Full text: Hessenland (5.1891)

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Sammelarbeit, und das Bewußtsein, dem grünen 
den Baume der Volksliebe eine kleine, doch 
erfrischende Quelle zugeführt zu haben, es tröstet 
uns auch die Erinnrung an das alte Mütterchen, 
dem wir zum Danke für einige Spielreime, die 
es aus dem Schubfach verstaubter Jugenderinnrung 
hervorkramte, das Liedchen vorlasen: „Traurig 
traurig, immer traurig! Hab verloren meinen 
Schatz" : — die matten Augen leuchteten ihm auf, 
und lächelnd summte es: „Ja, ja das ist mein 
Schatz, der mich so betrogen hat." — Von wem 
haben denn die Kinder das Liedchen, das sie 
drunten so neckisch singen und mit so anschaulichen 
Geberden begleiten, das Liedchen: „Wollt ihr 
wissen, wie der Bauer, wollt ihr wissen, wie der 
Bauer seinen Samen ausstreut?" — Nun von 
ihren Eltern, die haben's gesungen, als sie klein 
waren. Und die? Auch von ihren Eltern. Und 
die? Wiederum von ihren Eltern, und so fort. 
Diese Kinderliedchen reichen, sofern man ihnen 
nicht beim ersten Blick die Jugend ansieht, meist 
weit hinauf in die gute alte, ja bis in die beste 
älteste Zeit. Gerade durch diesen Schatz echterKinder- 
dichtung, das Zeichen einer häuslichen, mütter 
lichen Erziehung, ist die alte Zeit vielleicht auch 
die gute Zeit, während in unsren Tagen, wo 
das Süßgebäck kraftloser Jugendgeschichten das 
reine Brot der Kinder- und Hausmärchen schier 
verdrängt, die Jugend immer mehr Sinn und 
Gedächtniß verliert für die schlichten Reimlein, 
nach denen ihre Eltern und Großeltern und Ur 
großeltern gehüpft und getanzt haben. Darum 
gilt es eben zu retteu, was sich noch hier und 
da erhalten hat von dem köstlichen Gut, an dem 
wir Alle gleichen Theil haben, arm und reich, 
groß und klein und jung und alt. 
Wer nun Volksart und Volksgesang belauschen 
will, darf nicht auf dem Pflaster der Stadt bleiben: 
auf dem Land, beim Spinnrade, beim Pflug und 
der Sense erklingt das Volkslied erst hell und rein. 
Allein unsre anspruchslose Arbeit hier, die nicht 
im Dienste der strengen Volkskunde steht, ist zu 
nächst der Jugenderinnerung unsrer verehrten 
Mitbürger und Mitbürgerinnen geweiht und soll 
ihnen zeigen, wie diese Reime fast eine kleine 
Welt wiederspiegeln, wie sie manche hübsche 
Weisheit und gute Neckerei enthalten und wie 
gar manches Liedlein, jetzt dumm und kaum ver 
ständlich , ein sinnvolles Glied ist der alten 
deutschen Volksdichtung. — 
In Neapel springen die Kinder bei schlechtem 
Wetter auf die Straße und singen zur Sonne 
hinauf: 
Jesce, jesce Sole, 
Scajenta Mperatore! 
d. h. Komm, komm hervor, o Sonne, erwärme 
unsern Kaiser! Gewiß fällt Manchem da unser 
lieber Kasseler Reim ein, der auch jetzt noch, 
wenn droben die Sonne mit den Regenwolken 
kämpft, unten aus so vielen kleinen Kehlen er- 
Liebe, liebe Sonne, 
Komm' en bischen runter, 
Mit der goldnen Krone, 
Laß den Regen oben! 
Einer schließt den Himmel auf, 
Kommt die liebe Sonne raus. 
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Und wirklich, der Sammler neapolitanischer 
Kindersprüche, Galiani, bemerkt zu diesem Liedchen 
der neapolitanischen Kinder: „Wir glauben, es 
ist aus der Zeit des Kaisers Friedrich II." Als 
dieser glänzende, thatkräftige Hohenstaufe, an 
dessen Tod (1250) sich zuerst die Sage vom 
schlafenden, einst wiederkommenden Kaiser wob 
mit seinen Deutschen durch Neapel kam, da mögen 
es wohl die Kinder Neavels von den blonden 
Jungen vom Rhein und der Weser aufgeschnappt 
haben, aber der Wetterherr, der droben den 
Himmel ausschließt und die Sonne mit ihrer 
goldnen Krone herausläßt, hat sich im Munde 
der kleinen Italiener in den Kaiser verwandelt, 
> für den sie nun heilspendendes Sonnenlicht herab- 
i flehen. Noch klarer ist der Zusammenhang der 
italienischen mit der an anderen Orten Deutsch 
lands üblichen Fassung, welche schließt: „Regen, 
Regen rusch, der König fährt zu Busch", d. h. 
er jagt die Wetterhexen in den Wald zurück. 
So ein Liedchen, das sich an 700 Jahre und 
länger mit geringen Unterschieden in Hessen wie 
im Elsaß, in Anhalt wie in Mecklenburg erhalten 
hat, ohne je in einem Schulbuch gelernt zu sein, 
muß doch dem Wesen des Kindes sehr zusagen. 
Ganz natürlich, denn im Kinde hat sich das 
Wesen des eigenen Volkes reiner und innerlicher 
bewahrt, und darum findet das Kind seine rechte 
Freude an solch einem Liedlein, das, vor vielen 
Jahrhunderten aus dem Herzen des jugendlichen 
Volkes entsprossen, gleich der Heldensage ein 
Rest jener uralten Volksdichtung ist, welche jeder 
deutsche Stamm als theures Gut aus der alten 
Heimath mit auf die große Wanderung des 4. Jahr 
hunderts nahm und in den neuen, oft weit 
entlegenen Wohnsitzen treulich hütete, allmälig aber 
mundartlich und auch inhaltlich umwandelte. 
— Wohl giebt erst die mundartliche Färbung 
dem Volksliede, wie der Blätterschmuck dem 
Baume, rechte Gestalt und Leben: Das fühlen 
wir gar deutlich bei den Sammlungen von 
Rochholz (Alemanisches Kinderlieb und Kinder 
spiel aus der Schweiz), Meier (Deutsche Kinder- 
Reime aus Schwaben), Stöber (Elsässisches Volks 
büchlein), Grote (Niedersächsisches Kinderbuch), 
die wir alle, bes. Rochholz, mit Genuß und 
i Gewinn gelesen haben. Und doch sehen wir in
	        

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