Full text: Hessenland (5.1891)

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Marlin Grnst von Kchlieffen, sein Weben unb sein Verhältniß 
zur Kprachreinigung. 
Vortrag gehalten von Dr. <Lsrl Scherer. 
(Fortsetzung.) 
Wir können an dieser Stelle nicht des näheren 
eingehen auf Schlieffen's Verdienste um das 
hessische Militärwesen in seiner Stellung als 
Mitglied des Kriegs-Kollegiums und General- 
Kriegs-Kommissarius, wir beschränken uns auch 
hinsichtlich seiner staatsmännischen Leistungen 
auf das Wichtigste. 
Schliessen ist es bekanntlich gewesen, der als 
Unterhändler des Landgrafen mit dem englischen 
Bevollmächtigten William Faucit die ersten Be 
sprechungen wegen des sog. Subsidien-Vertrags 
führte, und der das Abkommen vom 15. Januar 
1776 unterzeichnete. Er wurde dann auch zur 
weiteren Verfolgung der vorläufigen Aus 
machungen nach England geschickt, wo er mit 
höflichster Zuvorkommenheit und Aufmerksamkeit 
aufgenommen, die Verhandlungen mit der größten 
Uneigennühigkeit und Selbstlosigkeit führte und 
zu eineni für sein Vaterland denkbar günstigen 
Abschlüsse brachte. 
Schliessen hätte gern seine diplomatischen Ver 
dienste durch Uebertragung des Befehls über die 
amerikanischen Hülfstruppen belohnt gesehen; 
der Landgraf schlug jedoch die Bitte ab, weil der, 
der sie stellte, ihm persönlich und geschäftlich 
unentbehrlich war. 
Eine wichtige Rolle spielt der Minister dann 
in den Verhandlungen, die der Stiftung des 
deutschen Fürstenbundes durch Preußens König 
vorangingen. Es muß erwähnt werden, was im 
Allgemeinen weniger bekannt sein dürfte, daß 
Schlieffen als der Erste kurz nach dem Hubertus- 
bnrger Frieden den Gedanken an einen Fürsten 
verein faßte und aussprach; freilich war dieser 
Bund anders gedacht als der, den Friedrich nach 
mals zu Stande brachte. Oesterreich und Preußen 
sollten ausgeschlossen sein; die übrigen Staaten 
aber müßten zusammentreten, um jeder Zwangs 
ausübung seitens der beiden Großstaaten zu be 
gegnen und die deutsche Verfassung und Freiheit 
vor Anfeindung zu schützen. Zur Ausführung 
sollte ein kriegsbereites Heer geschaffen, das 
nöthige Geld zusammen gebracht und stetes Ein- I 
Verständniß unterhalten werden. Der Landgraf 
griff Schlieffen's Plan mit Eifer auf und er 
öffnete Unterhandlungen mit Kurpfalz und Pfalz- 
Zweibrücken, die indes bald durch gegenseitige, 
anderweitig bewirkte Entfremdung gestört wurden. 
Wie weit Hessen bezw. Schlieffen Ende 1783 und 
Anfang 1784 dannanweiterenVercinigungsplänen, 
die von Baden ausgehend anfänglich Hessen an 
die Spitze einer Union zu stellen suchten, theil- 
nahm, läßt sich leider ans der unlängst veröffent 
lichten „Politischen Korrespondenz Karl Friedrich's 
von Baden" nicht klar erkennen. 
Nach diesen Vorgängen aber war es natürlich, 
daß man am Kasseler Hofe cs mit ganz besonderer 
Aufmerksamkeit betrachtete, wie der große König, 
um Preußens völlige Vereinsamung zu verhindern, 
im Anfang des Jahres 1784 den Gedanken eines 
Fürstenbundes mit der Spitze gegen Oesterreich 
wieder ernstlicher als je aufnahm. Man wird 
es des Ministers bestimmenden Einfluß zuzu 
schreiben haben, daß man mit dem preußischen 
Abgesandten Grafen Görtz Bedenken trug zu 
unterhandeln; suchte man doch damals sogar 
noch auf Schlieffen's Rath und unter seiner 
Leitung eine Vereinigung mit Hannover und 
Braunschweig ohne Preußen herbeizuführen. Erst, 
als Hannover beigctreten war, ging Hessen im 
Anschluß an dieses auf weitere Verhandlungen 
ein, verwahrte sich aber ausdrücklich dagegen, daß 
etwa die hessischen Truppen dem preußischen Heer 
körper einverleibt würden. So standen die Dinge, 
als zum Glück für Preußen, Landgraf Friedrich II. 
plötzlich am 31. Oktober 1785 zuWeißenstein starb. 
Der neueHerrscher Wilhelm IX., der schon inHanau, 
wo er selbstständig regiert hatte, durch Baden und 
Zweibrücken in ein Verhältniß zum Bunde ge 
zogen war, trat entgegen seiner ursprünglichen, 
österreichfreundlichen Haltung unter der Ein 
wirkung des preußischen Bevollmächtigten Böhmer 
alsbald dem Bunde bei. Es scheint fast, als 
Hütten wir in diesem Schritte zugleich ein Zeichen 
zu erkennen, daß Schlieffen's Einfluß zu sinken 
begann.
	        

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