Full text: Hessenland (5.1891)

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29) Komm, Herr Jesu', 
Sei unser Gast 
And segne, was du 
Descheeret hast. 
30) Lieber Gott, mach mich fromm, 
Daß ich in den Himmel komm'. 
31) Ich bin noch klein, 
Mein Herzchen ist rein, 
Soll Niemand drin wohnen 
Als Jesus allein. 
So bilden und entwickeln schon daheim Ernst 
und Scherz den Geist des Kindes mannigfach, 
das nun mit zunehmendem Alter immer liebet 
und immer öfter der engen Stube entflieht, um 
unten auf der Straße mit andernKindernzu spielen, 
mit ihnen die großen kleinen Erlebnisse auszu 
tauschen und womöglich, was es von Vater und 
Mutter an derlei Reimen gelernt hat, anzuwenden 
und zu verniehren. (Forts, folgt.) 
<-*«!> 
ie alle Wnne. 
Erzählung von Wilhelm Dennecke. 
(Fortsetzung.) 
II. 
Wie Dame Mathilde Herrn Friedrich von 
Battenberg bekehren wallte und an der alten 
Minne rin Aergerniß nahm. 
Zu der Zeit, in welcher die Frankenberger 
sich ihrer Rechte versahen und Hermann von 
Trefurt die Wege wiesen, sah es im Lande zu 
Hessen nicht sonderlich lustbar aus, zwar stand 
der alte Landgraf Heinrich der Eiserne gar 
großmächtig und gewaltig da, sodaß ein Spruch 
von ihm herum ging bei Hoch und Niedrig: 
„Hüte Dich vor dem Landgrafen zu Hessen, 
wilt Du nit werden gefressen!" — aber er war 
alt und neigte sich dem Grabe zu. Sein Sohn, 
Otto der Schütz, war schon dahingegangen, und 
die Stütze seiner Jahre war nun sein Neffe, 
Hermann der Gelehrte, auf den er einen Theil 
seiner Herrschergewalt übertragen hatte. Gegen 
die beiden Fürsten, die, — wie die Städte ihre 
Gnadenbriefe und Freiheiten. — gegen die 
Adeligen ihre Herrenrechte geltend machten, 
hatten gar viele Grafen und Ritter Bündnisse 
geschlossen, ihre Unabhängigkeit zu wahren und 
zu befestigen, ja, wo es ging, dieselbe noch zu 
erweitern. Mit dem Bund der Sterner war 
der Anfang gemacht worden, dem die Gesellen 
vom grimmigen Löwen und von den Hörnern, 
die Falkener und die Bengler folgten. Besonders 
hatten diese geharnischten Gesellschaften es auf 
den Landgrafen Hermann abgesehen, den sie 
nicht für voll hielten, da er Anfangs für den 
geistlichen Stand bestimmt gewesen war. Kaiser 
Karl IV. hatte ihn zu Prag zum Magister der 
freien Künste creirt, mit andern Worten, zum 
geistlichen Ritter geschlagen, und die Herren 
vom Sternerbund höhnten deshalb, daß sie den 
Baccalaureus schon reisig machen wollten. Der 
junge Fürst aber war kraftvoller, als seine 
Gegner glaubten, und leistete ihnen einen solchen 
Widerstand, daß sie ihre Absicht, das Land zu 
zerstückeln, nicht erreichen konnten, aber Jahre 
lang dauerten die Fehden, unter denen Ritter, 
wie Bürger und Bauer zu gleichen Theilen 
litten. — 
Hermann von Trefurt hatte sich nach der 
Zerstörung der ihm verpfändeten Burg zum 
Frankenberg nach Thüringen gewendet, während 
seine Tochter bei dem mächtigen Freiherrn Boppo 
von Battenberg, dessen Gemahlin, aus dem 
Geschlecht derer von Epstein, ihre Base war. 
bereitwillige Aufnahme fand. Obgleich es auf 
dem schon mehr einer Festung gleichenden Burg 
sitz des Herrn Boppo Tag für Tag recht 
geräuschvoll herging, so versicherte der alte Ritter 
doch der Dame Mathilde, daß es ihm vorkomme, 
als sei er von lauter frommen Minderbrüdern 
umgeben, da sein Sohn Friedrich sich seit ein 
paar Tagen auf einem Zug in der Wetterau 
befinde, wenn der wieder innerhalb der Ring 
mauern sei, dann gehe erst das rechte Leben an, 
und was die Frankenberger so duckniäuserisch an 
ihrem Vater verschuldet hätten, das würde er 
ihnen schon bald genug bitterlich eingetränkt 
haben. Vergeblich suchte das Fräulein von Trefurt 
dem alten Ritter klar zu machen, daß sie gegen 
die Städter gar keine Rachegedanken hege, er 
blieb dabei, ihr solle schon Genüge geschehen, 
und sein Sohn Friedrich sei ganz der Mann 
dazu, den übermüthig gewordenen Bürgern das 
Fell über die Ohren zu ziehen, er selbst sei 
leider durch sein steifes Bein nicht mehr geschickt 
dazu, sich auf den Streithengst schwingen zu 
können. Gerade als der Ritter sich wieder ein 
mal in einer solch tröstlichen Auseinandersetzung 
erging, wurde es noch lauter als zuvor im 
Burghof, und das Fenster aufreißend, gewahrte 
er unter den Knechten einen seiner Tienstmannen, 
der soeben von einem schaumbedeckten Pferde
	        

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