Full text: Hessenland (5.1891)

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waren. Diesen folgten vier Männer, welche eine 
Figur trugen, die den Heiland am Oclbergc darstellte, 
mehrere Andere trugen alle Marterwerkzeuge. Hannas 
und Kaiphas gingen einher an der Spitze der Juden; i 
diese führten einen Mann, der der Heiland sein sollte, ! 
den sie an mehreren ihm mitten um den Leib ge- I 
bundenen Stricken mit Geschrei von einer Straßen- * 
ecke zur andern zerrten. Dann erschienen Herodes, j 
Pontius Pilatus und der Hauptmann, alle Drei zu ! 
Pferde, darauf 76 Büßer, wie die ersten gekleidet, , 
nur mit dem Unterschied, daß die Säcke an der Stelle ! 
des entblößten Rückens offen waren; sie schlugen sich ; 
mit Geißeln, deren Schnuren am unteren Ende mit > 
Messinghaken versehen waren, die bis in's Blut drangen, j 
was sehr häßlich anzusehen war. Judas mit seinem 
rothen Barte und großem ledernen Geldbeutel schritt 
zwischen zwei Teufeln einher, die ihn ohrfeigten und 
von denen der Eine ungeheuer große Hörner und der 
Andere einen armsdicken Schwanz trug, den er zwischen 
seinen Beinen durchgezogen und über die Schulter 
gelegt hatte. Die Jungfrau und der heilige Johannes 
folgten dem Heiland, der sein Kreuz trug und von 
Simon von Cyrene unterstützt wurde. Dann kamen 
36 Büßer in Säcken, von denen jeder ein Kreuz 
trug, das sehr schwer zu sein schien. Der Sarg, 
den wir in der Kirche gesehen hatten und des von 
acht Männeu getragen wurde, beendigte die Prozession. 
Alle Katholiken, die auf der Straße waren, warfen 
sich auf die Kniee, sobald sie den Zug erblickten. 
Um sechs Uhr Abends kamen wir wieder zu Hause 
an und zwar sehr ausgehungert, da wir seit unserm 
Frühstück um acht Uhr Morgens nichts gegessen 
halten —. 
Hildesheim, im Juli. Htto Herland. 
Eine ähnliche Schilderung von Charfreitags- 
prozcssioncn im Fuldacr Lande in der Mitte des 
vorigen Jahrhunderts wie die obige, hat der bekannte 
Dr. M. A. Weikart), Leibarzt des Fürstbischofs von 
Fulda Heinrichs VIII. von Bibra, später kaiserlich 
russischer Etatsrath und Hofarzt der Kaiserin Ka 
tharina II., in seinen „Denkwürdigkeiten" (nach des 
Verfassers Tode herausgegeben von Dr. Zwierlein, 
Frankfurt und Leipzig 1802) entworfen, nur sind 
hier die Farben weil greller aufgetragen, wie dies 
einmal Weikard's Art war. Die Charfreitags- 
prozessioncn in den letzten Jahrhunderten, worüber 
unsere hessische Schriitstellerin I Grau kürzlich in 
der „Fuldaer Zeitung" einen interessanten kultur 
historischen Aufsatz veröffentlicht hat, sind aus den 
mittelalterlichen Mysterienspielen herrorgegangen, all- 
mälig aber derart ausgeartet, daß der Fürstbischof 
Heinrich VIII. von Fulda sich in den 6t er Jahren 
des vorigen Jahrhunderts veranlaßt sah, dieselben in 
seinem Lande nur auf die rein kirchliche Feier zu 
beschränken und alle bisher dabei vorgekommenen 
Extravaganzen, insbesondere „das Peitschen und 
Kreuzschleppen" auf das Strengste zu verbieten. Auch 
der sog. Palmenesel, der am Palmsonntage durch die 
Straßen gezogen wurde und zu allerlei frivolen 
Späßen herhalten mußte, wurde damals abgeschafft. 
D. R. 
Aus Aeimath und Fremde. 
Wie alljährlich seit dem am 6. Januar 1875 
erfolgten Hinscheiden des Kurfürsten Friedrich 
Wilhelm von Hessen so war auch diesmal an 
dessen Geburtstage, dem 20. August, das Grabmal 
auf dem alten Friedhofe zu Kassel reichlich mit 
Lorbcerkränzen, Blumen und roth-weißen Bändern 
geschmückt, welche die fürstlich hanauische Familie, 
hohe Verwandte und dem früheren kurfürstlichen 
Hofe nahestehende Persönlichkeiten hatten niederlegen 
lassen. Die Grabstätte wurde während des Tages 
vom Publikum zahlreich besucht. 
Am 16. August fand nach vorausgegangener Ge 
dächtnißfeier in der Garnisonskirche zu Kassel die 
Ueberführung der sterblichen Ueberreste des Generals 
Wilhelm Dietrich von W a k e n i tz nach Pots 
dam statt, und dort erfolgte am 18. August die 
feierliche Bestattung des Helden von Zorndorf, dessen 
irdische Hülle 86 Jahre lang auf dem alten Militär 
friedhofe zu Kassel geruht hatte. Auf der Marmor- 
tafel, welche in den Sockel des Wakenitz-Dcnkmals 
aus dein alten Kirchhofe zu Potsdam eingelassen ist, 
befindet sich folgende Inschrift: „Auf Befehl 
Sr. Majestät des Kaisers und Königs Wilhelm II. 
wurden die Ueberreste des braven Kämpfers von 
Zorndorf am 18. August 1891 nach Potsdam über 
führt, um in der Nähe desjenigen Regiments zu 
ruhen, das er einst unvergeßlich für Alle zum 
Siege führte. Die Worte, die er sprach, als noch 
unentschieden der Kampf: »Ich halte keine Schlacht 
für verloren, bevor die Garde du Corps attakirt — 
ich attakire', geben Zeugniß von dem Vertrauen zu 
der von ihm geführten Truppe". Darüber lieft 
man an dem Scckel des Monumentes selbst: „Hier 
ruht Herr Wilh. Diet. von Wackcnitz, Königl. 
Ordens-Ritter. Anfangs in Königl. preuß. Diensten. 
Seinem Heldcnmuth vorzüglich verdankte König 
Friedrich II. den Sieg bei Zorndorf, deswegen Er 
auf dem Schlachtfelde vom Rittmeister zum Oberst 
lieutenant erhoben wurde. Wurde Kurfürstlich 
hessischer Geheimer Slaatsminister, Generallieutenant, 
geb. den 2. August 1728 zu Boltenhagen in 
Schwedisch-Pommern, gest. dem 9. Jänner 1805 zu 
Kassel". Vom 19. Juni 1763 bis zum 8. Mai 
1789 stand Wakenitz in Hesien-Kasselschen Diensten. 
Er behielt noch nach seiner Pensionirung seinen 
Wohnsitz in Kassel. Dort ist er gestorben. Sein 
Neffe, der Oberst im Kurhessischen Garde-Grenadier-
	        

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