Full text: Hessenland (5.1891)

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Die alte Winne. 
Erzählung von Wilhelm Denn ecke. 
(Fortsetzung.) 
Einige Tage waren verflossen. Der Mai hatte 
seine tausend Wonnen mit verschwenderischer 
Hand über die Erde ausgestreut, der Himmel 
blaute, die Finken schmetterten aus voller Kehle 
ihren Gesang von den in frischem Grün prangen 
den Bäumen in die laue Luft hinein und in 
den Gräsern, wo die Wiesenblumen verschämt 
ihre Kelche öffneten, summten die Käfer und 
hüpften die Springschrecken, daß es eine helle 
Freude war. Auch in den engen dunkeln Burg 
garten der Battenberger Veste, die in der 
goldnen Edder sich spiegelte, war der Maien 
zauber eingedrungen, und gab diesem Fleckchen 
Erde seinen eigenen Reiz. In einem uralten 
Buchengang schritt Dame Mathilde dahin, ihr 
zur Seite Friedrich von Battenberg, der bei 
dem letzten Turnier zu Dillenburg von Johann 
von Nassau den Ritterschlag erhalten hatte, eine 
hohe Gestalt, das männlich schöne Gesicht von 
blonden Locken umwallt, sodaß der herzgewinnende 
Eindruck, den das ganze Aeußere des jungen 
Mannes hervorrief, durch nichts auf das wilde, 
unbändige Wesen hindeutete, welches doch der 
hervorstechendste Zug seines Charakters war. 
„Morgen schon, liebe Base", sagte er, „werdet 
Ihr an den Frankenbergern gerächt werden für 
die Unbill, die sie Euch in jener Nacht angethan 
haben, und ich selbst werde den Zug anführen." 
Dame Mathilde sah ihn betroffen an. „Rächen? 
An den Bürgern von Frankenberg? Mein 
Vater hat sein Ritterwort gegeben in eben jener 
Nacht weitab von ihrer Stadt zu ziehen und 
seine Hand nicht wider sie zu erheben." 
„Euer Vater hat mit der Sache auch nichts 
zu thun", entgegnete Friedrich von Battenberg, 
„sondern einzig und allein die „alte Minne", die 
es nicht dulden will, daß der Bürger so trotzig 
sein Haupt erhebt und Ritterburgen antastet." 
„Die „alte Minne" ?" fragte Dame Mathilde. 
Friedrich gab ihr die nöthige Aufklärung, aber 
sie schüttelte sinnend ihr Haupt und nach einer 
Weile sagte sie, die hochgeschwungenen Braunen 
zusammenziehend, so daß ihr leuchtendes Antlitz 
einen düsteren Zug erhielt: „Daß die Menschen 
doch selbst die heiligsten Worte gebrauchen, um 
sie für ihre häßlichsten Leidenschaften dienstbar 
zu machen. Minne ist der herrlichste Laut, den 
ich zu denken weiß, als Kind schwebt er uns 
Morgens und Abends vor, wenn wir mit gefalte 
ten Händlein zum Himmel hinaufblicken und 
den lieben Gott anbeten mit unbefangenem Ge 
müth, emporgewachsen aber erfüllt er unser Denken 
in anderer Weise, als das höchste Geschenk, das 
der allgütige Vater da droben den Menschen, 
gleich einer Paradiesesblume, als einzige, aber 
unendlich schöne Erinnerung an das verloren 
gegangene selige Land gespendet hat. Ihr 
friedlosen Männer aber entweihet das himmlische 
Wort und macht es zum Ruf sür Kampf, Mord 
und alle erdenklichen Greuel!" Als er sie so 
reden hörte, wurde es Herrn Friedrich ganz 
warm um's Herz, er ergriff Mathildens Hand, 
die sie ihm willig überließ und sagte, ihr lies 
in die veilchenblauen Augen blickend: „Was Ihr 
da von der jugendfrischen, wonniglich werbenden 
Minne sagt, ist wohl recht, aber auch die alte 
Minne, der ich mich ergeben, steht wie ein glanz 
voller Stern am Himmelszelt, bedeutet sie doch 
nichts Anderes, als das Gedenken an die alte, 
gute Zeit, wo ein jeder Rittersmann sein eigener 
Fürst war und sein alleiniger Herr in seinen 
weitgezogenen Grenzen, wo Land und Leute, 
Bürger und Bauer ihm gehörten und er mit 
Allem machen konnte, was er wollte." „Aber 
Bürger und Bauer sind doch auch Menschen", 
erwiderte Dame Mathilde. „Hört", fuhr Herr 
Friedrich fort, „was ich von einem hundert 
jährigen Sänger in Acht behalten habe, der in 
einer sturmdurchwehten Herbstnacht in der Halle 
saß und von den uralten Tagen erzählte, wo 
die Welt eben erst erschaffen war. Da hätten 
zuerst gehaust ein Paar, mit Namen Ahn und 
Ahne, deren Kind sei Knecht gewesen, mit 
runzeliger Haut, häßlichem Gesicht und breiten 
Fersen, der hätte Dirne gefreit und ihre Nach 
kommen seien Trödel und Trotzig gewesen, 
Schnabelnas und Lumpenschlumpe und noch viele 
andere mit noch schrecklicheren Namen, von ihnen 
aber stammten die Knechte. Von Bauer und 
Schnur, so lehrte der Alte, seien die Ackerleute 
entsprungen, aber von Jarl, dem blondlockigen 
Jüngling mit rothen Wangm und blitzenden 
Augen, und Erna, die blendender war als der 
reinste Schnee, entsproßten die Herren! Sollen 
wir deshalb unsere Häupter nicht höher tragen 
als Knecht und Bauer, aus denen der Bürger 
erst entstanden ist, denn von ihm wußte der 
Sänger von Anfang her nichts zu erzählen —?" 
„Auch mir ist die alte Sage bekannt". sagte 
Dame Mathilde, „aber ich weiß auch, daß 
Knecht, Bauer und Herr von einem der alten 
Götter, ich glaube, sie nannten ihn Heimdold, 
abstammen und alle drei Stände also göttlichen 
Ursprungs sind. Friedrich, Friedrich, achtet 
Bürger und Bauer, sie sind Menschen wie wir 
und haben Rechte gleich den unsrigen!" „Wie
	        

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