Full text: Hessenland (5.1891)

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theuersten brachte; wie felsenfest und gottvertrauend 
er das Bitterste ertrug — sie alle diese einzelnen 
Züge seines Charakters, seines Lebens und 
Wirkens möchte ich so klar hervorheben, so 
tief in das Innerste eurer Herzen, ja in das 
Herz des Vaterlandes zeichnen können, daß keine 
Zeit mit ihrer vernichtenden Gewalt sie jemals 
verwische und kein Undank in seiner entehrenden 
Gleichgültigkeit ihrer irgend vergäße. 
Es ist leider, laut der Geschichte, das Geschick 
großer Männer, daß ihnen ihr Zeitalter, dessen 
Wohlfahrt ihr höchstes Streben und ihre innigste 
Freude war, seine Schuld nicht abträgt. So 
stehen auch wir, meine Mitbürger! zum Theil 
als große Schuldner an Schomburg's Grabe. 
Wer das ist, wer den Edlen in seinem Edel 
sinn je verkannt; wer den ruhig-besonnenen, 
tiefblickenden, aufrichtigen Rathgeber irgend ober 
flächlich, nach dem äußeren Scheine und den zu 
fälligen Erfolgen seines Wirkens, nicht nach 
seiner Absicht beurtheilt; wer den treuen Arbeiter, 
der durch so manche Nacht, auch noch durch die 
letzte, die er in unseren Mauern verlebte, den 
flüchtigen Tag zu verlängern wußte, als Mieth 
ling angesehen; wer den Charakterfesten für 
wankelmüthig, den endlich Erliegenden für schwach 
gehalten, weil er zuletzt seine Kraft gebrochen 
sah; wer den redlichen, alles sanft vermittelnden 
Geist irgend wann eines Mangels an innerer 
Entschiedenheit für das Wahre und Gute an 
geschuldigt hat: er nehme hier an dieser heiligen 
Stätte, er nehme hier am Sarge Wort und 
Blick und Gedanken und That zurück und erweise 
den« Todten die Gerechtigkeit, die er dem 
Lebenden versagte! 
Oder wollen wir den Ruhm nicht haben, 
daß wir gerechtes Verdienst zu würdigen wissen? 
Wollen wir blos stolz gewesen sein und nicht 
mehr bleiben, auf deu Mann, dessen Biedersinn 
in Zeiten banger Zerwürfnisse, dessen ruhige 
Haltung und Besonnenheit in Tagen leidenschaft 
licher Aufregung uns zum leuchtenden Vorbild 
dienten? Nicht immer stolz bleiben auf den 
Namen, der im Munde seiner Gegner sogar, ja 
der im fernsten Auslande den reinsten und 
ruhmvollsten Klang hat? Wir sollten zufrieden 
sein. wenn die Annalen unserer Geschichte seine 
Verdienste der Nachwelt erzählen und sie nicht 
lieber selbst in einer heiligen Tradition auf 
Kindes Kind überliefern? 
Und wenn auch je vor der Gewalt neuer Ein 
drücke und unter dem Flügelschlage der dahin eilen 
den Jahre sein Andenken uns entschwinden wollte, 
können wir da von ihm schweigen, wo der 
Zustand unseres städtischen Haushaltes, wo das 
Aufblühen unserer Schulen, wo das Gedeihen 
unserer Künste, der Segen unserer Gewerbe, die Ord 
nung unseres Zunftwesens und die Versorgungs 
anstalten unserer Armen laut von ihm, dem eifrigen 
Beförderer, reden und bei jedem höheren Auf 
schwünge immer lauter von ihm zeugen werden? 
Nein, Verklärter! Nicht vergebens wollen wir 
dir bis auf diese ernste Stelle gefolgt sein, wo 
unsere Wege für die sichtbare Welt auf ewig 
sich scheiden! Mit den stillen Gelübden unserer 
lebenslangen Dankbarkeit und Liebe wollen wir 
deine Ruhestätte segnen. Und wenn unter der 
Gnade des Allbarmherzigen im Himmel ruhig 
der Künstler in seiner Werkstatt nachsinnet und 
muthig der Landmann seine Pflugschaar führt; 
wenn die Reichen zur Mildthätigkeit sich auf 
gefordert und die Armen vor Bedrängniß und 
Noth sich geschützt fühlen; wenn Lehrende und 
Lernende von immer höherer Begeisterung für 
das Ewige und Unvergängliche durchdrungen 
werden; ja, wenn Staat und Kirche und Schulen 
für ihre großen Zwecke in immer segensreicherer 
Eintracht zusammwirken: dann wollen wir uns 
deinen Namen, Verewigter! in's Gedächtniß 
zurückrufen und es freudig-dankbar bekennen, 
„das war dein Wachen und Beten, dein 
Wünschen und Hoffen, dein Streben und dein 
Ringen, womit du treu bis an dein Ende hienieden 
vollendet hast, um droben selig dich zu fühlen." 
Es konnte nicht unsere Absicht sein, hier eine 
ausführliche Schilderung des Lebens eines so hoch 
verdienten Mannes, wie Karl Schomburg, zu 
entwerfen, das ist Sache einer berufeneren Feder, 
als wir sie zu führen vermögen. Uns war es nur 
darum zu thun, in pietätsvoller Erinnerung an 
den vor fünfzig Jahren erfolgten Tod Karl 
Schomburg's die Hauptmomente aus dessen 
äußeren: Leben hervorzuheben und daran an 
der Hand des „Neuen Nekrologs der Deutschen" 
(19. Jahrgang 1841) eine Beschreibung der von 
der Bürgerschaft der Stadt Kassel veranstalteten 
Leichenfeier für den edlen Todten, sowie die 
Wiedergabe der Grabrede des Pfarrers K. F. 
Meyer zu knüpfen. Wer sich einen Einblick in 
das Gemüthsleben Schomburg's verschaffen will, 
dem empfehlen wir das in Kassel 1845 erschie 
nene Buch „Karl Schomburg, Briefwechsel 
und Nachlaß mit biographischen Andeutungen, 
herausgegeben von Karl Bernhardt". Es 
bieten diese Bekenntnisse des gefeierten Mannes, 
wie der Herausgeber sehr richtig in der Vorrede 
bemerkt, eine reiche belehrende Gabe — das 
vollendete Bild eines wahrhaft deutschen 
Charakters: einsichtsvolles und besonnenes, durch 
keine Täuschung zu entmuthigendes Ringen nach 
einem hohen Ideale, edle, hochherzige, von keiner 
Selbstsucht entweihte Gesinnung, milde, versöhn 
liche und doch entschiedene Handlungsweise und 
dabei ein engelreines Gemüth. 
i--*H
	        

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