Full text: Hessenland (5.1891)

prinzen-Mitregenten. Bei diesem war er nichts 
weniger als eine xer8ona grata. Mochten nun 
zu diesem Verhältnisse die freisinnige Richtung 
des Volksmannes, dessen Verhalten als städtischer 
Vorstand und Landtagsabgeordneter den Anlaß 
gegeben haben, oder aber mochte der Grund der 
Abneigung des Kurprinzen gegen Schomburg, 
wie Professor Friedrich Müller in seinem Werke 
„Kassel seit siebzig Jahren" mittheilt, darin zu 
finden sein, daß dem Kurprinzen fälschlich hinter 
bracht worden war, Schomburg sei bei dem 
seiner Zeit — der sogenannten Reichenbach'schen 
Aera — im Geheimen betriebenen Plane einer 
Regentschaft mit der Kurfürstin an der Spitze 
und mit Uebergehung seiner eigenen (des Kur 
prinzen) Person nicht unbetheiligt gewesen, — 
genug, die Abneigung war vorhanden und sollte 
namentlich bei Schomburg's Leichenfeier recht 
auffällig zum Ausdruck kommen. Wie so häufig 
in seinem Leben, war der Kurprinz auch hier 
übel berathen, und die meisten Mißgriffe, die 
bei der Leichenfeier vorkamen, sind wohl dem 
Unverstände und dem Uebereifer der betreffenden 
Behörden zuzuschreiben. Der Biograph Schom 
burg's gibt in dem „Neuen Nekrolog der 
Deutschen" eine eingehende Schilderung des 
Leichenbegängnisses, welcher wir folgende An 
gaben entnehmen: 
„Der Kurprinz-Mitregent, welcher zur Zeit 
des Begräbnisses von Schomburg's Leiche von 
Kassel abwesend war, hatte vor seiner Abreise 
alle außerordentlichen Feierlichkeiten bei dieser 
Gelegenheit verboten und befohlen, daß die 
Veranstaltungen zu diesem Leichenbegängnisse 
nicht über die beim Begrübniß eines ge 
wöhnlichen Bürgerlichen üblichen hinausgehen 
sollten. Der Minister des Innern sowie der 
Polizeidirektor der Residenz waren verant 
wortlich für die Vollziehung dieser höchsten 
Anordnung. Jedoch konnte mau Niemand ver 
hindern. wer wollte, sich dem Trauerzuge an 
zuschließen, und es war zu erwarten, daß gar 
viele cs sich nicht würden nehmen lassen, dem 
Dahingeschiedenen die letzte Ehre zu erweisen. 
Der Stadtrath fand sich daher veranlaßt, mittelst 
einer öffentlichen Bekanntmachung alle zur Theil 
nahme an dem auf den 8. Juli bestimmten 
Leichenbegängnisse des Oberbürgermeisters Schom 
burg einzuladen, welche den Verstorbenen zu 
seiner Ruhestätte begleiten wollten, und zugleich 
den Wunsch auszusprechen, daß zur Aufrecht 
erhaltung der Ordnung bei dem Leichenzuge die 
in dem Programm angedeutete Reihenfolge 
beobachtet werden möge. Diesem zufolge sollten 
vier Trauermarschälle den Zug eröffnen und die 
Geistlichkeit sämmtlicher Konfessionen, an welche 
besondere Einladungen von Seiten der Stadt 
behörde erlassen worden waren, dem Trauer 
wagen vorangehen. In der Reihenfolge der 
Leidtragenden, die dem Trauerwagen folgten, 
befanden sich auch aufgeführt die Mitglieder der 
Ständeversammlung und Staatsdiener von Civil 
und Militär. Diese Ankündigung des Stadt 
raths wurde indessen vor dem Abdruck einer 
Censur unterworfen und in Folge dieser die 
Zahl der Marschälle von vier aus zwei beschränkt; 
statt des Ausdruckes „die Geistlichen sämmtlicher 
Konfessionen" mußte der Ausdruck „die Geistlichen" 
gesetzt werden; statt der Bezeichnung „die Mit 
glieder der Stündeversammlung" wurde die Be 
zeichnung „Mitglieder der Ständeversammlung" 
vorgeschrieben und zugleich dafür Sorge getragen, 
daß die Klasse der Staatsdiener vom Civil und 
Militär ganz weggelassen würde. Gleichzeitig 
war aus dem Ministerium des Innern eine 
Verfügung an das Konsistorium zu Kassel er 
gangen, wodurch dieses angewiesen wurde, die 
Geistlichkeit der beiden protestantischen Kon 
fessionen in Kenntniß zu setzen, daß blos einem 
Prediger, nämlich einem von der kirchlichen Ge 
meinde, welcher der Verstorbene angehört habe, 
der lutherischen, gestattet sein solle, eine Leichen 
rede am Grabe zu halten. Die Leichenfeier fand 
am 8. Juli 1841, Vormittags 9 Uhr, statt. Der Zug 
ging vom Rathhaus ans der Oberneustadt aus, 
auf dessen schwarz verzierter Hausflur der Sarg 
aufgestellt war, umgeben von brennenden Wachs 
kerzen auf Kandelabern, welche der. Kasseler 
katholischen Kirche angehörten und von den 
Geistlichen derselben mit zuvorkommender Ge 
fälligkeit der städtischen Behörde zu diesem 
Zwecke geliehen worden waren. Der Magistrat 
hatte den vor Kurzem erbauten neuen städtischen 
Leichenwagen ausersehen, um zum ersten Male 
bei diesem feierlichen Leichenbegängnisse benutzt 
und gleichsam auf diese Weise eingeweiht zu 
werden. Dieser Wagen war auch bereits vor 
dem Rathhause vorgefahren, um den Sarg auf 
zunehmen, und die in dicht zusammengedrängten 
Haufen auf dem Platze vor dem Rathhause ver 
sammelten Leidtragenden und die aus allen 
Theilen der Stadt herbeigeströmte Volksmenge 
erwarteten den Augenblick, wo der Zug sich in 
Bewegung setzen werde. Da ereignete sich ein 
Vorfall, der dem Publikum zu einem großen 
Anstoße gereichte. Es war unerwartet Einspruch 
gegen den Gebrauch des neuen Trauerwagens 
erhoben worden, und durch einen Mißgriff der 
Polizeibehörde sah inan denselben plötzlich wieder 
abführen. Der neue Leichenwagen sollte durch 
den alten, bisher bei bürgerlichen Begräbnissen 
gebräuchlichen ersetzt werden. Es zeigte sich in 
Folge dieses Vorganges eine nicht geringe Auf 
regung unter den zur Leichenfeier versammelten
	        

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