Full text: Hessenland (5.1891)

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kehrt Gott Heimdallr, der Ständeordner, am 
Meeresstrande in ein Bauernhaus ein, wo am 
Feuer zwei Eheleute sitzen, grau von Arbeit, 
Ai und Edda — Urahn und Urahne. Der Gott 
ißt von ihrem groben Kleinbrot und gesottenen 
Kalbfleisch und geht mit ihnen zu Bett. 9 Monate 
später gebiert Edda einen Sohn, der ist rauh 
haarig. dickfingerig, langfersig, schwarzhaarig und 
erhält den Namen Drhäl — Knecht. Zum Weib 
nimmt er ein Mädchen, das einst zufällig auf 
den Bauernhof kam; ihre Füße sind nackt, ihre 
Arme sonnenbraun, ihre Nase eingebogen. Sie 
heißt Dhhr — Magd. Ihre Kinder erhalten 
Namen, die auf „Unreinlichkett, Selbstmißachtung 
und Körperhäßlichkeit" deuten. Das ist der 
unterste Stand. Der zweite Stand stammt ab 
von Karl d. i. Mann und Sorger, dem Sohne 
von Heimdallr und Amma d. t- Ahne; der 
oberste von Jarl d. i. Edelmann, dem Sohne 
von Heimdallr und Modir d. i. Mutter. Den 
dritten Stand malt nun die alte Sage wie die 
spätere Literatur mit ganz besonderem Eifer aus, 
aber der furchtbare Ernst der Göttersage wandelt 
sich in übermüthigen Scherz um, der dann vom 
harmlosen Spott nicht weit ist. 
66) Hänschen faß im Schornstein, 
Flickte feine Schuh, 
Ham des Nachbars Gretelein, 
Guckt' ihm fleißig zu. 
„Hänschen, willst du freien, 
So freie mich, 
Ich habe noch 3 Kreuzer, 
Die sind für mich und dich." 
„Ich will dich nit, ich will dich nit, 
Du hast 'en fcheiwen Fuß." 
,Ach nimm mich doch, ach nimm mich doch, 
Dann wird er wieder gut. 
Und wenn wir dann zusammen find 
Und haben kein eignes Haus, 
So fetzen wir uns in's Bodenloch 
Und gucken oben raus." 
Manches in dem vielumgewandelten Liedchen 
klingt fast noch wie eine leise Erinnerung an 
die Edda: Hänschen sitzt im Schornstein d. h. 
unter dem Rauchfang am Feuer, da kommt die 
Tochter des Nachbars daher: er nimmt sie auf 
ihren Antrag als Weib, trotz ihres scheiwen 
Fußes. (Oeckvinkalfa — Schiefbein heißt eine 
von Dhräls Töchtern.) Seine Schuh sind zer 
rissen, und ihr Brautschatz sind drei Kreuzer, 
aber sie blicken von ihrem gemietheten Bodenloch 
ganz fidel auf die Welt herab. Doch knapp und 
unordentlich geht es in dem Haushalt zu, der 
uns aus unsren Kinderliedchen, freilich unter 
anderen Namen und Beziehungen, entgegentritt: 
69) Es war einmal ein Mann, 
Der hieß Bumdarn, 
Bumbam hieße 
Und die Trompete bliese. 
(od. und seine Frau hieß Liese.) 
Ihr Leute, kaust mir Besen ab, 
Daß ich was zu esten hab'! 
70) Ich will Dir was erzählen 
Don der alten Mähten, 
Wenn sie keine Kartoffeln hat, 
Kann sie keine schälen. 
71) Die Linsen wo linsen, 
Im Dippen, se hippen, 
Se kochen vier Wochen, 
Und sind noch 
Wie Knochen. 
72) Brau, brau, Keffel, 
Morgen wolln wir waschen 
Uebermorgen Waffer tragen — 
Plumps in die Asche. 
73' Meine Mutier schickt mich her, 
Kb der Kaffee fertig mär; 
Wenn er noch nicht fertig wär, 
Möcht' er bleiben, wo er wär. 
(od. Schickt' sie mich noch dreimal her.) 
Morgen früh beim Mondenschein 
Soll -er Kaffee fertig sein. 
oder: 
Sagen Sie ein Kompliment, 
Und der Kaffee sei verbrennt, 
Und die Milch in's Feuer gelaufen, 
Da könnte Madame keinen Kaffee saufen. 
(Müßte Madame andern kaufen.) 
74) 6 mal 6 ist 36 
Ist der Mann auch noch so fleißig, 
Und die Frau ist liederlich, 
Geht der Haushalt hinter sich. 
73) 6 mal 6 ist 36 
Ist der Mann auch noch so fleißig, 
Und die Frau ist noch so dumm 
Schmeißt den ganzen Kaffee um. 
76) 6 mal 6 ist 36 
Und der Mann ist noch so fleißig, 
Und die Frau will Kaffee kochen, 
Hat der Mann das Geld versoffen. 
(Fortsetzung folgt.)
	        

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