Full text: Hessenland (5.1891)

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Natürlich macht sich so ein Bengel nichts aus 
der Schule, er pfeift was auf den Tadel seiner 
Eltern, wie es in einem freilich aus zwei fremd 
artigen Stücken gebildeten Liedchen heißt: 
78) „Cent deene Dintefal) 
Geh' in die Schule und lerne was, 
Und wenn du was gelernet hast, 
Steck die Feder in die Lasch'. u 
Mein Unter ist ein Schneider, 
Er schneidet mir 'ne pfeife, 
Da pfeif ich allen Morgen, 
Das geht wie eine Orgel. 
Das Unglück bleibt natürlich nicht aus. Die 
Mutter fällt zum Fenster hinaus und bricht ein 
Bein, und kaum kann sie Dank der kunstfertigen 
Hand des Doktors (Schneider Kakadu) wieder 
laufen, da stirbt ihr Mann. 
79) Aus dem Berge Sinai 
Wohnt der Schneider Kikriki, 
Seine Frau die Margarete 
Saft auf dem Balkon und nähte, 
Fiel herab, fiel herab, 
Und das linke Bein brach ab. 
Kam der Doktor hergerannt 
Mit der Nadel in der Hand, 
Uäht' es an, Näht' es an, 
Daß fie wieder laufen kann. 
80) Billewillewitt mein Mann ist krank! 
Billewillewitt was fehlt ihm dann? 
Bistewillewitt ein Gläschen Wein? 
BillemiUewitt das kann wohl fein! 
Billewillewitt ein Stückchen Brat? 
Billewillewitt er ist schon todt! 
Billewillewitt den Doktor holen, 
Der soll ihm den Buckel versohlen! 
Wie ein echter Niederländer muthet uns dies ganze 
derbfröhliche Bild von dem Bettelhaushalt an. 
Es ist alltägliches Leben, doch umkleidet vom 
heitren Sonnnenschein eines Kindergemüthes, dem 
Armuth nur wunderlich, dem Unordnung noch 
drollig erscheint. Drum zeigt sich nur gute Laune, 
aber ikein eigentlicher Spott in diesem lachenden 
Bild von dem Haushalt, der so lustig - leicht 
sinnig beginnt und so traurig - leichtfertig 
endet. — Allein selbst unsre Kasseler „Jungens,, 
und „Mäderchen" sind doch nur Engelchen mit 
einem B davor. Wenn da ein frecher Bäcker 
junge, mit dem leeren Weckekorb auf dem Rücken 
durch die Straßen schlendernd mit kleinern Kindern 
anbändelt, weshalb sollen sich die nicht au ihm 
rächen, so gut sie können? So rufen sie hinter 
ihm her: 
81) Bäckerklos, Bäckerklos, 
Mach die Wecke nit so groß, 
Mach se nit so kleine! 
Sonst kriegste scheiwe Beine! 
Und was dem einen recht ist, ist dem andern 
billig. Kommt da ein Herr in schwarzem Zylinder 
und Schlappschuhen her und erschreckt mit seinem 
schwarzen Gesicht die spielenden Kinder; nun, dann 
ist's nicht wunderbar, wenn bald hinter ihm der 
Ruf erklingt: 
82) Schornsteinseger, 
Lampenträger, 
Kreideweiß, 
Kohleschwarz! 
So lernt die liebe Jugend das Necken, angelockt 
durch die Gegensätze weiß und schwarz. Und 
was einst nur dem alles zermalmenden Schmetter 
ling galt, dem gefräßigen Weißling, das wird 
nun dem mehlmahlenden weißbestäubtcn Müller 
nachgerufen: 
83) Miller - Miller — Mahler 
Schenk m'r doch 'en Dahler! 
Ja auch an den» Fremdling, der in unsern Mauern 
weilt, vergreift sich in dieser Weise die Jugend, 
wenn er in gleichmäßigen Pausen allznlaut 
krächzt: 
84) Kauft Kohlen! 
Dann hallt's vielstimmig zurück: 
Wo hast se gestohlen? 
Die klügeren Kohlenbauern der Neuzeit schreien 
deshalb: Kohlen kauft! 
Die edle Schneiderzunst, durch Alter und Ur- 
i sprung (vgl. I. Mos. 3, 21), doch allen anderen Ge- 
j werben überlegen, ist von jeher, besonders im Mittel- 
, alter, Gegenstand des Volkswitzcs gewesen. Auch 
der klug beobachtende Kindersinn hat sich den wunden 
Punkt nicht entgehen lassen. Das dürre Schneider- 
lein begnügt sich mit „Erwesen un Speck", welchen 
Schuster, Schlosser und Schreiner nicht wollen; 
das mit Geberden vorgetragene Gespräch der vier 
Handwerker ahmt zugleich durch die Sprachlaute 
überaus fein das Arbeitsgerüusch nach und gehört 
ebenso sehr unter die Kinderspiele: 
85>) Der Schuster macht: 
Erwesen un Speck, 
Das mnag ich nit, das mnag ich nit! 
Der Schneider macht: 
Hätt' ich es! Hätt ich es! 
Der Schlosser macht: 
Ginn's em doch! Gjnn's rm doch! 
Der Schreiner macht : 
Dä H6st es! Dä H6st es! 
86) Schneider juchhe! 
Drei Deller voll Fleh, 
Drei Deller voll Wanzen, 
Schneider muß tanzen. 
Dem Lohnkutscher, der hier mit einem bestimmten 
Namen eingeführt wird, gilt der böse Spruch: 
87) Brenner hat zwei Pferde, 
'en Schimmel und 'en Fuchs, 
Der Fuchs der will nit drecken, 
Der Schimmel will verrecken. 
Ach, und Jugend kennt keine Tugend: sie 
vergreist sich sogar an der geheiligten Person 
ihres Lehrers, wenn er. dem Frühling vergleichbar, 
mit seinem Zauberstabe die jungen Blüthen aus
	        

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