Full text: Hessenland (5.1891)

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dem schlumernden Grunde hervorzulocken sucht; 
der Dank dafür ist aber kein Früblingslied: 
88) Wenn die Glocke achte rappelt, 
Kommt der Lehrer angewackelt 
Mit dem langen Besenstiel, 
Haut die Kinder gar so viel, 
Gar so viel ist ungesund, 
Der Lehrer ist — 
89) Heinerich, was »nächste da? 
Dater, ich studire. 
Heinerich, im* kannst du nit! 
Linier, ich probire. 
Doch mit diesen Sprüchen sind wir schon einige 
Jahre vorausgeeilt: noch lebt das Kind in un 
getrübtem Glücke. Es kennt noch nicht die Leiden 
der Schule, noch viel weniger die Schule des 
Lebens. Ahnungslos wünscht es sich vor allem 
für die nächste Weihnachten einen „Buckel- 
ranzen", den es dann oft schon nach einiger 
Zeit zwischen Haus und Schule mit demselben Be 
hagen hin- und herträgt wie der Postbote seine 
Brieftasche. Noch ruht des Kindes ganze Weis 
heit in den kleinen Liedchen, die mühelos in der 
Stube und auf der Straße gelernt werden. 
Da gilt schon bei den kleinsten Kindern, was von 
Erwachsenen gilt: Was sich liebt, das neckt sich. 
So sucht der freund-feindliche Gegensatz zwischen 
Jungen und Mädchen in mehreren Sprüchen nach 
Ausdruck: 
/Tl > / 90) Müller — Müller — Mahler 
e V VC J cf iDie Mädchen kosten 'nt Thaler, 
/ Die Jungen kosten 'nt Hühnerdreck, 
t tc j yi- . Die kehrt man mit dem Besen weg. 
Es versteht sich von selbst, daß das Lied, wo 
es von Jungen gesungen wird, gegen die Mädchen 
umgewandelt wird. 
91) Es regnet dicke Tropfen, 
Die Lungen must man klopfen, 
Die Mädchen must man schonen 
Wie eine Zitrone. 
Nicht so zart necken sich die Kinder in Nosen- 
thal: Schwarze, schwarze Heirelbeern! Aloe, bloe 
Dente! Wößt ehr net, wo Donar leit? Donar 
leit dort ingen, Wo die faulen Merrercher seng, 
Jonge rieche wie Eisopstöck Merrercher stenke wie 
Zegenböck. Geis, Geis ina! 
92) Die Kaste lästt das Mausen nicht, 
Die Weiber naschen gern, 
Die Männer stnd drauf abgerichtet, 
Sie brauchen keine Latent'. 
Dafür singen die Jungen gern ein anderswoher 
bekanntes Lied: 
93) Herr Schmidt, Herr Schmidt, 
Was kriegt denn Iulchen mit? 
Ein Schleier und ein Federhut, 
Das steht dem Iulchen gar ;u gut. 
Aclter als der Antisemitismus ist wohl folgendes 
Spottlied auf die Juden: 
94) Die Iidd'n hab'n 'en Schwein geschtacht't 
In dem Dempel Moses 
Und haben daraus Wurst gemacht'. 
Ist das nicht was Famoses? 
Dagegen erst der geist- und herzlosen Schwieger 
mutter - Verfolgung der Neuzeit verdankt wohl 
folgendes Lügen-Lied seine jetzige Fassung: 
95) Eine alte Schwiegermutter 
Mit der krummen Faust, 
Sieben Jahr im Himmel droben, 
Kommt nun wieder raus. 
Ist das nicht ein dummes Weib, 
Das nicht in dem Himmel bleibt? 
1851 schrieb es Professor Meier in Tübingen 
noch so nieder: Anna Mareile, Dorotheile, 
Mit de krumme Füße: Bist zehn Jahr im Himmel 
gwä, Hast wieder abe müße. — Nicht kindlich 
in der Fassung, wohl aber im Gedanken ist 
ebenso der Trost, welchen ein schon älterer Junge 
seinem weinenden Gespielen giebt, bevor er ihn 
durchprügelt: 
96) Weine nicht! es ist vergebens, 
Denn die Thränen dieses Lebens 
Fließen doch in's Kellerloch: 
Deine Watsche kriegst du doch! 
Der Spruch wird auch angewendet, wenn ein 
Kind, das 'was ausgesressen hat, sich vor dem 
Nachhausegehn fürchtet. Hören dann die andren 
Kinder den dringlichen Ruf der Mutter, so 
necken sie das Kind zudem: 
97) Geh' heim, deine Mutter hat aus 'm Lätschen 
(—Pantoffel) gepiffen! 
Wie dies liebliche Geleitswort dem vom Spiele 
zu früh abgerufenen Knaben nachklingt, so be 
grüßen die Kinder den, der zu spät auf der 
Straße beim Spiel erscheint, Rübchen schabend 
mit diesem Willkommen: 
98) Sitzen geblieben! 
Kartoffel gerieben! 
Oder wenn gar verlautet, daß eins Schläge be 
zogen hat, so tönt ihm nicht selten die höhnische 
Frage entgegen: 
99) Schmand geleckt? 
Gut geschmeckt? 
Wohl sind öie Neckrufe nicht frei von aller 
Schadenfreude,aber noch mehr, glaube ich,spricht doch 
aus ihnen das übermüthige Behagen an der eigenen 
glücklicheren Lage. Manches Kind singt diese 
Verse lustig mit und spürt dabei noch Vaters 
oder Mutters Röhrchen von gestern, wie's in 
einem schwäbischen Liede heißt: Mei Muoter 
Hot me g'schlage Mit Hagebuchereis; I ka ders 
net versage, Wie mi mei Buckel beißt. — 
Oesters kleidet der kindliche Sinn den Neckruf 
in Räthselgestalt ein. So fängt mancher kleine, 
in die Spielsprache der Straße noch nicht ein 
geweihte Junge zu weinen an, wenn ihm etwa 
ein älterer lachend den Finger mit dem Rufe 
entgegenstreckt: 
100) Der hat kein Hemd an!
	        

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