Full text: Hessenland (5.1891)

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sttsau langer Frist den Baccalaureus hingesandt 
und die Frankenberger dem Trefurt Huldung 
thun lassen. Haben sie sich nun wider diesen, 
gegen ihren Eid, vergangen, sv muß der Land 
graf selbst sie doch das entgelten lassen bei Leib 
und Leben!" „Damit ist es nichts!" rief der 
Burgherr dagegen. „Die Bürgersleute konnten 
es in ihrer Siegessreude nicht für sich behalten, 
dyß der Landgraf Heinrich um ihren Plan 
gewußt und den Ueberfall gut geheißen habe. 
Er hält's mit den Städtern, also wird es ihm 
auch einen Stich versetzen, wenn Frankenberg uns 
zur Beute fällt." „Ganz recht!" sagte der 
Graf von Katzenelnbogen. „Laßt Euren Kaplan 
kommen, daß er den ordnungsmäßigen Fehde 
brief anfertige, denn, Gott sei Dank, hat Keiner 
von uns sein Ritterthum so hintan gesetzt, daß 
er, wie das hessische Männlein, lesen und schreiben 
könnt'!" Der Battenbergische Schloßkaplan er 
schien und „Schreib, Pfäfflein", befahl ihm der 
Graf, „daß wir, die Bundesgenossen der alten 
Minne, den Herren zu Hessen die Fehde ansagen, 
darum, daß sic uns in unsern Rechten kränken 
und dieselben allerwegen zu verkürzen trachten, 
und wollen alle die, so es mit ihnen halten, 
henken und ertränken, ihnen die Nasen und die 
Ohren abschneiden und sie erniorden, wo, wie 
und wann es irgend geht." Nachdem dies 
erbauliche Schriftstück ausgefertigt war, gaben 
die wackern Rittersleute sich einer unmäßigen 
Schwelgerei hin, welche sie bis zum Morgen 
grauen in Anspruch nahm. — (Forts, folgt.) 
DemKqstauienba«»« vor meinem Fenster. 
Durch meines Fensters Scheiben 
Sahst du zwölf Jahre lang 
Und zwölfmal sah ich treiben 
Dich rothen Blüthenhang. 
Und zwölfmal sah ich streuen 
Die dürren Blätter dich; 
Dein Welken und Erneuen 
Hast du gelebt für mich. 
Nun da ich bin am Rüsten 
Zur Fahrt in fremdes Land, 
Da weichst auch du, als müßten 
Wir gehen Hand in Hand. 
Sie schlagen dich mit Beile», 
Bis daß du todeswund ; 
Sie zerren dich mit Seilen 
Aris deinem Wurzelgrund. 
Wo einst aus deinem Laube 
Mir Frühlingsodem floß. 
Zieht bald im Straßenstaube 
Vorbei der Menschen Troß. 
Und Niemand wird dich missen, 
Kein Plätzchen läßt du leer, 
Wie auch von mir soll wissen 
Bald keine Seele mehr. 
Ich seh' dich beben, wanken 
Und brechen niederwärts — 
Schwermüthige Gedanken 
Umklammern mir das Herz. 
Wie wenn da unten lüge 
Ein Stück von meinem Sein, 
So geht der Riß der Säge 
Mir tief durch Mark und Bein. 
Saut. 
We Kirchhofstänxer. 
(Nach Gerstenberger's thüringischer und hessischer Chronik.) 
Das war eine schauervoll heilige Nacht, 
Zum Tanzplatz wurde der Kirchhof gemacht, 
Als leuchtend m der Kapelle 
Ergoß sich der Kerzen Helle. 
Es stand der Priester am Altar 
Und bot das Weihnachtswunder dar, 
Doch draußen die halbe Gemeine 
Tanzt über die Leichensteine. 
Die jungen Burschen und Mägdelein, 
Die führen gar absondere Reih'n, 
Mit Lachen und mit Singen 
Sie über die Gräber springen. 
Sie tanzten.auf, sie tanzten ab, 
Sie tanzten selbst über ein offenes Grab, 
Des Priesters Warnung haben 
Verlacht die thörichten Knaben. 
Die lachenden Mädchen in den» Arm 
Sang Schelmenlieder der rasende Schwarm, 
Da hob der Priester die Hände, 
Daß Gott die Straft sende. 
Und Gott erhörte des Priesters Wort, 
Sie mußten tanzen fort und fort, 
Sie tanzten Tage und Wochen, 
Hat Keiner sie losgesprochen.
	        

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