Full text: Hessenland (5.1891)

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Wollest mit mir weiter gehen 
Und wir kommen da jetzt an, 
Wo die Herrn, hochangesehen, 
Fühlen Einem auf den Zahn. 
Stille! Man hält hier Examen, 
Hörer lauschen, wie es geht, — 
Endlich, endlich schließt ein Amen, 
Und der Kandidat besteht! 
Was noch sonst wird hier berathen, 
Wenn hier tagte der Senat? 
Jeder pries hier seine Thaten, 
Jeder gab den besten Rath. — 
Geh'n wir durch den Kreuzgang weiter 
Zu des Hauses Heiligthum, 
In die Aula, alt doch heiter, 
Steh'n voll Pietät da stumm! 
Schon sehr frühe, als Studente, 
Stand ich still da mit Respekt, 
Hingen doch am Kalkgewände 
Häupter dort, von Ruhni bedeckt. 
Nämlich alte Professoren, 
Und wie schauten sie mich an, 
Hoch, zu Würden auserkoren, 
Unberührt vom Zeitenzahn. 
O wie stattlich die Perücken! 
O wie lang der graue Bart. 
Hoheit sprach aus ihren Blicken, 
So war es der Zopfzeit Art. 
Und es hingen auch von Hessen 
Dort die Fürsten, ein Moritz, 
Philipp, Wilhelm, unvergessen, 
Die gepflegt den Musensitz. 
Graues Denkmal alter Zeiten. 
Ach, es ist um dich gescheh'n, 
Sahst Jahrhunderte hinschreiten, 
Sahst das Kommen und Vergeh'». 
Ob auch Blitze niederkrachteu, 
Sturm und Fluth sich oft ergoß, 
Deine starken Wände lachten, 
Standest da ein festes Schloß. 
Jetzo ohne all' Erbarmen 
Warf dich um die Menschenhand, 
Und ich fühle mit dem Armen, 
Hab' mich trauernd abgewandt. 
Und so stürzt ja hin das Alte, 
Alles Jrd'sche kommt zu Fall, 
Doch, o guter Himmel, walse, 
Daß Erblüh'n herrsch' überall! 
Möge neuer Bau gelingen. 
Scheinen stets die Sonne hell, 
Und darin noch höher springen 
Wahrer Weisheit goldner Quell!! 
H. Hh. Alt-mar. 
Die hessische Heimath. 
Wenn ich den Namen Hessen höre, 
Dann schwelgt mein Herz in Seligkeit! 
Die Heimath, der ich angehöre. 
Der Länder schönstes — weit und breit: 
Du bist's! — Dir gelten meine Thränen, 
Bei Tag und Nacht gedenk' ich dein — 
Und mich erfüllt ein heißes Sehnen: 
O, könnt ich doch in Hessen sein! 
In dir stand meiner Väter Wiege, 
Das alte, tapfere Geschlecht 
Half mit erringen manche Siege 
Und kämpfte stets für Ehr' und Recht. — 
Fern von der Ahnen trautem Sitze 
Hat das Geschick mich streng verbannt, 
Doch stets bleibt in des Lebens Hitze 
Mein ganzes Sein dir zugewandt! 
Gewährte Gott mir eine Bitte, — 
Wie überglücklich wollt' ich sein! — 
Ich spräche: „Führ' mich in die Mitte 
Des lieben Hessenlands hinein!" 
Dort möcht' ich leben und dort sterben, 
Herr! — Auf den Knieen sieh' mich hier: 
„Laß' mich die Heimath neu erwerben, 
Nur diesen Wunsch erfülle mir!" 
Gotha. Krnst Wokfgang Keß v. Mchdorff. 
Aus Heimath und Fremde. 
Die Aulafeier in Marburg am 26. Inni. 
Ganz Marburg prangte im Fahnenschmücke, zum 
Zeichen, wie sehr die alte Musenstadt Antheil nimmt 
an den Geschicken ihrer Hochschule. „Göttingen 
hat eine Universität, SU ar bürg ist eine Uni* 
versität". Dieser Spruch Ernst Koch's in seinem 
„Prinz Rosa-Stramin" hat heute noch, wenigstens so 
weit er Marburg betrifft, wie zur Zeit, als er vor 
fast sechszig Jahren geschrieben wurde, seine Be 
rechtigung. Der Alt-Marburger ist stolz auf seine 
Hochschule, mit ganzem Herzen hängt er an derselben. 
Mit Spannung hat er auch dem Feste der Ein 
weihung der Aula des Universitätsgebäudes entgegen 
gesehen, die sich in feierlichster Weise am 26. Juni 
vollzog. Jetzt steht der prächtige Bau vollendet da.
	        

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