Full text: Hessenland (5.1891)

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Bum da schlug das kleine Glöckchen, 
Bum da schlug es aus. 
A — u — s aus 
Ilnd du mußt heraus! 
Eckchen deckchen ist nur Lautspiel, das zu Glöck 
chen führt, wie oben: Enter tentcr zu tira- 
menter. 
54) Eckchen, deckchen, Silberglöckchen, 
Aus dem Dach da liegt ein Päckchen, 
In dem Päckchen liegt Papier, 
Was willst du haben, Wein oder Bier? 
Nach Münzen (Batzen) scheint das unter 
nehmungslustige Reimlein gezählt 311 haben: 
55) Km was sollen wir weiten! 
Ilm eine goldne Kette? 
4lm ein Gläschen Wein? 
Bihe — Bake, du mußt es sein! 
Noch jetzt wird, zum Ballspiel besonders, jede 
Spielpartei durch Emporwerfen eines Geldstückes 
ausgeloost: Schrift oder Wappen? Die nach oben 
fallende Seite wählt oder weist zurück, je nach 
dem die Partei sich für Schrift oder für Wappen 
vorher erklärt hat. — Ebenso fidel und ver 
wegen fassen einige andre Zählreime das Leben 
auf. 
56) J, 2, 3, 4, 5, 6, 7 
Komm', wir wollen Kegel schieben, 
Kegel um, 
Kegel bum! 
57) 1, 2, 3, 4 
Da halt du ein Glas Bier, 
j 2, 3 
Da hast du ein Glas Wein. 
Es sei gestattet, an den beim Schwerttanz 
üblichen Spruch des Führers zu crinuern, wie ihn 
Winkelmann, Beschr. d. Fürst. Hessen u. Hers 
feld III 374, giebt, der 1651 bei der Vermählung 
Ludwig'sVI. vön Hessen-Darmstadt eincmSchwert- 
tanze beiwohnte: Dieser Tanz ist nun aus De» 
wir den Herrn haben bracht zu Haus. Die 
Herrn werden sich auch bedenken Und werden 
uns ein Trankgeld schenken: Ein Kopfstück oder 
vier, So komm ich mit meinen Gesellen zum 
Bier; Ein Kopfstück oder neun, So tonnn ich 
mit meinen Gesellen zum kühlen Wein usw. 
5^) Kännchen, Lottchen, weißt du was? 
Geh mit mir in's grüne Gras, 
Geh mit mir in die Allee, 
Trink mit mir ein Lüßchen Thee! 
Weißt du auch, wo Freiburg liegt? 
Freiburg liegt im Thäte, 
Wo es schöne Mädchen giebt, 
Aber auch fatale. 
Dicke Jöpse haben fit, 
Wie die Pomeranzen, 
Ihre Haare schmieren ste, 
Daß ste bester glanzen. 
Der Anfang lautet auch: 10—100 Geh mit 
mir hinunter. Der für Kassel auffallende süd 
deutsche Stadtname Freiburg ist offenbar ein 
doppeltes Schelmenspiel: die Burg, wo die „freien" 
fatalen Mädchen sich gern „freien" lassen. Daß 
aber diese Burg im Thale liegt, ist einer von 
den Kinderscherzen, wonach auch die Sonne npr 
bei Nacht scheint. Auch hört man öfters Frei 
berg singen und fügen; das könnte Freiberg 
in Sachsen sein, jenem Lande, wo die schönen 
Mädchen aus den Bäumen wachsen, vgl. zu 16. 
In und um Tübingen giebt es ein ähnliches Spott 
lied auf die Mädchen in Stuttgart: Ihr wisset 
nicht, wo Stuttgart liegt. Stuttgart liegt in 
Teichen, Wo's so schöne Mädle giebt. Aber keine 
reichen. Bückel und Kröpfe haben sie Wie die 
Pomeranzen; Sie schmieren sich mit Eierweiß, 
Daß sie besser glanzen; Die eine mit 'ein Nier- 
ling, Die andere ein halb Pfund usw. 
Zur Reise in die weite Welt fordert auch der 
abenteuerliche, aber gerade deshalb um so beliebtere 
Zählreim auf: 
59) Immchen Dimmchen Juckerlimmchen, 
Geh mit mir nach Harlestmmchen, 
Harlellmmchen ist nicht weit, 
24 Stunden breit. 
Hinter der Kirche liegt der Sand, 
Ausgebogen Engelland(?) 
Engelland und Spanien, 
Dip — Dap — Damen 
Ilnd du mußt cs sein. 
Unsre Erklärung ist selbst nur eine kindliche Reise 
in die weite Welt: die erste Zeile sucht, wie 
schon öfter, durch ein Reimspicl hindurch nach 
der Anrede: Zuckerlimmchen (in manchen Straßen 
auch: Zuckelemmchen) — Zickelümmchen, s. u. 
Schifflein, knie dich--Schäflein. Harlesimmchen 
soll an unser Nachbardorf Harleshausen erinnern. 
Vielleicht geht aber diese Kinderreisc nach Eng 
land von Harleshausen weiter über Im men 
hausen, an dem ja die alte Straße von Kassel 
nach Niedersachsen vorüber fühlte, vgl. Landau, Be 
schreibung des Kurfürstenthums Hessen S. 184 f. 
Doch Träume sind Schäume. Jedenfalls geht 
die Reise nach Norden. Aber dunkel bleiben ohne 
eine vollständige Sammlung hessischer Kinder 
reime die beiden folgenden Zeilen. In Zierenberg 
sagt man: lag der Sand, kaum ursprünglicher 
als die Kasseler Lesart, zu der wir überdies 
Lynker's Erzählung (315) vergleichen: Außer 
der gewöhnlichen Kirmes wird in Westuffeln (an 
der holländischen Straße!) noch eine s. g. Sand- 
kirmeß gefeiert, welche 24 Stunden dauert. Des 
Morgens mitSonnenaufgang müssen dreiMädchen, 
die als unbescholtene Jungfrauen bekannt sind, 
an einem zwei Stunden vom Dorfe entfernten 
Orte Sand holen. Im Dorfe wieder angekommen, 
geben sie sich Mühe, diesen Sand in drei Um 
gängen um die Kirche zu streuen. - Die Burschen 
des Dorfes, welche ihre Rückkehr erwarten, suchen 
sie daran aber durch Bespritzen mit Wasser aus 
den Fenstern, von den Dächrrn, sogar vom Kirch-
	        

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