Full text: Hessenland (5.1891)

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sämmtlichen Weiber, welche dabei in eine Art 
Verzückung fielen, machte ihr dies unmöglich. 
Stumm zog sie eine goldene Kette von ihrem 
Hals und legte sie auf die Lagerstatt, sich zum 
Gehen wendend, aber das sich wie rasend ge 
bärdende Weib hob das Geschmeide auf und 
tanzte, dasselbe hoch empor haltend, laut lachend 
um die milde Spenderin herum. „Mit dem 
Stückchen Schmuck will sie mir das Leben meines 
Mannes zahlen!" schrie sie wüthend dabei. 
„Sei verflucht sammt Deinem Gold! Bring's 
Deinem Vater für Gelag und Vierten und sag' 
ihm, er möge den Melchior, den Bluthund, noch 
einmal schicken, um auch mich todt zu schlagen!" 
Und mit voller Wucht schleuderte sie die Kette 
auf den Boden, daß der feine Zierrath mitten 
von einander sprang. „Unsinniges Weib", sagte 
da eine tiefe Männerstimme, „Du fluchst Deiner 
Beschützerin und wirfst das Gold von Dir, das den 
Verdienst eines Jahres doppelt und dreifach auf 
wiegt ? Dein Mann wird am Leben bleiben und Ge 
Marburg. 
II. 
Mn Mld bom „alten Krruzgang" im Jahre >873.*) 
Das Alte stürzt, es ändern 
sich die Zeiten, und aus den 
Trümmern blüht ein neues Lebeu. 
Mönche warcn's, die dich bauten, 
Nach Dominicus genannt. 
Die im Kloster hier ergrauten, 
Lebend von der milden Hand. 
Und bei keinem Orden lieber 
Schrieb man sich in's Seelbuch ein, 
Daß ihr, ging die Seel' hinüber, 
Gott dann möchte gnädig sein. 
Doch es kamen neue Zeiten 
Und die Mönche zogen aus, 
Als die gingen, — traurig Scheiden! 
Zog die Wissenschaft in's Haus. 
Euriz Cordus, der Poete, 
Der Botaniker zugleich, 
Hat bepflanzt ringsum die Oede 
Zu dem schönsten Pflanzenreich. 
Und es hat manch' wack'rer Streiter 
Hier gewirkt mit regem Fleiß, 
Froher Jugend ernste Leiter, 
Gott und Gottes Reich zum Preis. 
*) An dessen Stelle sich jetzt der stattliche Neubau erhebt. 
rechtigkeit soll Dir auch widerfahren, das schwöre ich 
Dir bei St. Margrethen auf der Heide!" Der also 
sprach war ein angesehener Bürger von Franken 
berg, Heinrich von Münchhausen genannt, welcher 
mit noch einigen anderen ruhigen Männern 
eingetreten war, dem Unfug der Frauen zu 
steuern. „Laßt's Euch nicht grämen, edles 
Fräulein", wandte er sich dann zu der Dame 
Mathilde, „daß Thorheit und Unverstand Eurem 
guten Willen in dieser Art entgegentritt, aber 
Ihr wißt ja. wo Melchior Kamm einkehrt, da 
werden die Menschen leicht zur Verzweiflung 
gebracht." „Es soll künftighin milder verfahren 
werden, verlaßt Euch darauf!" sagte die Dame. 
„Ihr seid klug und besonnen, nehmt Euch der 
Unglücklichen an! Meiner Hülse könnt Ihr 
stets gewiß sein." Mit diesen Worten verließ 
sie das Gelaß und ritt mit ihrem jugendlichen 
Begleiter unter dem Gruß der Bürger davon. — 
(Fortsetzung folgt.) 
HK-! 
Zarte Knaben aufgenommen 
Lernten tüchtig hier Latein, 
Und dann reifer ausgeklommen 
Traten sie in Hallen ein, 
Wo herab von dem Katheder 
Eines Meisters Stimme scholl. 
Arbeit gab's mit Kopf und Feder, 
Und der Muth der Jugend schwoll. 
Hin, dahin sind nun die Räume, 
Hin ist der gekreuzte Gang, 
Hin der Rasenplatz, die Bäume, 
Wo der Lieder Echo klang. 
Wo die Pädagogiarchen 
Wohnten, wo ein Vilmar schrieb. 
Sich viel Geistesschätze bargen, 
Wilde Jugend um sich trieb. 
Wüste liegt, ein Haufen Trümmer, 
Wirr ein Chaos, Holz und Stein, 
Ach, ein Abschied ist's für immer, 
Kaum die Thränen halt' ich ein. 
Hinter festen Eisenstangcn 
Seid ihr Carcer auch dahin, 
Wo der Bursch, der sich vergangen, 
Büßte seinen Sprudelsinn. 
Daß ihm ein Gedächtniß blühe, 
Grub den Namen er in Holz, 
Daß bewohnt' er Bellevue, 
Dünkt ihm Ehre, war sein Stolz.
	        

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