Full text: Hessenland (5.1891)

176 
Es bürste wohl hier am Platze sein, auf die Ent 
stehungsgeschichte derselben einen kurzen Rückblick zu 
werfen. Wir thun dies nach dem »Marburger 
Tageblatt" wie folgt: 
In früherer Zeit stand an dem Platze, auf dein sich 
jetzt das Universitätsgebäude erhebt, das Dominikaner 
kloster, in dessen Räumen bis noch vor wenigen 
Jahren sich das Gymnasium befand. Schon seit 
langer Zeit bestand für die Marburger Hochschule 
das Bedürfniß eines einheitlichen Audiloriengebäudes, 
denn die Hörsäle lagen zum Theil auf bedeutende 
Entfernung zerstreut. Im Jahre 1873 wurde das 
alte Kloster niedergelegt und mit dem Bau des 
neuen Universitätsgebäudes begonnen. Der Plan 
desselben war entworfen von dem damaligen Uni- 
versitütsbaumeister, dem jetzigen Professor an der 
technischen Hochschule in Berlin Karl Schäfer, welcher 
jedoch nur im Anfange die Ausführung desselben 
leitete. Der großartige Bau, welcher durchaus von 
den für öffentliche Gebäude maßgebenden Typen ab 
weicht, inlponirt durch seine selbst noch im kleinsten 
Detail erkennbare stilgerechte Ausführung. Ter Bau 
und die Ausschmückung des Gebäudes währte sechs 
Jahre; am 29. Mai 1879 fand die feierliche Ein 
weihung desselben, durch Kultusminister Falk unter 
dem Rektorate des Herrn Prof. Eh-. Mannkopff 
statt, nachdem jedoch schon mehrere Auditorien zu 
Lehrzwecken in Gebrauch genommen waren. 
Vor nunmehr vier Jahren wurde der letzte Rest 
des ehemaligen Klosters, das an der Ostseite gelegene 
Refektorium abgebrochen, es mußte dem jetzt voll 
endeten Aulaflügel Platz machen. Dieser ist zweistöckig 
ausgeführt; im Erdgeschoß befinden sich zwei Semi 
narien und der Seuatssaal, das obere Stockwerk 
nimmt die Aula und das historische Seminar ein. 
Die Aula hat eine Größe von 27 m Länge und 
14 in Breite. Tie Höhe betrügt ü l / 2 m. In die 
selbe führen vom östlichen Flügel des Gebäudes aus 
zwei Hauptthüren, während die nördliche Wand mit 
einer dritten versehen ist. Das Tageslicht fällt 
durch drei große, sechstheilige, reich mir Malerei 
verzierte Bogenfenster in .den Raum. Die getäfelte 
Holzdecke ist durch zwei Tragbalken in drei Haupt 
felder getheilt; durch die sichtbaren Konstruktions- 
theile hat dieselbe ein reiches Relief erhalten. Sie 
ist durchaus gemalt; in einer dem Auge wohl 
thuenden Abwechslung erblickt man allegorische 
Bilder und andere Ornamente. Dieselben sind aus 
geführt nach dem Entwurf des Architekturmalers 
L. Linnemann zu Frankfurt a. M. Den unteren 
Theil der Wand umzieht eine etwas über 2 m 
hohe Täfelung aus Eichenholz. Die eichenen Thüren 
sind im Innern überzogen und gemalt. Auf den 
Außenseiten, denen die natürliche Farbe des Eichen 
holzes belassen ist, sind geschmiedete Eisenbeschläge 
angebracht. Die Thürumrahmungen mit ihren 
Bogenfeldern, ebenfalls in Malerei ausgeführt, machen 
einen sehr angenehmen Eindruck. Die Ausschmückung 
der Wände ist noch nicht vollendet; es sollen auf 
ihnen noch historische Gemälde aus der Geschichte 
der Universität hergestellt werden. Den südlichen 
Theil der Aula nehmen die Sitze für die Professoren 
und das Doppelkatheder ein. Erstere, wie alle Ein 
richtungen im Innern des Saales, aus vorzüglichem 
Eichenholz, sind mit Schnitzarbeit reich verziert. 
Ihre Seitentheile zeigen oben in kunstvoller Schnitzerei 
die Wappen sämmtlicher deutschen Universitätsstädte. 
Eine Hauptzierde der Aula sind die an der süd 
lichen Wand angebrachten drei Bilder; in der Mitte 
der Wand, hinter dem Katheder, das lebensgroße 
Bild Philipps des Großmüthigen, des Stifters der 
Universität, ein Geschenk des hessischen Kommunal 
landtages, das vor Kurzem von dem Maler Walther 
Merkel in Kassel nach einem Brosamer'schen Stiche 
ausgeführt wurde und das von einem kunstvoll ge 
schnitzten, mit dem hessischen Wappen geschmückten 
Eichenrahmen umgeben ist. Links von diesem hängt 
das überlebensgroße Bild des Kaisers Wilhelm I., 
das der Hochschule bei Gelegenheit der Einweihung 
des Universitätsgebäudes am 29. Mai 1879 
von diesem gestiftet wurde, rechts das nunmehr zu 
der Einweihung der Aula geschenkte, dem vorigen 
gleich große Bild des Kaisers Friedrich 111. 
Gehen wir nun zur Schilderung der Feier selbst 
über. Der Beginn derselben war auf ^12 Uhr 
angesetzt, aber schon lange vor l l Uhr fanden sich 
Festtheilnehmer im Gebäude ein, drängten sich 
Studierende in den Gängen. Der geräumige, festlich 
I geschmückte Saal füllte sich rasch bis auf den letzten 
> Platz. Unter den Teilnehmern des Festes nennen 
! wir Se. Exe. den Herrn Kultusminister Grafen 
j von Zedlitz-Trützschler, Se. Exz den Herrn Ober- 
präsidenten Graf zu Eulenburg aus Kassel, Se. Exz. 
den kommandirenden General des XI Armeekorps 
von Grolmann, den Herrn Landes-Direktor Freiherrn 
von Hundelshausen aus Kassel, den Herrn Geh. 
Ministerialrath Naumann aus Berlin, den gesammten 
akademischen Körper, die Vertreter der städtischen 
Behörden, der Kirche, der Schulen, der Gerichte und 
des Militärs, die zum großen Theil mit ihren Damen 
erschienen waren. In vollem Wichs mit ihren Fahnen 
waren anwesend die Deputirten der studentischen Kor 
porationen und der wissenschaftlichen und studentischen 
Vereine. Im Hintergründe des Saales, auf einem 
Podium, hatte der gesammte Akademische Koncert 
verein, dessen Mitwirkung dem Feste die künstlerische 
Weihe gab, Platz genommen. Den noch übrigen 
Raum füllten bis auf den letzten Platz Studierende 
der Marburger Hochschule aus. Nachdem gegen 
7 2 12 Uhr der akademische Körper erschienen und 
auf den für ihn bestimmten Stühlen Platz genommen, 
begann die Feier mit dem vom Akademischen Konzert- 
verein unter Mitwirkung der Jägerkapelle ausgeführten 
Lobgesang „Singet dem Herrn ein neues Lied."
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.