Full text: Hessenland (5.1891)

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kleinen Guckäuglein zumacht. Das Schaukeln 
der Wiege nachahmend singt sie ihm von dem 
lieben sanften Thier, zu dem das Kind auch 
nachher sich am meisten hingezogen fühlt, von dem 
armen Bälämmchen, das sich draußen an einen 
Stein gestoßen hat. als Mahnung, hübsch fein 
in der Wiege zu bleiben und einzuschlafen; oder 
sie droht ihm gar mit dem bösen schwarzen 
Schaf; oder erzählt von den armen Gänsen, die 
mit ihren rothen Füßen barfuß einherlaufen müssen, 
während das Kindchen fein warm in der Wiege 
liegen kann und später auch Schühlein vom 
Schuster bekommt. 
2) Bälämmchen bä, 
Das Lämmchen ging im Klee, 
Es stieß sich an ein Steinchen, 
Da that ihm weh sein Aeinchen, 
Bälämmchen bä! 
Bälämmchen bä, 
Das Lämmchen ging im Klee, 
Es stieß lich an ein Steckelchen, 
Da that ihm weh das Bäckelchen, 
Bälämmchen bä! 
Bälämmchen bä, 
Das Lämmchen ging im Klee, 
Es stieß sich an ein Ritschen, 
Da that ihm weh das Füßchen, 
Bälämmchen bä! 
3) Schlaf, Kiüdchen, schlaf! 
, Da droben gehn die Schaf, 
Die schwarten und die weißen, 
Die wollen mein Kindlein beißen. 
Schlaf, Kindchen, schlaf! 
4) Eiapopeia, was rappelt im Stroh! 
Die Gänse gehn barfuß und haben keine Schuh, 
Der Schuster hat Leder, kein Leistchen dazu« 
Sonst hätten die Gänse schon längst ein Paar Schuh. 
Das Eiapopeia ahmt das Schaukeln der Wiege 
nach, die in der Kindersprache vielfach Aie oder 
Haie heißt. Pop oder pap aber ist einer der 
ersten Kinderlaute, der bei den meisten Völkern 
als kindliche Bezeichnung des Vaters gedeutet 
und angewandt wird, wie das ebenso leicht her 
vorzubringende mam für. Mutter; die Wort 
wurzel ba bezeichnet, meist verdoppelt, aber noch 
andere dem Kinde vorliegende Dinge, außer Baba 
(od. Papa, lat. u. griech. pater) noch Bube (lat. 
pu-er griech. pa-ia), Babbe oder Babs ( - Brei), 
Bubbe (Kinderspielzeug), Bebe (- Schmutz), bab 
beln; vgl. auch Pappel, lat. popnlus, wahrsch. 
nach dem geschwätzigen Lärm ihrer Blätter. 
In Deutsch-Oesterreich heißt's: „Haiderl -Pu- 
paiderl!", in einem Elsässer Liedchen singt eine 
ungeduldig Wiegende: „Haioche boboche"! — 
Dem älteren Kinde tauchen jetzt aus seiner kurzen 
Erinnerung dieselben Wiegenliedchen, die ihm 
erklangen, deutlich auf, es hört und lernt sie und 
wendet sie nachahmend alsbald im Spiele mit 
Puppen oder andern Kindern an, und so werden 
auch die ursprünglich nur von der Mutter gesungenen 
Lieder der ersten Kinderjahre Eigenthum der 
Kinder selbst, besonders der Mädchen, die von 
früh auf im Spiel inehr Freude finden und 
mehr Geschick zeigen als die meist steiferen 
Jungen. — 
(Fortsetzung folgt.) 
ie alte 
inne. 
Erzählung von Wilhelm Denn ecke. 
(Fortsetzung.) 
Eine Stunde später standen die von den 1 
Bürgern erwählten Sprecher im großen Rath- j 
Haussaal vor dem Bürgermeister und den ver- ! 
sammelten Schlöffen. Um die Beschwerden der ; 
bedrängten Einwohnerschaft vorzubringen, waren i 
Männer erschienen, welche sich des besten An- ■ 
sehens erfreuten, an ihrer Spitze befanden sich 
Heinrich von Münchhausen und Peter Aßberg, der 
Zunftmeister der Wollenweber, denn diese allein 
durften noch eine Brüderschaft unter einander 
halten, das Zunftwesen der andern Handwerk- 
schaften hatte der alte Landgraf aufgehoben, j 
darum, daß dieselben all' ihre Maar und Arbeit ! 
„übersatzten". Obwohl draußen der Maitag! 
sich noch nicht zu seinem Ende geneigt hatte, j 
waren im Rathhaussaal die Fenster bereits ge- j 
schlossen und die Kerzen auf den großen Leuchtern ! 
angezündet worden, sodaß die Versammlung gar 
heimlich und feierlich aussah. Nach Auffor 
derung des Bürgermeisters ergriff Heinrich von 
Münchhausen das Wort und schilderte in be 
redter Weise die Unbilden, welche die Bewohner 
Frankenbergs von dem Tage an, an dem die 
Burg dem Ritter Hermann von Trefurt über 
geben worden sei, erlitten, wie die Trefnrt'- 
schen Diener den Bürgern viel Verdruß angethan, 
sie „gehochmüthigt" und Schand' und Muth 
willen an ihren Frauen und Mägden verübt 
Hütten, und auf ihre Klagen der mächtige Ritter 
ihnen keinen Trost, wohl aber Spott und 
Schalkheit geboten habe. Heute aber sei durch 
die blutige Mißhandlung eines Bürgers das 
Maß der Geduld zum Ueberlaufen gebracht 
worden und er heische für all' das geschehene
	        

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