelsackspfeisergeselle. 
113) Ein Schock sächsische sechseckige Schuhzwecken. 
114) Der Metzger wetzt das Metzgermester 
auf des Metzgers Wetzestein. 
113) \\Y\x Westerwälder Weiber wollen weiste Wäsche waschen, 
wenn wir wüßten, wo weiches, warmes Waschwasser 
wär. 
Da denkt wohl Mancher an den Woll-Jägerspruch: 
Wer weise, wählt Wolle! 
116) Der dicke Dieb dräzl de» dünnen Dieb durch de» dicken 
Dreck durch. , ej ° ^ ^ ^ < 
So schön wie alt ist folgender Lcbcnssprnch: 
117) Wenn mancher Mann wüßte, 
Wer mancher Mann wär', 
Gäb mancher Mann manchem Mann 
Manchmal mehr Ehr. 
So schrieb schon der fromme Mystiker Rnol- 
man Merswin ans Straßbnrg am Schlüsse 
seiner Predigtbücher im Jahre 146.5: Mench 
Man sitzt by mengcm Man Und waist 
nit, was mench Man kann. Und wißt mench 
Man, wer mench Man wer, Do buk mench 
Man menchcm Man Zucht und Er. In Kassel 
hört man bisweilen noch eine gewiß junge Fort-
	        

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