Full text: Hessenland (5.1891)

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kann mir ein Dichter singen, dessen Herz warm 
schlägt für sein Vaterland. Mag man auch 
über Franz Dingelstedt denken, wie man will, 
das wird man ihm doch immer lassen müssen, 
daß er den Ruhm und die Ehre seines Geburts 
landes Kurhessen stets hochgehalten hat; daß er 
diesem, wie das Loos auch gefallen, in treuer 
Liebe und Anhänglichkeit ergeben geblieben ist 
bis an seines Lebens Ende. Franz Dingelstedt 
wirkte in der Zeit, als Karl Schomburg 
das Zeitliche segnete, noch als Gymnasial 
lehrer in Fulda. Er hatte die Sommerserien 
des Jahres 1841 dazu benutzt, seine erste Reise 
in die Kaiserstadt Wien zu machen, nach der es 
ihn später immer und immer wieder hinzog, 
bis er daselbst dauernde Stellung nehmen konnte 
und zu hohen Würden des österreichischen Kaiser 
staates emporsteigen sollte. 
Dort in Wien traf ihn die Trauerkunde von 
dem Hinscheiden des edlen Karl Schomburg; 
sie erschütterte ihn nicht minder, wie sie alle 
braven, hessischen Patrioten im Grunde ihres 
Herzens erschüttert hatte. Und dort in Wien, 
entstand das Gedicht, das gewiß werth ist, der 
Vergessenheit entrissen zu werden. Hier ist es: 
Karl Schomburg. 
I come tü bury Cesar, not to 
praise him. 
Shakespeare. 
Ein letztes Reis aus unsern Frühlingstagen, 
Entblättert fällt es, saftlos und zerbrochen; 
Es konnte keine gold'ne Frucht mehr tragen, 
Zn seine Blüthen war der Wurm gekrochen, 
Da beugt' es müde sich zur Erde nieder. 
Der Tod war milder als die Menschen sind, 
Er löst' es ab. — Run grünt es nimmer wieder. 
Und weintet ihr euch auch die Augen blind. 
Was will die Thräne, wo ein Held gestorben? 
Habt ihr für ihn nur flüchtiges Bedauern? 
Ist Alles, was er unter euch erworben, 
Ein stilles Grab in euren stillen Mauern? 
Ja, selbst die Thräne mußtet ihr verstecken, 
Die um ihn rann, weil sie Perbrechen war, 
Und statt mit Lorbeern kühn ihn zuzudecken, 
Schlangt ihr Cypressenkraut um Sarg und Haar. 
Bald ist sie voll, die Zahl der großen Todten, 
Der Märtyrer im Grab und im Gefängniß; 
Es kehren heim die edlen Freiheitsboten, 
Gesandt und abgerufen vom Verhängniß. 
Verderbt und sterbt, im Süden und im Norden, 
Entflieht und zieht! Was wollt ihr auch noch hier? 
Das Pantheon ist Mausoleum worden, 
Und an den Sarkophagen — weinen wir. 
Ach! Hart und höhnisch fielen eure Loose, 
Und einen bittern Kelch habt ihr getrunken: 
Ihr sahet Kanaan von fern wie Mose, 
Und als ihr nahtet, war's in Nacht versunken. 
Ihr träumtet einen Frühling, eh' es Zeit war, 
Und eure Hand griff schon das junge Laub, 
Und — als der Mai von Neuem eingeschneit war, 
Da —wälzten Muth und Hoffnung sich im Staub. 
Du hast's erprobt, Mann mit dem Eisenherzen, 
Denn so wie Du, so litt und kämpfte Keiner, 
Sie sengten Dich im Feuer aller Schmerzen, 
Du ward'st darin nur kräftiaer und reiner; 
Du standest fest, jedoch Dein Herz ging brechen, 
Mit Gift gefüllt, bis an den höchsten Rand, 
Und sterbend hattest Du ein Recht zu sprechen: 
.Ich hinterlasse euch kein Vaterland!" 
Und dennoch zogt ihr in die dunkle Scholle 
Ihn wieder heim, den Rumpf der Königseiche? 
Habt ihr gewähnt, die Heimathserde rolle 
Weicher als fremde auf die heil'ge Leiche ? 
O wollet doch, ihr Stolzen, nicht vergessen: 
Sie weigerte dem Sohn selbst einen Herd, 
Sie, die den Vater lebend einst besessen, 
Führwahr, des Todten ist sie kaum noch werth! 
Ihr braucht ihm keine Nänie anzustimmen. 
Auch dürft ihr nicht. — Ecröthet und verstununt! — 
Durch Deutschland seht die Leichensackel glimmen, 
Die zagsam sich bei euch und kühl vermummt; 
In banger Eile habt ihr ihn bestattet, 
Scheu wandelt ihr um seinen Hügel um, 
Ihr ahnt: die Weide, die sein Grab beschattet, 
Beschattet auch der Hessen letzten Ruhm! 
Geht nur vorüber eure dünnen Bahnen, 
Die Arme laßt im Schoß, gesenkt die Ohren; 
Soll euch ein Dichterwort erst wieder mahnen, 
Das einzig freie, was ihr jetzt verloren.? 
Blickt her! Mit keckem Saitengrisfe reiß' ich 
Die Wunden alle aus, — euch aus dem Schlaf! — 
Kennt ihr die Sonne noch von Einunddreißig ? 
Seid ihr dieselben, die ihr Schimmer traf?? — 
Ihr seid's nicht mehr! Ich hätt' es wissen sollen: 
Die Zeit hat euch und Bess're abgekühlt: 
Warum mit euch und mit — der Zeit noch grollen? 
Seid ihr nicht arm, viel ärmer, als ihr fühlt?... 
Genug! — Wenn heimwärts flüchtet selbst der Aar, 
Dann ist es Zeit, daß auch die Lerche schweigt. — 
lind Du, leb' wohl! Die einst so schwer Dir war, 
Die Erde sei Dir jetzo doppelt leicht! — 
(Schluß folgt.)
	        

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