Full text: Hessenland (5.1891)

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Glück uns nur ein Weniges günstig, mitten in 
dem steinernen Unheilsnest drinnen, ehe Einer 
in's Lärmhorn stoßen kann". — „Und des 
Landgrafen Wille muß vor Allem geehrt werden!" 
fiel Heinrich von Münchhausen ein. „Es darf 
kein Blut dabei fließen! Das schärft allen 
Leuten ein, auch um der Dame Mathilde willen, 
die sich stets, und erst heute noch, so gar edel- 
müthig erwiesen hat! Von friedlicheren Zeiten 
her kenne ich in dem alten Schloß alle Gänge 
und Thüren, ich weiß des Ritters Gemach auch 
im Dunkeln zu finden, er muß zuerst in unsere 
Hände fallen und haben wir ihn, so rührt schon 
keiner seiner Knechte eine Hand mehr!" 
„Aber Melchior, sein Menschenquäler, muß 
uns zum Opfer fallen!" rief der Zunftmeister 
der Weber. 
„Auch er soll frei ausgehen," erwiderte Heinrich 
von Münchhausen, „sein Blut würde unsere ge 
rechte Sache nur besudeln!" Und der Bürger 
meister setzte hinzu: „Des Landgrafen Wort ist 
unser Hort! Hütet Euch, daß wir dessen nicht 
verlustig gehen!" — 
Als von der Kirche Unserer lieben Frauen die 
eilfte Stunde erklang, ordneten sich auf dem 
Marktplatz an die zweihundert wohlausgerüstete 
Männer in größter Stille zu dem gewagten 
Unternehmen, denn waren die Trefurter Wächter 
auf ihrer Hut, so konnte es ohne Blutvergießen 
nicht abgehen, und solches zu vermeiden, war 
der Frankenderger größte Sorge. Der Himmel 
schien jedoch ihren Plan sichtlich zu unterstützen, 
die Nacht war finster und schwül, der Wind, der 
sich erhoben hatte, trieb dunkle Wolken zusammen, 
nur über dem Gipfel der breiten Struth wetter 
leuchtete es. 
Auf der Burg war es am Abend wieder wild 
und wüst hergegangen, der reiche Freiherr hatte 
die Gewaltthat, die sein getreuer Melchior an 
dem armen Weber verübt, mit vollen Bier- und 
Weinkrügen belohnt und mit den fünf Sinnen 
der Knechte, welche das Schloß zu bewahren hatten, 
war es somit nicht zum Besten bestellt. Mit 
leichter Mühe wurden sie daher von den Franken 
bergern überwältigt, ohne daß sie einen Lärm 
erregen konnten, der die Schläfer erweckt hätte. 
Während die größere Zahl der Bürger in das 
Innere der Räumlichkeiten eindrang, wo die 
Knechte und Reisigen ihr Quartier hatten und 
dieselben aus den Banden des Schlafs in hänfene 
Banden schlugen, eilte Heinrich von Münchhausen 
mit Zeise Weiner und einigen Rathmannen durch 
die Gänge der Burg nach den Gemächern des 
Ritters. Der Edelknecht, welcher ihnen, ein 
Windlicht tragend, mit gezücktem Dolch entgegen 
sprang, wurde, ohne Schaden thun zu können, 
entwaffnet und im nächsten Augenblick standen 
die Bürger dem gewaltigen Ritter selbst gegen 
über. Hermann von Trefurt, der nur halb be 
kleidet mitten in seinem Schlafgemach stand, sah 
sich plötzlich, ehe er noch zu einer Waffe greifen 
konnte, von einem Kranz blanker Schwerter um 
geben, und Zeise Weiner, auf den hellen Flammen- 
scheiu deutend, der zu den schmalen Fenstern von 
unten her emporloderte, rief: „Eure Herrschaft 
ist hier zu Ende, Herr Ritter! Weder Euch, 
noch Euren Dienern soll ein Leid geschehen, die 
Burg aber wird in Asche gelegt und Ihr mögt 
Euch fernab von dieser Gegend einen Sitz suchen, 
hier ist kein Raum mehr für Euch!" Zorn 
bebend wollte der Ritter die auf ihn gerichteten 
Klingen hinwegstoßen, aber sie wurden von 
festen Händen geführt und senkten sich immer 
näher auf seine Brust. Da stürzte im Nacht- 
gewand Dame Mathilde mit ihren Mägden 
herbei, durchbrach den Ring, der um ihren Vater 
gebildet war und, ihn umschlingend, rief sie mit 
einer stolzen Armbewegung: „Zurück von ihm, 
dem wehrlos Ueberfallenen! Hätte er sein gutes 
Schwert zur Hand, Keiner von Euch würde ihm 
so unter die Augen gekommen sein!" „Sieh 
Einer, die Trefurter Katze," sagte Peter Aßberg, 
der Weberzunftmeister, „jetzt zeigt auch sie ihre 
Krallen!" „Unsre Knechte sind gefesselt," fuhr 
Dame Mathilde fort, mit festem Blick zu ihrem 
Vater emporschauend, „die Burg brennt, fügt 
Euch in das Unabänderliche!" Die Gluth und 
die aufsteigenden Dampfwolken wurden immer 
ärger, und als der Ritter, an das Fenster ge 
führt, auf dem von den rings emporlodernden 
Flammen grell beleuchteten Burghof seine Mannen 
gebunden und von dem großen Haufen der 
Bürger umgeben sah, konnte er auf keine günstige 
Wendung des Augenblicks mehr rechnen und er 
klärte sich bereit, Frankenberg für immer zu ver 
lassen. — 
Als der Morgenwind die Flammen zu immer 
neuer Verheerung aufsteigen ließ, hielt im Grauen 
des anbrechenden Tages auf dem Burgberg ein 
Reitertrupp und eine Schaar Knechte mit finstern 
Blicken auf die gebrochene Veste starrend, die 
gestern ihre Thürme noch so stolz gen Himmel 
hatte ragen lassen. Hermann von Trefurt stieß 
in's Horn, der Zug, in welchem sich auch Dame 
Mathilde mit ihren Frauen befand, setzte sich 
in Bewegung und bald war derselbe die Höhe 
hinab verschwunden. Zeise Weiner aber hatte 
dem Landgrafen Wort gehalten, Blut war nicht 
viel vergossen worden, nur Melchior Kamm hatte 
sein linkes Auge und die Finger seiner rechten 
Hand eingebüßt. 
(Fortsetzung folgt.)
	        

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