Full text: Hessenland (5.1891)

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gestiegen war. „Nun, Lasso", rief der Frei 
herr hinab, „habt Ihr ihn? Todt oder lebendig 
— habt Ihr ihn?" Ter Angcrusene eilte, aus 
trockener Kehle eine unverständliche Antwort 
gebend, in den innern Raum und stand im 
nächsten Augenblick seinem Gebieter gegenüber. 
„Wir haben ihn nicht", berichtete Sasso. welchen 
Worten ein derber Fluch des Freiherrn folgte, 
„aber in einer Stunde wird der Ritter Friedrich 
hi»r sein und mit ihm die Grafen von Nassau, 
Solms und Katzenelnbogen, sowie die edeln 
Herren von Lisberg, Wollersdorf und noch viele 
Andere!" „Da heißt sich's sputen, Elsbeth!" 
rief der Freiherr seiner Gattin zu. die neben 
Mathilde im Erker saß. „Die Gäste, die wir 
bekommen, kenn' ich! Heraus mit dem Besten, 
was Küch' und Keller bietet! Es sind gar seine 
Schlecker darunter!" — Nachdem die Frauen 
gegangen waren, fragte der Alte hastig: „Wie 
kam's, daß der Streich mißlang? Hat der 
Baccalaureus sich etwa seiner Haut gewehrt?" 
„Das nicht, aber der Teufel hat sein Spiel 
gehabt", versetzte Sasso. „Landgraf Hermann 
war in Gießen, wie wir es ausgekundschaftet 
hatten, und würde uns nicht entgangen sein, 
wenn der Rath, den die Herren in dem Wald 
bei der Stadt gepflogen, nicht von einem Gießener 
Bürger, Eckhart Holzschuher geheißen, belauscht 
worden wär'. Den ganzen Tag hatten wir 
vergeblich auf der Lauer gelegen, da erhielten 
wir Botschaft aus der Stadt durch den alten 
Henne, daß der Holzschuher in einem hohlen 
Baum Alles gehört und den Landgrafen gewarnt 
habe. So mußten wir denn abziehen, der 
Teufel hol's! mit langer Nase und haben halt 
nichts mitgebracht, als müde Gäule!" Da 
schallte schon das Horn des Thürmers von der 
Warte herab in gar lustigen Klängen die auf 
der Heerstraße in Sicht gekommenen Herren ver 
kündend, und der alte Ritter erhob sich, seine 
Gäste zu empfangen. 
Nach einer Stunde saßen im großen Saal 
der Burg die drei Grafen, welche Sasso gemeldet 
hatte, und über zwanzig andere adelige'Herren 
beisammen, bei fleißig geleerten Bechern den 
verfehlten Anschlag auf das Leben oder mindestens 
doch auf die Freiheit des jungen Fürsten be 
sprechend und ihrem Mißmuth in den sträf 
lichsten Reden Luft machend. „Wißt Ihr schon, 
Herr Boppo", rief da der Graf von Nassau- 
Dillenburg dem alten Ritter zu, dem Gespräch 
eine andere Wendung gebend, „um unsern neuen 
Ritterbund? Euren Sohn haben wir unterwegs 
schon dafür geworben und mit Leib und Seel' 
ist er der „alten Minne" beigetreten." Und 
„Heilo, die alte Minne!" jubelte es rings umher, 
während die Becher zusammengestoßen wurden. 
daß der Klang gewaltig an der Saaleswölbung 
wiedertönte. „Es handelt sich diesmal um Drie 
dorf, das der alte Landgraf von unserm in 
Gott ruhenden Herrn Emicho gekauft haben 
will und um die ganze Hadamar'sche Erbschaft!" 
fuhr der Graf von Nassau fort. „Herausreißen 
wollen wir den hessischen Gewalthabern Alles, 
was sie sich ans eigne Faust genommen haben, 
bis auf die letzte nassau'sche Hütte mitsammt 
ihrem Hörigen!" „Und bei mir handelt es sich 
um den Hermannstein", rief der Graf von Solms, 
Johann II., „den der Baccalaureus mir in der 
Grafschaft Lich zum Aerger hingesetzt hat. Soll 
das gelehrte Männlein doch gesagt haben, an 
den Mauern des Hermannsteins wollt' er mich 
seinen Namen buchstabiren lehren, dafür will ich 
ihn mit meinem Schwert in die Schule nehmen, 
daß ihm sein Kopf mehr davon brummen soll, 
wie von all' seiner pfäffischen Gelehrsamkeit!" 
So hatte ein jeder der versammelten Adeligen 
irgend einen Grund, gegen die Herren zu Hessen, 
Heinrich den Eisernen und Hermann den Ge 
lehrten, in Harnisch zu gerathen, und wäre es 
nach ihnen gegangen, so würden die beiden 
Fürsten noch am selben Tage aus der Welt ge 
schasst und ihre Länder an die Pokulirenden 
vertheilt worden sein. Nachdem auch Herr Boppo 
sich unter die Gesellen von der alten Minne 
feierlich hatte aufnehmen lassen, begann derselbige 
folgendermaßen zu reden: „Hochgeborene Grafen, 
edle Ritter, geschloßte Junkherren, wvhlgesreunde 
Kampfgenossen! Da nun männiglich beschlossen 
ist, wiederum gegen die zween H's, die wie die 
Hasen lausen mögen, zu Felde zu ziehen." 
Hier wurde der Redner durch ein Beifallsgebrüll 
seiner ehrbaren Zuhörer für eine Minute unter 
brochen, denn daß er mit den beiden H's 
Heinrich und Hermann gemeint, war jedem, 
trotzdem noch Keiner von ihnen das Schießpulver 
erfunden hatte, klar genug. „So wollte ich 
nun", fuhr Herr Boppo fort, als der Tumult 
sich gelegt, «zuvörderst das Wort ergreifen für 
Hermann von Trefurt, den in voriger Woche, 
da er Gelag und Vierten eingetrieben, die 
Frankenberger Nachts überfallen und die Burg 
ihm über der Glatze angesteckt haben." Ein 
erneutes Geschrei erhob sich, denn dieser That 
bestand war noch Keinem der Angekommenen 
bekannt gewesen. Der alte Freiherr erstattete 
ausführlichen Bericht, selbstverständlich ganz zu 
Gunsten seines Freundes, und forderte die alte 
Minne auf, die Frankenberger für ihr kühnes 
Wesen einigermaßen zu züchtigen. „Beim heiligen 
Walravius, das soll geschehen!" rief der Graf 
von Nassau, und der von Wölkersdorf setzte hinzu: 
„Wenn wir dem Landgrafen damit keinen Ge 
fallen thun, denn er selbst hat doch vor nicht
	        

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