Full text: Hessenland (5.1891)

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Doch ach! noch hing das junge Haus 
Unfertig auf dem Hügel 
Und seufzte bang in's Land hinaus: ^ 
„Ich wollt' mir wüchsen Flügel!" 
Und sieh! ein Bau wuchs, leicht und frei, 
Zn Schmuck und Farben glänzt er. 
Auf daß er nicht ganz finster sei. 
So ward er jetzt ganz Fenster. 
Und jeder Mann von Professur 
Schmiegt sich voll Hochgefühle: 
„Man ist doch ganz Professor nur 
In solchem Holzgestühle!" 
Der Raum so weit, das Maßwerk gut 
In Zwickeln und Gebälken. 
Und Blumen trägt's wie auf dem Hut, 
Rein gothisch, die nicht welken. 
Und Farven! Gerne sei's bekannt. 
Daß wir nicht mehr vermißten. 
Und doch! noch lechzt die Riesenwand. 
Nur Muth, ihr Koloristen! 
Der Unterbau nur ist verthan! 
O hüls' noch das Besinnen! 
Es schläft — ntan sieht's dein Sockel an — 
Ein wonn'ger Keller drinnen. 
Hoiho! hier schenkt sich's lustig ein 
Für höchst geleerte Schlünde 
Der dürfte kein Dozente sein. 
Der nicht den Durst verstünde! 
So ruh' denn hier, mein Aula-Sang; 
Zum Trunk jetzt, ihr Aulöden*). 
Nie soll der Ort änonenlang 
Verfallen und veröden! 
Ein edles Refektorium 
Zum Gastmahl freier Geister, 
So steh' es manches Säculum 
Und rühme seinen Meister. 
Der Abend war der Feier der Studentenschaft 
gewidmet. Um 9 Uhr versammelten sich die Fest- 
theilnehmer zum Kommers in dem prachtvoll mit 
Fahnen und Wappen der einzelnen Korporationen, 
geschmückten Saalbau. Der Kommers wurde durch 
den Präsidirenden, Profesior Dr. Enneccerus 
eröffnet, welcher, als kurz nach Eröffnung des Kom, 
merses der Staats- und Kultusminister erschien 
ene schwungvolle, begeistert aufgenommene Rede auf 
Se. Majestät den Kaiser hielt. Demnächst ergriff 
Se. Magnifizenz zu einer Ansprache an die Studenten 
schaft das Wort; er gab seiner Freude Ausdruck, 
alle Studierenden der Hochschule so einträchtig und 
von einem Geiste beseelt beisammen zu sehen. Äm 
Namen der Studentenschaft wandte sich stuck, jur. 
V. Krug an den Herrn Minister, um ihm den 
Dank der versammelten studentischen Vertreter aus 
zusprechen. Se. Exzellenz erwiderte in liebens 
würdigster Weise die Ansprache und brachte einen 
Trinkspruch aus auf die .Alma mater Philippina. 
Es reihte sich nun Rede an Rede, deren Anführung 
im Einzelnen wir füglich übergehen können. 
Mit dem am Samstag Abend zu Ehren des 
Kultusministers von der Studentenschaft ver 
anstalteten Fackelzug fand das Fest seinen Abschluß. 
Gegen 8 Uhr nahmen die sehr zahlreichen Theil- 
nehmer desselben in der Bahnhofstraße Aufstellung, 
die Korporationen und Vereine, wie dabei üblich, 
mit ihren Fahnen. Nach eingetretener Dunkelheit 
setzte sich der imposante Zug unter den Klängen der 
Musik der beiden hiesigen und einer auswärtigen 
Kapelle durch die Elisabethstraße, Ketzerbach 
nach der Roserstraße in Bewegung. Vor der 
vom Universitäts - Kurator Geh. - Rath Steinmetz 
bewohnten Villa, in welcher der Herr Minister 
Quartier genommen, machte der Zug Halt und 
stuck, weck. Harbers (vom Korps Hasso-Nassovia) 
hielt die Ansprache an Se. Exzellenz. Nachdem 
der Kultusminister sich für die ihm dargebrachte 
Ovation bedankt, ging der Zug über die Ketzerbach, 
den Steinweg, die Marktgaste, Barfüßerstraße, Uni- 
versitäts- und Kasernenstraße nach dem Kämpfrasen, 
wo unter Absingung des Liedes „Oauckearnus igitur“ 
die Fackeln zusammengeworfen wurden. — 
Daß die Aulafeier im Allgemeinen einen recht be 
friedigenden Verlauf genommen, wird Niemand in 
Abrede stellen, doch dürfte es befremdlich erscheinen, 
daß die Herren Professoren in ihren Reden meist 
nur des blühenden Zustandes der Universität Marburg 
in den letzten 25 Jahren gedacht, dagegen die frühere 
hessische Zeit fast gänzlich todtgeschwiegen haben. Und 
doch kann Marburg mit gerechtem Stolz auch auf 
jene Zeit zurückblicken. Dem Herrn Kultusminister 
war es vorbehalten, in seinen Reden auch hier das 
Rechte zu treffen. 
Das sechzigjährige Jubiläum Julius 
Rodender g's. Die Beliebtheit, welche unser 
hessische Landsmann Julius Rodend erg in Berlin 
nicht nur in Schriftstellerkreisen, sondern auch bei 
den Vertretern von Kunst und Wissenschaft in so 
reichem Maße genießt, gelangte bei dem Festmahle, 
welches zu Ehren des Herausgebers der „Deutschen 
Rundschau- aus Anlaß seines sechzigsten Geburtstages 
am 26. Juni im Englischen Hause veranstaltet 
worden war, zur deutlichsten Erscheinung. An 200 
Personen, Damen und Herren, haben an dem Fest 
mahle theilgenommen. Nachdem der Verlagsbuch 
händler Elwin Paetel das Hoch auf den Kaiser 
ausgebracht hatte, feierten Karl Frenzel und Erich 
Schmidt in längeren geistvollen Reden den Jubilar 
und seine Familie. Karl Frenzel entwickelte in 
feinen Zügen ein Bild des Dichters Rodenberg, der 
mit allen Fasern seines Herzens die alte Hessentreue 
bewährend, in Berlin seine zweite Heimath gefunden 
und dort seine Eigenart entwickelt habe. Professor 
Erich Schmidt brachte in seinem Trinkspruche ein 
Hoch auf die Damen des Rodenbergischen Hauses 
aus. Manch schalkhaften Zug wußte Redner aus 
dem Jugendleben des Gefeierten mitzutheilen, ließ 
aber auch die Saiten des Gemstthes mächtig an- 
') Aulöden, Sänger zum aulos. zur Instrumental egleitung.
	        

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