Full text: Hessenland (5.1891)

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Grabhügel wurde mit Blumen bepflanzt und 
Wallfahrten wurden täglich von Personen aus 
allen Ständen und von beiderlei Geschlecht zu 
demselben angestellt. Auch die Prinzessin Karoline 
von Hessen besuchte das Grab. Diese Prinzessin 
stattete in einem eigenen Handschreiben dem 
Pfarrer Meyer ihren besonderen Dank für die 
treffliche Rede, die er aus dem Gottesacker ge 
halten und die ihr von demselben auf ihr Ver 
langen mitgetheilt worden war, ab und beehrte 
die Wittwe des Verstorbenen mit ihrem per 
sönlichen Besuche." 
(Schluß folgt.) 
i-*-! 
Kasseler WLnöerlieöchen, 
gesammelt unk> erläulerl von vr. Gustav GZKuche unö Johann Jewalter. 
Wenn Du das Lied mir singst. 
Du ahnst es kaum, 
Daß Du mir wiederbringst 
Der Kindheit Traum. 
Es ist der linde, 
Der süße Klang, 
Wie einst dem Kinde 
Die Mutter sang. 
Mein Blut, mein heißes, stockt 
Bei diesem Laut, 
Der mich zur Heimath lockt 
Jn's Dorf so traut, 
Jn's Haus so nieder: 
Dem Herzen scheint, 
Daß Alles wieder 
Ihm ist vereint. 
Und wenn der letzte Schweiß 
Die Stirn' mir netzt, 
Sollst Du es singen leis 
Und süß wie jetzt, 
Daß, ob ich liege 
In Todespein, 
Mir ist, mich wiege 
Die Mutter ein. 
Wohl dem Manne, dem durch das Getriebe 
der Welt noch der lieben Mutter Wiegenlied 
aus der Kindheit herüberklingt, dem ihre liebe 
Stimme, auch wenn sie längst verstummt ist, in 
stillen Stunden noch so traut und treu ertönt 
wie einst, da sie ihnr nach dem Abendgebete 
zuflüsterte: Schlaf wohl, mein Kind! O 
Jugendzeit, du goldene Zeit! Wem zieht 
nicht Fried' und Freude in's Herz ein mit 
der Erinnrung, 'wie sie eben der Sang unsres 
hessischen Dichters D. Saul geweckt hat? Wen 
beseligt nicht der Gedanke, daß in der letzten 
Stunde dereinst der linde, der süße Klang uns 
über allen Schmerz und Unruhe hinweg in den 
reinen Frieden der Kindheit zurückführt, daß 
uns das Herz dann wieder frei und rein und 
still wird wie dem Kinde, dem der Herr das 
Himmelreich verheißt? Du selige Jugendzeit, da 
Spiel und Reigen unsre Lust, unsre Welt war, 
wohl ist die Erinnrung an dich schön, aber du 
selbst bist tausendmal schöner! Und doch — 
du bist entschwunden und sollst entschwunden 
bleiben; in unsrer arbeit- und kämpf-und lebens 
frohen Zeit suchen wir nicht rückwärts schauend 
das Land des Wunsches: Das liegt vor uns, in 
uns. Nur manchmal flieht der Geist aus der 
Unruhe der Gegenwart und der Ungewißheit der 
Zukunft zurück in das stillumfriedete Land der 
Jugend. Wir lauschen dem Halbsinn — Halb 
unsinn , der uns selbst einst so beglückte, wir 
gedenken der Spiele, die einst unsre Gedanken 
bei Tag und unsre Träume bei Nacht erfüllten, 
und lächelnd dringen wir durch uns selbst immer 
tiefer in die heimische Eigenart der Kinderwelt: 
vorahnend sehen wir dann in den tanzenden, 
singenden Kindern auf der Straße dieselben, die 
auch dereinst im ernsten Spiele des Lebens kräftig 
und lustig mitschreiten. So wächst mit dem 
Verständniß für heimische Art und Sitte auch 
die Liebe zum eigenen Volksstamme, ja zum 
ganzen Volke. Wer kennt nicht das herrliche 
Brüderpaar mit der Denkerstirn und dem Kinder 
auge, die Grimms? Die verstanden und liebten 
ihre hessische Heimath, drum wurden und werden 
sie von ganA Deutschland verstanden und geliebt. 
Denn wie eine gesunde Liebe zur ganzen Mensch 
heit — nicht jene millionenumschlingende des 
vaterlandslosen Weltbürgers — sich auf die Liebe 
zum eigenen Volke gründen muß, so wächst auch 
der Edelbaum der Vaterlandsliebe schön und 
voll empor nur aus der starken Wurzel der 
Heimathliebe, der Liebe zu der Landschaft, der 
Stadt oder dem Dörfchen, wo du deine Kindheit 
verlebt hast. — Aber was sollen dazu die 
dummen Kinderreime? Ja, unser Geschlecht ist 
ein gar klug und verständig Geschlecht: Mancher 
ist vielleicht nie richtig jung gewesen, Mancher 
schämt sich wohl gar jener kindlichen Spiele, und 
Viele haben nicht Zeit und Sinn dazu, sich mit 
„Kinderreimen und Kindereien" abzugeben. Das 
ist nun schade, denn wir möchten nicht nur ge 
druckt, sondern auch gelesen sein. Aber werden 
diese bescheidenen Blätter nur in etliche Häuser 
unsrer lieben Vaterstadt treulich aufgenommen, 
dann tröstet uns vollauf die Freude an der
	        

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