Full text: Hessenland (5.1891)

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Ein Jüngling lief zu der Schwester sein 
Und wollte sie zieh'n aus dem wilden Reih'n, 
Da folgten ihm nur ihre Arme — 
Sie ließ nicht vom tanzenden Schwarme. 
Bei Hitz' und Kälte sie tanzten fort, 
Ob Regen fiel, ob stürmte der Nord, 
Nicht Speise, noch Trank sie begehrten, 
Sie tanzten bis tief in die Erden. — 
Als wieder kam die heilige Nacht, 
Ward ihnen erst Erlösung gebracht. 
Als leuchtend in der Kapelle 
Ergoß sich der Kerzen Helle. 
Der Priester löste den strafenden Ban», 
Die Tänzer stockten und sahen sich an, 
Aufathmcnd sanken sie nieder, — 
Erstanden ist Keiner wieder. 
Wtlhklm Mennecke. 
Ans Heimath und Fremde. 
Etwas vom Dom zu Fulda. Wie geschrieben 
wird, beabsichtigt die Stadt Weilburg a. d. Lahn 
die Errichtung eines Monumentes für König 
Konrad I., den Franken, und soll der rühmlichst 
bekannte Bildhauer Prof. Cüuer in Berlin bereits 
mit dem Entwurf beauftragt worden sein. Wir 
wollen bei dieser Gelegenheit daran erinnern, daß 
auch den Dom zu Fulda, der bekanntlich dieses 
ebenso thatkräftigen als hochherzigen Königs letzte 
Ruhestätte ist, ein Gedenkzeichen an ihn schmückt, 
nämlich eine einfache, aber würdige Sandsteintafcl 
Nlit der Königskrone, unter welcher in goldenen Buch 
staben eine aus des Fuldaischen Geschichtsschreibers 
Marianus Scotus Chronik entnommene Inschrift 
steht. Der HcssischeGeschichtsverein war es, 
der diese Gedenktafel auf Antrag des verstorbenen 
Professors Gegenbaur im Jahre 1878 errichtete. 
Neben diesem pietätvollen Kaiserdenkmal neuesten 
Datums hütet jedoch Fuldas Domkirche auch noch 
ein zweites von recht ehrwürdigem Alter. Es ist 
dies ein halberhabenes, buntbemaltes Bild Karl's 
des Großen, der ja bekanntlich ebenso zu den 
besonderen Gönnern des Klosters Fulda zählte wie 
Konrad, der Franke. Man nimmt an, daß dieses 
Alterthum aus dem 14. Jahrhundert stamme, denn 
es ist noch einer der wenigen künstlerischen Ueberreste, 
die bei Abtragung der alten Stiftskirche in die jetzige 
Kathedrale mit herüber gerettet worden sind. Doch 
waren auch einzelne Architekturiheile von dem früheren 
romanischen Prachtbau stehen geblieben, welche den 
Schöpfer des Neubaues, den genialen fränkischen Bau 
meister J o h. Di e ntzenhof er, so wesentlich beein- 
flnßt haben, daß sich noch immer der romanische 
Grundplan nicht verkennen läßt. Die Schönheit des 
Fuldaer Domes, — dessen Restauration' ja nun 
nicht mehr in der Ferne zu liegen scheint — 
ist von den hervorragendsten Kunstgelehrten her 
vorgehoben worden, und besonders ist es Cornelius 
Gur litt, der voll wärmster Anerkennung in seiner 
,Geschichte des Barockstyls und des Rokoko in Deutsch 
land^ (Stuttg. 1869) u. A. sagt: „Joh. Dientzen- 
hofer's Dom zu Fulda gehört zu den 
edelsten Bauten der Periode des Barock 
styls. Hier liegt eine romanische Basilika 
u n v e r k e n u b a r z u G r u n d e, die Hauptverhalt 
nisse sind durch diese bestimmt. Die Wandlung hat 
aber nicht im Anheften einzelner Ornamente, sondern 
in einer ebenso vornehmen als verständigen 
architektonischen Gliederung der Massen 
ihren Ausdruck gefunden" u. s. w. 
Demgemäß ist Bischof und Domkapitel mit Sorg 
falt darauf bedacht, daß bei der geplanten künstlerischen 
Ausgestaltung des Domes nicht nur der gegebeue 
Charakter gewissenhaft festgehalten werde, sondern daß 
er sogar noch verstärkter durch die Dekoration hervor 
trete, und auch die Königliche Regierung gibt dieser 
kunstverständigen Auffassung ihre Zustimmung. 
Hoffen wir nur, daß das pietätvolle schöne Unter 
nehmen noch recht thatkräftige Unterstützung bei allen 
dankbaren Verehrern des Apostels der Deutschen 
finden möge, denn bis jetzt ist erst die Summe von 
ungefähr 22,500 Mark zusammengeflossen, die 
wohl bedeutend vermehrt werden muß, bevor an 
eine würdige Ausführung gedacht werden kann. 
Auch ist bereits feit einigen Wochen in der 
Bonifatiusgruft mit verschiedenen Arbeiten be 
gonnen worden, die immerhin wenigstens einen An 
fang der Sache bezeichnen, wenn sie auch vorläufig 
sich nur darauf beschränken, die gleichfalls der vorigen 
Stiftskirche entstammenden kolossalen Sandsteinfiguren 
wie auch die Säulen und Pilaster von Bronze bezw. 
Tünche zu befreien, das hohe Rundbogenfenster im 
Westen zu gliedern und die Einrichtung der Gas 
beleuchtung herzustellen. 
Fulda. I. Hr. 
Am 20. Juli vollendete der älteste Bürger Mar 
burgs, der Aktuar a. D. Ka?l Friedrich 
Christian Sold an, sein 90. Lebensjahr. Im 
verflossenen Jahre war es dem sich bei seinem hohen 
Alter ganz erstaunlicher Rüstigkeit des Körpers und 
Frische des Geistes erfreuenden Greise noch vergönnt, 
mit seinem Zwillingsbruder, dem ehemaligen Pfarrer 
von Wittelsberg, Friedrich Ludwig Soldan, das Ge 
burtsfest zu Großenwieden in der Grafschaft Schaum 
burg gemeinschaftlich zu feiern. Diesmal mußte er 
es ohne seinen Bruder begehen, da derselbe, wie wir 
s. Z. mitgetheilt haben, inzwischen am 17. April das 
Zeitliche gesegnet hat. Die Zwillingsbrüder sind zu 
Winnen bei Treis an der Lumbda am 20. Juli 1801
	        

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