Full text: Hessenland (5.1891)

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pflichtungen nicht streng nachgekommen zu sein; 
es liegen wiederholte Beschwerden des Steitz über 
ihn vor, daß er nicht nur farbige Masse verwende, 
sondern auch Sseitz'sche Modelle abforme und in 
schlechterer Ouqlität und zu billigerem Preise 
Imitationen der Steitz'schen Waare in Handel 
bringe. Trotzdem wurde der Kontrakt mit Hille 
brecht am 18. Mai 1798 auf weitere 10 Jahre 
verlängert; er starb indessen im Jahre 1801, und 
versuchte seine Wittwe mit Beihülfe des ältesten 
Sohnes die Fabrik fortzuführen. Nach ihrem 
1803 erfolgten Tode mußte der Sohn Joh. 
Hille brecht wegen Mangels an Mitteln die 
Fabrikation einstellen; es brach Konkurs aus, 
und wurden ihm 1805 die rückständigen Be 
träge für Pacht und übernommene Materialien 
erlassen. 
Die noch im Staats- und Adreßkalender für 
1788 als „Porcellain-Basenfabrik" aufge 
führte Anstalt übernahm am 10. Januar d. Js. 
Hofkonditor Steitz auf 12 Jahre gegen eine 
jährliche Pacht von 50 Thlr.; er erhielt Gebäude 
aus der verkrachten Le Fort'schen Gründung, 
worin er schon seither die Vasenfabrik geleitet 
hatte und die zum Glasurmahlen eingerichtete 
Sandershäuser Mühle; die auf 2000 Thlr. be- 
wertheten Vorräthe wurden ihm in der Weise 
überlassen, daß diese Schuld durch Einbehalten 
der Hälfte seiner Konditorbesoldung nach und 
nach getilgt werden sollte. Bis zum Jahr 1797 
war jedoch dieselbe noch nicht abgetragen, 
namentlich auch, weil durch den inzwischen aus 
gebrochenen Krieg der Absatz, welcher sich nach 
Straßburg, Frankfurt, Mainz. Aachen, ja sogar 
nach Paris erstreckt hatte, sehr zurückgegangen 
war. Um die Sache zu erledigen, wurden damals 
dem Steitz für 1000 Thlr. Waaren abgenommen 
und, wie früher mit dem Porzellan verfahren 
worden war, in Portionen zu 50 Thlr. an die 
Schutzjuden zwangsweise verkauft?) Der Werth 
des Steitz'schen Lagers betrug damals über 
3000 Thlr. Am 16. April 1799 bat Steitz 
um zwölfjährige Verlängerung seines Kontrakts; 
') Das Verzeichniß der zwanzig Portionen ist erhalten 
und finden sich darin, außer den oben angesllhrten Gattungen 
von Basen, auch Uhrgehäuse, Pyramiden, Blumentöpfe, 
namentlich aber Köpfe und Figuren, z. B. Apollo, Kopf 
des Laokoon, Voltaire, Haller, Rousseau u. dgl. Im 
Steitz'schen Vorrath wird auch eine große sitzende Figur, 
der junge Herkules, aus dieser Periode erwähnt zum 
Preis von 30 Thlr., von der sich ein Exemplar in den 
Sammlungen des kgl. Museums zu Kassel vorfindet. 
es geht aus den seiner Eingabe beiliegenden 
Rechnungen hervor, daß es ihm gelungen war, 
die Fabrik mit Gewinn zu betreiben; er kann 
die Aktiva, denen nur unbedeutende Schulden 
gegenüberstehen, auf ca. 4000 Thaler angeben. 
Nachdem im Juni 1800 die Fabrik wiederholt 
auf Teinporalpacht sowohl als auf Erbleihe 
öffentlich ausgeboten worden war, erhielt sie zu 
nächst ein Sohn des Steitz für 70 Thaler Pacht 
auf drei Jahre, da man Fabrikant und Hof- 
konditor in einer Peson nicht mehr haben wollte. 
Ueber den weiteren Verlauf fehlen genauere 
Nachrichten; 1805 finden wir die Fabrik noch in 
Steitz'schen Händen; später soll ein als Stein 
zeugfabrikant in Kassel vorkommender Johann 
Nellstein, der einmal als Arbeiter bei Steitz 
erwähnt wird, die Fabrik übernommen haben?) 
Don der eigentlichen Vasenfabrikation hatte man 
um 1800 herum mehr und mehr Abstand genommen 
und sich der Anfertigung von Haus- und Tafel 
geschirr, zum Theil von sehr originellen Formen, 
zugewandt?) Dasselbe kommt in Feinheit und 
Härte dem Wedgwoodfabrikat nahe und wird 
häufig dafür gehalten. Von den Steitz'schen 
Vasen sowie Figuren findet sich im Kasseler 
Museum eine Anzahl besonders augezeichneter 
Stücke, welche die Geschicklichkeit und den Ge 
schmack ihres Verfertigers erkennen lassen; sie 
machen es erklärlich, warum diese Fabrikate auch 
außerhalb der Landesgrenzen Absatz fanden. 
Simon Heinrich Steitz wird in der Geschichte 
der hessischen Keramik stets einen Ehrenplatz 
behaupten. 
Von den Fabrikgebäuden ist nur ein kleineres 
Haus (jetzt Nr. 28 vor dem Königsthor) erhalten; 
es soll darin noch in den vierziger Jahren durch 
einen gewissen Hagelsieb die Steingutfabrikation 
betrieben worden sein. 
') 3» Hoffmeister's Nachrichten heißt es S. 84: Nell 
stein, Johannes, zu Kassel, hatte bis in die neueste Zeit 
in der alten Wilhelmshöher Alle lvor dem Kvnigsthore) 
eine Vasen- und Steingutsabrik, worin Gegenstände aus 
schwarzer, grauer und rother Masse, glasirt und unglasirt, 
in gefälligen Formen geliefert wurden. Diese Fabnk hieß 
früher die Steitz'sche Faiencesabrik. 
2 ) Steitz erwähnt in Eingaben an den Landgrafen öster 
sein Bestreben durch nene Modelle und Fayons Erfolge zu 
erzielen, und mögen wohl hieraus jene merkwürdigen 
Bildungen von Kaffee- und Theekannen in Form von in 
ägyptischem Geschmak gebildeten Menschen- und Thiergestalten, 
wie sie von ihm existiren, hervorgegangen sein. Auch die 
noch ab und zu im Antiquitätenhandel vorkommende Bowle 
in Gestalt eines Wildschweinskopses gehört zu seinen 
Fabrikaten.
	        

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