Full text: Hessenland (5.1891)

173 
Die alle 
Erzählung von Wi 
I. 
Wie Hermann von Trefurt die Steuern an 
mahnte und die Frankenbrrgrr ihm quittirten. 
Als man schrieb nach der Geburt Christi 
1374 am zweiten Tag des hochgelobten Wonne 
monds, geschah es. daß in der damals weit 
berühmten Handelsstadt Frankenberg Melchior 
Kamm, ein Diener des Ritters von Trefurt, 
mit noch einigen Knechten beim Umlageerheben 
einen armen Wvllenweber in der Untergasse fast 
zu Tode schlug. Hohnlachend ließen die rohe» 
Gesellen den blutenden Mann vor seinem Häuschen 
liegen und zogen davon, zum Schloß hinauf, 
wo sie wohl wußten, daß ihre That von dem 
gestrengen Herrn gut geheißen werde, der an 
Gelag und Vierten gar gern auf diese Weise 
mahnen ließ, seitdem der alte Landgraf von 
Hessen, Heinrich der Eiserne genannt, ihm 
die Burg zum Frankenberg eingegeben hatte. 
Währenddem die Trefurt'schen Knechte, das Lob 
ihres Ritters singend, durch die große Gasse 
den Burgberg erreichten, hatte sich um den 
säumigen Steuerzahler, der wie todt da lag, 
immer mehr Volks versammelt, Weber, Kürschner, 
Schwertfeger und Sporer, wie sie durch den 
Lärm und das Geheul der Weberfrau, die sich 
über ihren Mann geworfen hatte, von der 
Arbeit aufgeschreckt worden waren. Immer be 
drohlicher wuchs der Tumult, es wurde nach 
Schwertern und Spießen gerufen, um dem 
Melchior Kamm und seinen Helfershelfern, deren 
rauhe Stimmen man noch in der Ferne ver- 
nahm, eins zu versetzen. Da kam vom Markte 
her eiligen Schrittes der Bürgermeister, Herr 
Zeise Weiner, gefolgt von etlichen Rathmannen, 
theilte mit kräftiger Hand die Menge und ließ 
den übel zugerichteten Weber in's Haus bringen, 
wo derselbe durch stärkende Mittel bald wieder 
zu sich kam. In der Stube, auf dem Oehru, 
vor dem Hause aber standen und drängten sich 
noch die Nachbarn und die Handwerksleute, die 
aus den entfernteren Gassen herbeigelaufen waren. 
Sie führten gar verwegene Reden und als der 
Bürgermeister mit den Rathmannen wieder auf 
die Straße trat, da schrieen sie laut über die 
erlittene Gewaltthat und verlangten Gerechtig 
keit oder Rache. Herr Zeise jedoch wehrte sie ab 
und hieß sie daran denken, daß sie durch ihr 
wüstes Geschrei nichts besser machten, „aber", 
fügte er mit' einem seltsamen Lächeln hinzu, 
„wenn Ihr Etwas vorzubringen habt gegen 
Hermann von Trefurt, so sendet welche aus 
lhelm Dennecke. 
Eurer Mitte auf das Rathhaus, dort will ich 
Eure Beschwerden anhören und Euch mit Rath 
und That beiflchen, soweit es in meiner Macht 
liegt!" Das wurde jubelnd gut geheißen und 
als der Bürgermeister in der nächsten Gasse 
verschwunden, sollten sofort die Sprecher gewählt 
werden, da nahte laut schallender Hufschlag auf 
dem Straßenpflaster, dessen sich Frankenberg vor 
vielen andern Städten rühmen konnte, und 
herbei flog auf weißem Zelter ein schönes Ritter 
fräulein, dem der Edelknecht auf seinem Braunen 
kaum zu folgen vermochte. Ein Theil der Bürger 
rottete sich mit finsterer Miene zusammen und 
wollte der Dame den Weg versperren, laut 
murrend: „Seht da, die Trefurterin! Was will 
die hier? Laßt sie nicht-vorüber!" Die Mehr 
zahl aber rief: „Hermann's Tochter ist gut! 
Sie hat es schon oftmals bewiesen! Macht 
Platz! Gebt ihr Raum!" Die Murrenden 
zogen sich zurück und Dame Mathilde, ihr Roß 
zum Stehen bringend, fragte, wo der Unglück 
liche sei, der in des schrecklichen Melchior's 
Hände gefallen? Stumm deutete man auf das 
Haus des Webers, aus welchem noch immer das 
Geschrei der Weiber herausschallte, den besten 
Wegweiser abgebend. Mathilde von Trefurt 
warf dem herangekommenen Edelknecht die Zügel 
hin und schwang sich mit anmuthiger Sicherheit 
aus dem Sattel. Sie eilte in das ärmliche 
Gelaß des mißhandelten Mannes und trat, wie 
die Lichtgestalt eines Engels, unter die dort 
versammelten heulenden Frauen, deren Aeußeres 
durch natürlichen oder künstlich erzeugten Schmerz 
nach und nach etwas Furienhaftes bekommen 
hatte. „Sei ruhig, arme Frau", sagte die 
Edeldame an das Lager tretend, auf welchem 
der Weber ausgestreckt lag, von seinem Weib 
umschlungen. „Dein Mann wird nicht sterben! 
Er darf nicht sterben! Hörst Du! Er darf 
nicht sterben, denn Gott wäre sonst nicht der 
Schirmherr der Elenden und Bedrückten!" Als 
Dame Mathilde zu reden begann, war rings 
Stille eingetreten, die Webersfrau richtete sich 
empor und starrte die Trösterin mit großen, 
halb irren Augen an, kaum aber hatte diese 
geendet, so schrie sie mit gellender Stimme: 
„Bist Du nicht Trefurt's Tochter? Was willst 
Du unter diesem Dach? Dich weiden an dem 
Anblick des Unschuldigen, den Deines Vaters 
Hunde zerfleischt haben? Geh', geh', oder der 
Blitz erschlägt Dich hier!" Mit milden Worten 
wollte die Edeldame der Verzweifelten zusprechen, 
aber das sich von neuem erhebende Geheul der
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.