Full text: Hessenland (5.1891)

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unsrer Sammlung von mundartlicher Färbung 
ab? Wir dürfen es «ns nicht verhehlen, daß unsre 
mehr aus verderbtem Schriftdeutsch, denn aus 
alter Mundart bestehende „Fullebriggensproche" 
nicht so volkstümlich ist, als es scheint: sie ist 
nicht mehr die Sprache des großen Theiles der 
Kasseler Jugend. Drum, wo wir ein Liedchen 
von rechten Kasseler Kindern auf Hochdeutsch 
singen hörten, haben wir diese Fassung der 
anderen vorgezogen. 
1) Storch, Storch guter, 
Bring mir einen Bruder! 
Storch, Storch bester, 
Bring mir eine Schwester! 
so ruft schmeichelnd das Kind, das sich ohne Ge 
schwister einsam fühlt, den Storch an, den lieben 
Klapperstorch, der es selbst ja, wie Papa und 
Mama sagen, einst mit seinem langen Schnabel 
aus dem Frauhollenteich heraufgeholt und in 
das HauS getragen hat. Und sieh! wie schön 
doch die Eltern getröstet haben! Eines Morgens 
ist er durch's Fenster herein geflogen und hat 
noch ein kleines Kindchen gebracht; zwar hat er 
die arme Mama in's Bein gebissen, daß sie nun 
krank zu Bette liegt, aber dafür hat das neue 
Geschwisterchen dem älteren als Geschenk vom 
Storch eine große Dutte voll Zuckerwerk mitge 
bracht, die alles Leid vergessen macht. — Dieser 
kindliche Bittruf an den Storch ist so alt wie 
allgemein. Der Storch ist von Alters her der 
kluge, heilige Bote der Frau Holle, der einst 
maligen Göttin Holda, die, als Gemahlin Wodans 
auch Frigga oder Berchta genannt, die Ehe nnd 
das Haus beschützte, die Fluren segnete und in 
den Julinächten, wo sie zu Wagen das Land 
durchzog, die Spinnerinnen beaufsichtigte. Das 
Bild der glänzenden Walhallskönigin verblaßte 
allmälig zu dem einer guten Waldfee, die nun, 
wie die hessische Sage weiß, im Frauhollenteiche 
am Meißner wohnt. Dort hört man zuweilen 
ihr geheimnißvolles Rauschen, und wie Glocken 
geläute klingt es dabei aus der Tiefe herauf, ja 
manchmal, um die Mittagstunde, taucht sie selbst 
als schöne weiße Frau mitten aus der Tiefe empor. 
Unten in ihrem sonnigen Garten wachsen Obst 
und Blumen; die schenkt sie ihren Lieblingen, 
auch schöne Gewänder und Kuchen. Aus ihrem 
Brunnen kommen die neugeborenen Kinder. Zahl 
reich sind, wie überall in Deutschland, auch in 
Hessen die Kinderbrunnen: In Kassel wurde 
früher der Druselteich genannt, in Waldau gilt 
noch jetzt der Fackelteich, in Wolfsanger der Oster 
born, in Marburg der durch die Legenden der 
heiligen Elisabeth bekannte Schröcker Brunnen, in 
Kirchhain der Klingelborn, in Fulda das Stätte- 
brünnchen und der Bonifatiusbrunnen, in Erm 
schwerd der Assemannsborn, in Wettesingen der 
Neuborn, in Grebenstein der Kressenborn, in 
Witzenhausen der Taubenborn, dessen Wasser nie ge 
friert, in Ziegenhain das Bärbörnchen (bär — Kind, 
vgl. gebären) bei Treysa u. s. w. (Lynker 117). 
Zuweilen ist es Holda die Segensgöttin selbst, 
meist aber ihr weisheitbegabter Bote, der Storch, 
der aus diesem Brunnen die Kinder heraufholt 
und drum der Kinderbringer heißt, althochdeutsch 
öäedero (ot — Segen oder Kind, bero — Träger). 
Ein Haus, auf welchem er nistet, ist vor dem Blitz 
sicher; der Schwälmer und Fuldaer Bauer legt 
ihm deshalb ein Wagenrad auf das Dach oder setzt 
ein Balkengestell auf den Giebel des Hauses, worauf 
er bequem sein Nest bauen kann. In der Kasseler 
Fassung scheint der Bittruf mehr für einen Knaben 
zu passen, der sich besonders nach einem Schwesterchen 
sehnt, vielleicht verhüllen aber die farblosen Bei 
wörter „guter" und „bester" einen Sinn, welcher 
der uralten Vatervorliebe für Jungen weniger 
widerspricht. Im Nicdersächsischen singen die 
Kinder: „Adebar (—Kinderbringer), du Nester, 
Bring mi'n kleene Schwester; Adebar, du Roder, 
Bring mi'n kleenen Broder!" Aus dem Süden 
kehrt der Storch, der kluge Bote der gütigen 
Frau Holle, durch die Luft rudernd (Roder), 
zurück, um an der trauten Stätte sich einzunisten 
(Nester). Möglich, daß auch der Kasseler Bittruf 
einst den Storch als den heimrudernden, nistenden 
Freund begrüßte. Solche Fragen können nur 
mittels genauer Zusammenstellung aller hessischen 
Kinderliedchen, die noch fehlt, gelöst werden. 
Denn vom Lande sind die Sprüche und 
Liedchen in die Stadt gekommen und 
hier, ohne Berührung mit dem übrigen 
Volkslied und Volksleben, nur zu schnell ver 
kümmert. Adebar, althochdeutsch öäabäro, ist um 
Magdeburg herum zu Auder geworden, woraus 
sich eine andere niedersächsische Fassung erklärt, 
die den Storch sogar in den Adel erhebt: 
„Adebar van Oder" und „Adebar van Ester". 
Anders klingt dasselbe ahd. ückabero in Dessau: 
„Klapperstorch, du Luder, brink mich en kleenen 
Bruder". Du sind doch unsre Kasseler Kleinen 
artiger gegen den wackern Vertrauensmann der 
Frau Holle. 
An der Wiege des neuen Geschwisterchens 
hört nun das Kind aus dem Munde der 
Mutter dieselben Wiegenliedchen, die sie ihm 
selbst gesungen, als es auch noch so klimperklein 
war. Ken Mueder isch so arm, se leit iehr Kindel 
warm, sagt der elsässische Volksreim; und Noth 
lehrt nicht nur beten, auch singen. Denn wenn 
der kleine Schreihals in seiner Welt von Brettern 
nicht zu Ruhe kommen will, die Liebe öffnet auch 
der Mutter, die vorher niemals singen konnte, 
den Mund zum Gesänge, und unermüdlich singt 
und summt sie ihrem Lieblinge vor, bis er die
	        

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