Full text: Hessenland (5.1891)

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asseler Dmöerlieöchm, 
gesammrll und erläutert von vr. Gustav CsKuche und Johann Tewalker. 
(Fortsetzung.) 
Das Spiel der Kinder ist nicht so regellos, 
wie es scheint. Ordnung im Ansangen und 
Nertheilung der Rollen wird klug bestimmt durch 
eine reiche Fülle von Abzählretmen, denen sich 
auch der trotzigste Junge ebenso willenlos unter 
wirft, wie einige Jahre später vielleicht dem 
Marburger Bierkomment. Der Inhalt dieser 
Sprüchlein ist gar mannigfaltig: Müllers Kuh, 
Reise nach England, Franzosen im Schnee, die 
fatalen Mädchen von Freiburg, eine Mutter mit 
sieben Kindern, ein Mädchen, das Strümpfe 
strickt, usw. Und ebenso verschieden ist ihr 
Alter: ein Spruch enthält Anklänge an die 
altgermanische Sage vom Weltuntergang, der 
Götterdämmerung; ein anderer zeigt uns die 
Franzosen 1812 vor Moskau, ein dritter führt 
in die allerneuste Zeit, das Zeitalter der Klaviere. 
Die kindliche Sprachwillkür ergeht sich hier nach 
Herzenslust im Spiel mit Reim und Stabreim, 
das einer gewissen Gesetzmäßigkeit doch nicht er 
mangelt. Z. B. wird ein vokalisch anlautendes 
Wort sofort mit konsonantischem Anlaut wieder 
holt. Eenede meenede; awede bawede; ecks drecks; 
eller zeller; enter tenter; itta fitta; u. v. a. 
Dieser Fortschritt vom Vokal zum Konsonant 
ist kindliches Zählen und bedeutet nichts Anderes 
als: eins, zwei. In den Schriftsprachen wieder 
holt sich dieselbe Erscheinung: griech: (h)eis, dyo; 
lat. unus, duo; franz. un, denx; goth. ains, twai; 
engl, one, two; hebr. Echad, Schenajim. 
Dann zeigt sich eine besondere Freude am Vokal 
spiel: rusche rasche rri: mickede mo: bombardo; 
Uspasette oder ispusette; dippe dappe; dittchen 
dattchen; kling klang; «se buse; hicke hacke Heu; 
bullewulleweide! 
33) Ach und du, 
Mülltrs Kuh, 
Müllers Esel, 
Das bist Du. 
34) Kriegst einen Tritt, 
Spielst nit mehr mit! 
35) Eins zwei drei, 
Da liegt ein Ei, 
Wer darauf tritt, 
Spielt nicht mehr mit. 
A — u — s aus! 
Unb du muht heraus 
36) 1, 2, 3, 4 
Unter dem Klavier 
Sitzt eine Maus, 
Und die muß heraus. 
A — u — s aus! 
37) 1, 2 3 
Die Dank vorbei, 
Die Dank vor, 
Husch husch husch! 
I, 2, 3. 
38) 1, 2 Polizei, 
3, 4 Dsftzier, 
5, 6 alte Her', 
7, 8 gute Uacht, 
9, 10 Kapitän, 
II, 12 Heulen die Wölf', 
13, 14, 15, 16, 17. 18, 19, 20, 
Die Franzosen zogen nach Danzig, 
Danzig fing an zu brennen, 
Die Franzosen fingen an zu rennen. 
Dhne Strümps' und ohne Schuh 
Rannten sie nach Frankreich zu. 
Das ist ein wunderlicher Spruch, der im Lauf 
der Zeit sicherlich manche Wandlung erfahren hat. 
Auf dem Land in Hessen mag er sich noch in 
seiner ältern Gestalt erhalten haben, wie sie aus 
der Schweiz vorliegt: Eine, zwo, git e Floh, 
drü, vier, git e Stier, feuf, sechs, git e Hex', 
sieben, acht, git e Chatz, nün, zeh, git e Chräh, 
oelf, zwölf: git es Chrätteli volle Wölf. 
Rochholz bemerkt dazu: Schon Grimm, Mythol. 
S. 1210 erinnert, daß dieser Reim der letzten 
zwölf Weltstunden gedenke, nach denen das Him 
melsgewölbe einbricht, . . . wann der Alles ver 
schlingende Höllenwolf, der den Mond fressende 
Hund Mänagarmur erscheint . . . Der Schrecken 
einer solchen Zeit bereitet sich hier vor durch 
eine Klimax, die vom Ungeziefer (Floh) zu den 
dämonischen Wesen (Katze, Hexe, Krähe) und zu 
dem Mondhund kommt. Einen leisen Anklang 
an das Himmelsgewölbe enthält noch bei uns 
das Lied durch eine Abweichung: 11, 12 Geh
	        

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