Full text: Hessenland (5.1891)

gesammelt und erläutert von Dr. Gustav Gskuche und Johann Jewalker. 
(Fortsetzung.) 
Wie unerschöpflich ist nun der Born der 
Mutterliebe schon an bloßen Schmeichel- 
namen für den Heilten Liebling: er ist ihr ja 
lieber als ihr eigenes Herz, ihr Herzchen, Herz 
blättchen sein Wort, das ursprünglich nichts mit 
Blatt gemein hat, sondern zu bliet lieb steht); 
und teurer als alles Gut, ihr Schätzchen, ihr 
Goldkind, und süß zum Aufessen, ihr Zucker 
püppchen, ihr Schnuggelchen; und so himnielrein 
wie ein Engelchen, und so klug blickt's aus 
dem Bettchen wie aus seinem Loche das Mäus 
chen, und wie die zahllosen Kosenamen alle sind. 
Aber die Mutter will auch, daß andere Leute 
ihre Freude theilen; drum lehrt sie den kleinen 
Weltbürger die ersten Umgangsformen, ein 
Eieichen machen ünd ein Patschhändchen geben. 
Dann weckt sie seinen Sinn, indem sie ihn spielend 
auf den kleinen Körper lenkt: „Wie groß ist 
das Kind?", und mit ausgestreckten Aermchen 
muß es seine Größe anzeigen. Bald nimmt sie 
dann seine Händchen und, sie im Takte zusammen 
schlagend, singt sie, während das Kleine mit 
quietscht : 
5) Backe, backe Kuchen! 
Der Bäcker hat gerufen. 
Wer will gute Kuchen backen, 
Der muß haben sieben Sachen: 
Eier und Schmatz, 
Butter und Satz, 
Milch und Mehl, 
Safran macht die Kuchen gal. 
Schubb, in's Backöfchen! 
oder sie streicht ihm kreuzweise über die offene 
kleine Hand mit den Worten : 
6) Sätzchen, 
Schmälzchcn, 
Bütterchen, 
Backe backe Küchelchen: 
Schubb, ins Defelchen'. 
und bei Schubb schwingt sie auf den beiden 
Armen das Kind, als sollte es in den Backofen 
fliegen. Einen ebenso heiteren, das Kind stets 
neu überraschenden Schluß hat der Reim, bei 
denr die einzelnen Theile des Gesichtes berührt 
werden: 
7) Kinnewippchen, 
Mauledippchen, 
Raseschüppchen, 
Bäckelröschen, 
Augenthränchen, 
Stirnebärchen, 
Zupp zupp Härchen. 
Das Kinn wippt wie ein Vogelschwänzchen 
auf und ab, besonders beim Essen, das im 
Mäulchen wie in einem Topf(Dippen) verschwindet; 
Naseschüppchen bedeutet Schnutznäschen, vgl. am 
Niederrhein: Näschen sihf (-— fließend), Stirne 
bärchen (oder Pärchen?) sind die Augenbrauen, 
vgl. in der Schweiz: Stirn-Tüpfeli. — Durch 
diese Namengebung wird das Kind erst mit 
jedem Theile seines Gesichtes vertraut; ebenso geht's 
mit den Fingern, die sogar die Träger zweier 
kleinen Geschichten werden, vom Pflaumendiebstahl 
und vom Reinfall in's Wasser. — Der Glaube 
der alten Deutschen, jeder Fingersei einer besondern 
Gottheit heilig, spricht sich noch in später Christen 
zeit aus, so in einem „Auszug Keiserlicher 
Rechten. Eydts zu->gebrauchen" von 1643: „Bei 
dem ersten, das ist der Daumen, ist zuo verstehen 
Got der Vatter, beim andern Got der Sohn, 
bei dem triten der hl. Geist. Die andern zwei 
leisten Finger in der Handt zeigent vnder sich. 
Der ein bedeut die köstliche Sell, das sie geboren 
ist vnder der Mänschheit, vnd der fünffte, Klein 
finger, bedütet den Leib, als der ist der kleiner 
zuo schetzen gegen der Sell". Auch im Kinder 
spiel ist der kleine Finger der am wenigsten zu 
schätzende: beim gemeinsamen Pflaumenoiebstahl 
frißt er alle Pflaumen allein, vom Spaziergang 
klatscht er dem Vater, daß ein Brüderchen in's 
Wasser gefallen ist; er ist der Verräther. Drum 
ängstigt auch der Vater das Kind, das nicht ge 
stehen will, mit der Drohung: „Soll ich mal 
meinen kleinen Finger fragen?" — Der Daumen 
war dem Wodan heilig, dem Allvater, er ist da 
her der Glücksfinger, den man auch jetzt noch 
Anderen zu Liebe „hält". Der Zeigefinger, im 
Schwedischen Peckfinger d. i. Pack an! geschimpft, 
legt zuerst Hand an: er schüttelt des Nachbars 
Pflaumenbaum, er holt das ertrinkende Brüder 
lein aus dem Wasser. Der Mittelfinger, in 
Hessen auch der Langhans genannt, als der sich 
überall vordrängende Bursche, steckt die Pflaumen 
in den Sack, den Bruder in eine Decke, mit der 
er ihn abtrocknet. Der Goldfinger ist der gut 
müthige; er schleppt den Sack für die Andern nach 
Hause, er setzt sich an das Bett des verunglückten 
Bruders und pflegt ihn: ihm wurde besonders 
heilende Kraft zugeschrieben. Das Nesthäckchen 
(Nesthocker) ist, wie öfters unter Geschwistern, der 
Spielverderber, der Hallunke. Die beiden so 
erläuterten Fingergeschichten, die in ganz Deutsch 
land noch leben, lauten bei uns:
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.