Full text: Hessenland (5.1891)

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Als Erbe eines blühenden Staates trat 
Wilhelm IX. die Regierung an, so sehr ver 
schieden von seinem Later. Des neuen Fürsten 
selbstständiger und schroffer Sinn duldete keine 
Bevormundung von Seiten der Minister, zumal 
nicht, wenn sie so übermächtig waren wie Schliessen. 
Non arao Landgrafii sceptrum ferreum, schrieb 
Förster von Wilna ans am 28. Dezember 1786 an 
Sömmering; wie er, so mochte bald mancher denken. 
Verhaßt war wohl dem Landgrafen und gewissen 
Kreisen vor allem jene sog. „preußische Junta", 
wie die drei Männer, die als Richthesscn als 
Preußen, im Ministerium saßen und deren Tüchtig 
keit doch der Staat so viel verdankte, Jungten, 
Wakenitz und Schliessen. Des Letzteren Stel 
lung war schon 1787 gefährdet. Damals 
war der Hofmarschall von Canitz, ein geborener 
Preuße, plötzlich entlassen, und zu derselben Zeit 
schrieb Förster: „wenn sie es Schliessen ebenso machen 
könnten, wären sie froh." Nach vorübergehenden 
Reibungen brachte es endlich übel angebrachter 
Geiz des Landgrafen zum Bruch. Schlieffen so 
wohl wie dem ihm befreundeten Jnngken wurden 
ohne ihr Vvrwissen größere Gehaltsabzüge ge 
macht. Beide reichten ihre Entlassungsgesuche 
ein, die im Februar 1789 bestätigt wurden. 
Kurze Zeit darauf fiel auch der dritte Preuße 
i m Ministerium, der hochbcdeutende Wilhelm 
Dietrich von Wakenitz. Schliessen wendete sich, 
auf andere Aussichten verzichtend, nach Preußen 
zurück, wohin ihn Friedrich Wilhelm II. huld 
vollst eingeladen hatte; er erhielt alsbald mit 
dem Range eines Gencrallieutcnauts den Ober 
befehl in der Festung Wesel. Noch in demselben 
Jahr 1789 geht er in diplomatischen Sendungen 
nach dem Haag und London, dann erhält er 
im Oktober die Führung der preußischen 
Truppen, welche die im Bisthum Lüttich ausge 
brochenen Unruhen dämpfen sollten. Das Jahr 
1791 bezeichnet den Höhepunkt in Schliesfen's 
preußischer Laufbahn. Der König verleiht ihm 
bei seiner Anwesenheit in Berlin für seine 
kriegerischen Verdienste ein Regiment, die könig 
liche Akademie feiert den geistvollen und kenntniß- 
reichen Gelehrten und Schriftsteller in ihm, indem 
sie ihn unter ihre Mitglieder aufnimmt. Da 
mals war es, wo Schlicficu seiner staatsmännischen 
Eigenschaften wegen nicht ungeeignet erschien, 
Nachfolger des alten Hcrtzberg im Ministersitz 
zu werden. Alles änderte sich, als Preußen im 
Bunde mit Oesterreich den Kampf gegen Frankreich 
eröffnete. War auch Schliessen ein erklärter 
Gegner jenes Planes gewesen, so hatte er doch, 
nachdem einmal der Krieg erklärt war, auf eine 
Führerstelle gehofft. Als man ihn überging, 
kam der schwer gekränkte General um seine Ent 
lassung ein, die ihm jedoch erst nach heftigem 
Widerstreben im Juli 1792 gewährt wurde. Mit 
diesem Zeitpunkte schließt das öffentliche Leben 
Schlieffen's ab; der Sechzigjährige tritt zurück vom 
Schauplatz, der Kriegsruhm lockt ihn nicht mehr. 
Beschaulich sieht er aus seiner weltabgeschiedenen, 
ländlichen Einsamkeit, als „Einsiedler von Wind 
hausen" den welterschütternden Ereignissen zu, 
die mit dem Anfang des neuen Jahrhunderts 
über Deutschland hereinbrechen. Er, der nach 
einem damaligen Zeugniß „vielleicht der einzige 
Mann in Hessen war, der in der letzten Epoche 
den Staat zu retten vermocht hätte", muß ihn 
in französische Hand fallen sehen. Er spielt in 
Verbannungsstimmung und Verbannungsbitter 
keit scheinbar die Rolle des Weltweisen. 
Nur einmal noch tritt der Greis aus seiner 
Zurückgezogenheit hervor, aber es ist kein er 
freuliches Bild, das uns den deutschen Mann 
vor dem französischen Könige zeigt, dem er an 
der Spitze der niederhessischen Adligen in schmeich 
lerischen Worten die Glückwünsche darbringt zur 
Niederwerfung des Dörnbergischen Aufstands. 
So ist es auch im hohen Grade befremdend, 
wenn Schlieffen, als Czernitscheff auf Kassel her 
anrückt, herbeieilt, um sich dem Könige zu zeigen, 
wenn er, der in den neunziger Jahren eineFeldherrn- 
stelle im französischen Heere unter Dumouriez 
entschieden abgewiesen hatte, jetzt am 17. Oktober 
1813 auf französischer Seite ficht und für diese 
Leistungen das Großkreuz des Ordens von der 
Westfälischen Krone und die mit ihm verbundene 
Schenkung von 2000 Franken sich nicht scheut 
anzunehmen. 
Schlieffen's Verhalten während der französischen 
Zeit hatte zur Folge, daß ihm der Kurfürst nach 
seiner Rückkehr die früher bezogenen Gelder für 
die Zukunft strich und ihn zu Hofe nicht mehr 
einlud. 
Hatte der Mann von jeher nicht gern in der 
Hauptstadt geweilt, so mied er sie jetzt fast ganz. So 
mochte es wohl stets Aussehen erregen, wenn ein 
roth gestrichener Glaswagen, von vier weißen 
Pferden gezogen, in Kassel einfuhr, um den alten 
Herrn, der in weißer Nachtmütze, in Pelze ge 
hüllt in dem Kissen lag, auf kurze Zeit nach 
seinem Kasseler Wvhnhause, dem jetzigen Gast 
hof zum König von Preußen zu bringen. Aber 
das kam nur wenige Male im Jahr vor; meist 
lebte Schlieffen in seinem geliebten Windhausen. 
Hier sah man ihn selbst bei Wind und Wetter 
lustwandeln oder auch in seiner aus Rohr und 
Baumrinde erbauten Einsiedelei sitzen. Ab und 
zu hielt ein Gast noch Einkehr in dem wirth 
lichen Haus; dann wurde der stille Bewohner 
gesprächig, er erzählte von seinen Feldzügen und 
Reisen, von alten Freunden oder seinen neusten 
Arbeiten. Und war der Angekommene ein be-
	        

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