Full text: Hessenland (5.1891)

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thurm herab zu hindern. Nachmittags bis zur 
Nacht wird getanzt. (Handschr. Nachricht vom 
Jahre 1800.) Ein Zusammenhang liegt wohl 
vor zwischen!: ausgebogen Engelland und: 
Engelland war zugeschlossen und der Schlüssel 
abgebrochen. Vom Engelland trägt das ge 
flügelte Roß seinen kindlichen Reiter über's Meer 
zurück nach Spanien und von da weiter nach 
dem Räthselland Dip — Dap — Danien — Däne 
mark? Mesopotamien? — Etwas ernster als 
diese Reiselieder ist eine Gruppe Zählreime, die 
uns von der Straße in den Haushalt, in die 
Familie führen: 
60) J, 2. 3, 4, 6, 7 
Mädchen muß den SchubKarrn schieben, 
Schubkarrn muß das Mädchen schieben, 
1, 2, 3, 4, :>, 6, 7. 
61) 1, 2, 3, 4, :>, (», 7, 8, 9, JO, 11, 12, 13 
Gehe hin und hole Warzen, 
Gehe hin und hole Korn, 
Bleibe hinten oder vorn. 
62) 10, 20, 30 
Mädchen, du bist fleißig, 
40, 50, 60 
Mädchen, du bitt prächtig, 
70, 80, 90 
Mädchen, du bitt freundlich, 
100, 1000, 10 Millionen: 
Mädchen, du sollst Käse holen! 
63) 1, 2, 3, 4, 5 
Strick mir ein Paar Strümpt, 
Nicht zu groß und nicht zu klein, 
Sonst mußt du der Esel sein! 
64) 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7 
Eine Frau die kochte Uüben, 
Eine Frau die kochte Speck, 
1, 2, 3 da war sie weck. 
65) 1, 2, 3 
Kicke — hacke — Heu, 
Kicke — hacke Pfefferkorn, 
Der Schuster hat seine Frau verlorn. 
66) 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7 
Wo ist denn mein Schatz geblieben? 
Er ist nicht hier, er ist nicht da! 
Er ist wohl in Amerika! 
Die bunte Kette unsrer Zählreime mag ein 
Prachtstück von Kinderpoesie schließen: 
67) 1. 2, 8 
Hicke-hackc He«, 
Hicke-hackc Pfefferkorn, 
Sieben Kinder effen gern. 
Mutter backe Kuchen! 
Will ein Stück versuchen, 
Legt' ein Stück hinter die Thür, 
Kam die Katz' und fraß es, 
Kam der alte Leineweber 
Mit der langen Elle, 
Schlug sie auf den Kopf: 
Miau miau miau 
Für 2 Pfennig Buckelblau! 
Eine Mutter hackt emsig Heu und Pfefferkern 
für ihre sieben Kinder; denn sieben Kinder essen 
gern und viel. Heu für die Kinder, wie für's 
Vieh? Die Erklärung giebt wieder ein alemannischer 
Spruch, in welcher eine Aiutter auf ihre vielen 
milchverlangenden Kinder in der Wiege blickt: 
De Höseli und de Chlei, de Lotz und der Läu.. - 
De Nöppel, de Span und Laß sind all an 
einer Gaß. Züseli und Anneli mache Ehernen 
as, sueret eüsis Spanferndli das.' Diese 
Mutter vergleicht mit Bewußtsein ihre Kinder 
Spanferkeln, und das ist keine Roheit. Denn im 
Paradiese der Jugend wie einst in dem der Mensch 
heit sind Thier und Mensch noch nicht feindselig 
geschieden. So betet das niederdeutsche Bauern 
kind frommen Herzens: Hier ligg ick as 'ne 
Koh, nu seh' uuse Herrgatt to, dat mi nin 
Düüwel wat doo! und der kleine Teddi in 
Habbertons allerliebster Kindergeschichte „Andrer 
Leute Kinder" glaubt selbst an seine unglaubliche 
Flunkergeschichte, die so anhebt: Na ja. Einmal 
da — war ich 'n Kininschen un wohnte gantsch 
geleine in ein Loch gantsch unten im Baum. 
Un manchmal denn kamten die annern Kininschens 
un besuchten mich u. s. w. Also Heu und 
Pfefferkerne giebt's für die Kasseler Ferkelchen, 
aber unzufrieden rufen sie: Mutter, backe 
Kuchen! Die Gute thut's, und nun will ein 
Kind ein Stück,, das es wahrscheinlich vor der 
Vertheilung schon gemaust hat, friedlich verzehren, 
da kommt das böse Element, die Katze, und frißt's. 
Da erscheint der äeus ex machina dieses 
Familiendramas, der alte Leineweber und verbläut 
mit seiner Elle die Katze, daß sie fortläuft: 
miau, miau. miau. 
Diese dramatisch belebte Familiengeschichte 
enthält schon so manche Züge, die dem Kinde 
nicht daheim in der Stube geworden sein 
können; sie führt uns, zunächst an den Spielen, 
denen ja die Zählreime gelten, vorbei zu dem 
Bild oder Bildchen, das wir, den Kinder 
reimen folgend, uns von der Familie über 
haupt, vom Haushalt und Handwerk zeichnen 
können. Da fieht's nun gar leicht und lustig 
aus: im Hause Armuthei und Bettelei, das 
Handwerk verspottet, der Mann im Wirthshaus, 
die Frau dumm und ungeschickt. Doch scheltet 
deshalb die Kinder und ihre Liedchen nicht, ihr 
Damen vom Kaffeetisch, ihr Herrn vom Biertisch! 
Uns Große fesselt ja auch eine Erzählung vom 
Elend und Kampf und Sorge mehr als eine 
Schilderung von Ruhe und Wohlstand und 
Reichthum; wir begleiten den Romanheld durch 
Mangel und Gefahr und Trübsal hindurch bis 
zum glücklichen Ende, und im Glücke — wird 
er uns langweilig. Und diese Liedchen vom 
Bettelhaushalt fließen aus uralter Quelle, die 
Rochholz, dem wir hier folgen, schon in der alt 
nordischen Sagensammlung Edda nachweist. Dort
	        

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