Full text: Hessenland (5.1891)

222 
Uarlin Krnft von Kchlieffen, sein Weben und sein Verhältniß 
zur Kprachreinigung. 
Vorkrag gehalten von 
Als die sprachreinigende Bewegung zu Anfang 
und Mitte der achtziger Jahre neu in's Leben 
trat, als man ihre Nothwendigkeit und volle 
Berechtigung gegenüber dem Hereinfluthen fremd 
ländischer Wörterwogeu mit Entschiedenheit aus 
sprach und begründete, da war es ganz natur 
gemäß, daß man die Blicke zurückschweifen ließ 
in die Vergangenheit hinein und Vergleiche zog 
mit früheren, den jetzigen ähnlichen Zuständen. 
So deckte man in Wort und Schrift die Ent 
stehung und Verbreitung des Uebels auf, zugleich 
aber wandte man die Aufmerksamkeit auch den 
Männern zu, die je zuweilen, zumal in Zeiten 
der Noth, aufgetreten waren als treue Käinpser 
und Wächter für deutsche Sprache und deutsche Art. 
Mancher Name ist so bekannter geworden, 
mancher erst zu verdienter Würdigung gelangt, 
mancher auch schlummert noch im Schoße der 
Vergessenheit. 
Unser Hessen hat sich in früheren Zeiten 
schon rege an den sprachlichen Bestrebungen be 
theiligt. Ich erinnere daran, daß Landgraf 
Moritz und Wilhelm V. Mitglieder und Mit 
arbeiter der fruchtbringenden Gesellschaft waren, 
daß Dietrich von dem Werder, ein Stolz dieser 
Vereinigung, Hessen seine Bildung und geistige 
Erziehung verdankt, ich gedenke eines Kunowitz 
in Kassel, eines Johann Balthasar Schuppius 
in Marburg. 
Mehr oder weniger sind diese Männer als 
Sprachreiuiger vergessen gleich dem, der in gewissem 
Sinne und bis zu einem gewissen Grade ein 
Vorläufer und Bundesgenosse des Sprachvereins 
im 18. und beginnenden 19. Jahrhundert war, 
ich meine Martin Ernst von Schliessen. 
So hielten wir es für wohl angemessen und 
dienlich, die Erinnerung an das Leben jenes 
Mannes zu erneuen und eine unbefangene Be 
trachtung und Beurtheilung seiner Stellung zur 
Sprachreinigung daran anzuschließen. 
Martin Ernst von Schliessen wurde am 
80. Oktober 1732 zu Pudenzig bei Gollnow 
als Sprößling einer alten pommerschen Adels- 
Dr. (Earl Scherer. 
familie geboren. Der Vater brachte den Knaben, 
dem er eine bessere Erziehung wegen Mittellosig 
keit nicht zu geben vermochte, 1745 zum Garnison- 
regiment von Bredow, von wo dieser 1749 als 
„Fahnenjunkherr" zur Garde versetzt wurde. 
Während dieser Potsdamer Zeit vollzog sich 
die geistige Entwickelung Schlieffen's in sehr 
glücklicher Weise. Mockte auch der stramme 
Dienst, der mit wärmstem Pflichteifer geübt 
wurde, deu größeren Theil der Tageszeit ver 
schlingen, jedenfalls hatte der Jüngling noch 
Muße, um sich die französische Sprache ohne 
Lehrer anzueignen und Latein, Italienisch und 
Spanisch zu treiben. Alle Hoffnungen aber, die 
die Brust des wißbegierigen, strebsamen und 
schönen Fähnrichs schwellten, schienen mit e»nem 
Schlage vernichtet, als sich Spuren anscheinend 
eines Lungenleidens im Dezember 1755 bemerklich 
machten. Ein Urlaub von vier Wochen wurde 
nachgesucht und gewährt; eine Bitte um weitere 
Verlängerung hingegen mit völligem Abschiede 
beantwortet. Alle Verwendungen von Freunde» 
und Gönnern blieben erfolglos. Da kommt die 
Nachricht vom Ausbruch des Krieges zwischen 
Preußen und Oesterreich. Friedrich hat den 
Sieg bei Lowositz erfochten. Pirna hat sich er 
geben. Nach Lockwitz bei Dresden, wo der König 
eben weilt, eilt der erst halbgenesene Schliessen, 
um sich zu melden und noch einmal die Ge 
währung seines Wiedereintritts in das Heer zu 
erbitten. Voll gespannter Hoffnung und Er 
wartung steht er im menschenvollen Vorzimmer; 
der König tritt heraus und hört das Gesuch, 
„Herr, er ist ja noch krank" herrscht er den 
Bittsteller an und geht weiter. — Wir verstehen 
den Schmerz, den diese harte, unverdiente Ab 
fertigung in dem kriegslustigen und ruhmbegierigen 
Jüngling erwecken mußte, wir begreifen auch, 
wenn dieser später in Erinnerung an jenen 
Auftritt sein Urtheil über den großen König 
einmal dahin äußert: Friedrich's Größe als 
König und Kriegsmann ist über allen Wider 
spruch erhaben, dessen Herzensgüte aber preise,
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.