Full text: Hessenland (5.1891)

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Bürgern, und die Zünfte und Gilden erboten 
sich, durch Männer aus ihrer Mitte den Sarg 
auf den Schultern nach dem Gottesacker zu 
tragen. Aber es ergab sich, daß der Sarg aus 
zu schwerem Holze gearbeitet war, so daß die 
Träger auf dem weiten Wege zu häufig würden 
haben gewechselt werden müssen. Man stand 
daher von diesem Vorhaben ab, und der Magistrat 
eilte, zu der Beschwichtigung der Gemüther 
Schritte zu thun, um ein vielleicht blos ob 
waltendes Mißverständniß zu beseitigen. Und 
es gelang ihm durch Parlamentiren zu bewirken, 
daß der neue Trauerwagen wieder zurückgeführt 
ward, um den Leichnam des Oberbürgermeisters 
zur Grabesstätte zu bringen. Das Trauergefolge 
war zahlreicher, als man seit langer Zeit in 
Kassel erlebt hatte; aber es würde ohne Zweifel 
noch weit zahlreicher gewesen sein, wenn alle 
Verehrer Schomburg's dem Drange ihres Herzens 
hätten folgen können und gar viele nicht durch 
persönliche Rücksichten unter den obwaltenden 
Verhältnissen wären abgehalten worden, an dem 
selben Theil zu nehmen. Es mögen im Ganzen 
etwa zwischen 13—1400 Personen gewesen sein, 
welche der Leiche folgten. Einen guten Eindruck 
machten 19 Geistliche Kassels von den ver 
schiedenen Religionsbekenntnissen, die in ihrer 
Amtstracht in Procession unmittelbar dem 
Trauerwagen voranschritten. Man erblickte die 
beiden Geistlichen der katholischen Kirche und 
den Rabbiner der israelitischen Gemeinde in der 
Mitte der lutherischen und reformirten Prediger. 
Der jüdische Geistliche trat am Thore des Fried 
hofes von dem Zuge ab, weil er es nicht für 
schicklich erachtete, an einer Religionsübung, die 
nicht seines Glaubens war, persönlichen Antheil 
zu nehmen. Unter den protestantischen Geist 
lichen vermißte man bloß zwei, nämlich den 
Superintendenten der reformirten Kirche und den 
Hof- und Garnisonprediger. Don Mitgliedern 
der Ständeversammlung bemerkte man den 
zeitigen Präsidenten derselben, v. Baumbach, den 
Vizepräsidenten Schwarzenberg und alle die 
jenigen, welche nicht der Hof- und Ministerial- 
partei angehörten. Auffallend war die ungemein 
geringe Zahl der höheren Staatsbeamten in 
diesem Trauerzuge. Namentlich hatte sich keiner 
der Minister und Ministerialvorstände ein 
gefunden. Merkwürdig waren die mancherlei 
Vorwände, unter denen sich viele Beamte in 
den oberen Staatsstellen von dem Leichenzuge 
entfernt zu halten gewußt, wenngleich auch sie 
in ihrem Innern dem Verstorbenen die größte 
Verehrung zollten, selbst solche, welche während 
seines Lebens. häufig in Geschäfts- und in 
kollegialischen Beziehungen mit ihm gestanden 
hatten. Es wurde wahrgenommen, daß einige, 
die es nicht leicht hatten über sich gewinnen 
können, ihm die letzte Ehre zu versagen, in 
einem Hause in der Nähe des Friedhofs sich 
versammelt hatten, um zu vermeiden, dem Zuge 
auf dem ganzen Wege durch die Stadt sich bei 
zugesellen und nun gleichsam verstohlen sich dem 
selben auf eine kleine Strecke anzuschließen. 
Man wurde dabei an Nikodemus erinnert, der 
aus Furcht, den Pharisäern zu mißfallen, sich 
heimlich bei Nachtzeit zu Christus schlich. Aus 
dem ganzen zahlreichen Osfizierkorps zeigte sich 
außer einem Leidtragenden unter den Verwandten 
des Verstorbenen, nur ein einziger im Trauer 
gefolge , der sich als Ständemitglied seinen 
Kollegen angeschlossen hatte. Die Gilden und 
Gewerke der Stadt Kassel bildeten den ansehn 
lichsten Theil des Trauerzuges. Sie gingen 
unter Führung ihrer Vorstände nach alpha 
betischer Ordnung in folgender Reihenfolge: 
Bäcker, Barbiere, Buchbinder, Dachdecker, Drechsler, 
Färber, Friseure, Glaser, Gold- und Silber 
arbeiter, Hutmacher, Kaufleute, Küfer, Knopf- 
macher, Kürschner, Kupferschmiede, Leinweber, 
Lohgerber, Maurer und Steinhauer, Metzger, 
Posamentierer, Schlosser, Schmiede, Schneider, 
Schreiner, Schuhmacher, Seiler, Stellmacher, 
Strumpfweber. Tuchbereiter, Tuchmacher, Töpfer, 
Weißbinder. Zimmerleute. 
Das Läuten der Glocken zur Vergrößerung 
der Trauerfeierlichkeit war nicht erlaubt worden; 
aber das Musikkorps der Bürgergarde hatte den 
großen St. Martinskirchthurm bestiegen und 
stimmte von da herab eine Trauermusik an. 
Die feierliche Stille, mit welcher der Leichenzug 
sich auf dem Wege nach dem Friedhof um den 
Friedrichsplatz bewegte, wurde blos durch den 
Lärm eines gerade aus der Aue vom Exercieren 
mit klingendem Spiel kommenden Bataillons 
Garde gestört, woran das Publikum um so mehr 
Anstoß nahm, da man an anderen Orten in 
einem solchen Falle mit Trommeln, Pfeifen und 
Musicieren einzuhalten pflegte. Militär sah 
man unter den zahlreichen Zuschauern dieser 
Leichenfeier nicht auf den Straßen; die Soldaten 
waren in den Kasernen konsignirt worden. Auf 
dem Gottesacker sprach der lutherische Pfarrer 
Meyer Worte am Grabe, die mit allgemeiner 
Rührung angehört wurden und tief die Herzen 
ergriffen. Nur ein Mann, der den Verstorbenen 
so genau gekannt hatte wie dieser vortreffliche 
Seelsorger, konnte ihn so getreu der vollen Wahr 
heit schildern. Unbeschreiblich rührend war der 
Auftritt, als er zuletzt Schomburg's Kinder au 
die Hand nahm und an des Vaters Grab führte. 
Da fiel der Trauergesang der Mitglieder eiper 
Kasseler musikalischen Gesellschaft ein und beschloß 
die Feierlichkeit auf dem Friedhofe. Schomburg's
	        

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