Full text: Hessenland (5.1891)

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Regiment, I. A. C. von Wakenitz, widmete dem 
Todten in dankbarer Gesinnung einen warmempfundencn 
Nachruf und ließ auf sein Grab jene von Bildhauer 
Ruht angefertigte Denksäule setzen, die jetzt nach 
Potsdam verbracht, auch dort die ucue Grabstätte 
des Siegers von Zorndorf schmückt. — Ueber die 
Thätigkeit von Wakenitz' als hessischer General und 
Staatsminister werden wir in der nächsten Nummer 
berichten. 
Wir erwähnten bereits in Nr. 14 unserer Zeit- 
schrift, daß der Präsident der Justizprüfungskommission, 
Geheime Rath und Professor vr. für. Adolf 
St ö lz el in Berlin zum Kronsyndikus ernannt worden 
sei. Diese Beförderung zu einer der höchsten Stellen 
im preußischen Staate ist „aus besondern! Aller 
höchsten Vertrauen- erfolgt, zugleich wurde Dr. Stölzel 
auf Lebenszeit in das Herrenhaus berufen. Ist 
derselbe auch in Gotha — am 28. Juni 1831 — als 
Sohn des dortigen Stadtsekretärs Stölzel geboren, 
so können wir ihn doch als hessischen Landsmann 
betrachten. In Kassel, wohin seine Mutter, eine 
geborene Kasselanerin, nach dem frühen Tode des 
Vaters zurückgekehrt war, machte er seine Gymmnasial- 
studien, hier bestand er als Referendar bei dem 
Obergerichte seinen juristischen Vorbereitungsdienst, 
hier war er Richter bei dem Stadt- und bei dem 
Obergerichte, und hier verdiente er sich als j u r i st i s ch e r 
und historischer Schriftsteller seine ersten 
Sporen. 
Es gelang ihm, durch seine Forschungen zur 
Geschichte des Rechts- und Staatswesens 
sich bald in der Gelehrtenwelt einen berühmten 
Namen zu machen. Er hat auch andere Zweige der 
Rechtswissenschaft mit großen! Erfolge gepflegt, wie 
den Zivilprozeß und das Eherecht, mit Vorliebe aber 
betrieb er von jeher Studien zur Geschichte seines 
Faches. Zu ihnen kehrte er immer wieder zurück, 
wenn auch lange Zeit hindurch das praktische Schaffen 
oder durch die zeitigen Umstände gebotene wissen 
schaftliche Untersuchungen anderer Art seine Arbeit 
ganz für sich beanspruchten. Seinen ersten Beitrag 
dazu stellt, wie die ,Vossische Zeitung- schreibt, die 
„Die Lehre von der operis novi nunciatio und dem 
interdictum quod vi aut clam- vom Jahre 1865 
bis zu einem gewissen Grade dar. Bei ihrer Ab 
fassung erhielt Stölzel die Anregung zu einer Unter 
suchung von weitem Umfange und großer Bedeutung. 
Was ihn interessirte, war die Frage, unter welchen 
Erscheinungen und Normen die deutsche Rechtspflege 
sich in dem Sinne umwandelte, daß in ihr der 
Grundzug der römischen Rechtsanschauung zur Vor 
herrschaft gelangte. Des Genaueren wählte sich 
daraus Stölzel zur Sache seiner Forschung eine und 
zwar die wesenlichste Einrichtung, die hierfür in Be 
tracht kommt, den gelehrten Richterstand. Sein 
Ziel ging dahin, die Geschichte der Entwickelung des 
gelehrten Richterthums in deutschen Territorien zu 
schreiben. Bei der Allgemeinheit der Aufgabe erschien 
es Stölzes angebracht, seine Untersuchung im Wesent 
lichen auf ein Territorium zu beschränken, und da 
lag ihm am nächsten, sich den Verhältnissen seines 
bisherigen Schafsenskreises, des Kur fürstenthums 
Hessen zuzuwenden, eine Wahl, welche noch den 
Vortheil bor, daß gerade hier die in Rede stehenden 
Dinge viel einfacher gestaltet waren als anderswo. 
Das Ergebniß dieser Studien, die Stölzel etwa sieben 
Jahr lang beschäftigten, war das grundlegende Werk 
„bie Entwickelung des gelehrten Richter 
thums in deutschen Territorien-, das 1872 
in zwei Bänden herauskam. Während Stölzel noch 
mit der Sammlung der Materialien zu thun hatte, 
war von der Greifswalder Universität Namens der 
Rubenow-Stiftung die „Geschichte der Umwandlung 
der älteren deutschen Gerichte in gelehrte Gerichte- 
als Preisaufgabe gestellt worden. Dies veranlaßte 
Stölzel, sein Manuskript früher, als er ursprünglich 
im Sinne hatte, fertig zu stellen und zur Bewerbung 
einzusenden. Mit vielen Ehren wurde ihm der Preis 
zugesprochen. Diese Auszeichnung war wohl mit von 
! Einfluß darauf, daß Stölzel, der bis dahin aus 
schließlich an Kasseler Gerichten beschäftigt gewesen 
war, 1872 an das Kammergericht in Berlin berufen 
und gleichzeitig zu den Arbeiten im Justizministerium 
herangezogen wurde. Mit der Uebersiedelung nach 
Berlin erhielt Stölzel für seine rechts- und staats- 
historischen Studien eine breitere Grundlage, in so 
fern er nunmehr die Entwickelung der einschlägigen 
brandenburgisch - preußischen Verhältnisse, anstatt der 
engeren kurhessischcn zum Gegenstände seiner dauern 
den Arbeit machte. Die erste Frucht seiner Berliner- 
Arbeit auf dem Gebiete der Rechtsgeschichte war eine 
Biographie von Carl Gottlieb Svarez, dem 
geistigen Urheber des preußischen Landrechts. Zum 
i Dank für den Leser hat sich Stölzel nicht allzu eng 
und ganz streng auf sein Thema beschränkt; cs kam 
ihm nicht bloß darauf an, ein Lebensbild von Svarez 
zu zeichnen, viel mehr Gewicht legte er darauf, den 
historischen Hintergrund zu Svarez' grundlegendem 
Schaffen kenntlich zu machen, so daß die Biographie 
von Svarez sich, wie es ausdrücklich im Nebentitel 
heißt, zu einem „Zeitbilde aus der zweiten Hälfte 
des 18. Jahrhunderts- auswuchs, das dem Historiker 
und besonders dem Kulturhistoriker nicht weniger 
bietet als dem Juristen. Die Svarez-Biographie 
war die Vorläuferin einer zusammenhängenden Dar 
stellung der geschichtlichen Entwickelung des preußischen 
Rechtswesens. Urspünglich hatte Stölzel nur im 
Sinne, die Geschichte des preußischen Justizministeriums 
zu schreiben. Im Verlaufe der vorbereitenden Ar 
beiten dazu erwies sich als thunlich, die Grenzen des 
Werkes stofflich weiter zu stecken und sie auch zeitlich 
nach rückwärts weiter auszudehnen. So kam Stölzel 
dahin, die ganze brandenburgisch-Preußische Rechts-
	        

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