Full text: Hessenland (5.1891)

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lichen Kassen die stete Fortsetzung ermöglichen 
konnten. Der Waarenvorrath wuchs dabei fort 
während an. Nur Rücksicht auf die nun seit 
Jahren in den Fabriken beschäftigten einheimischen 
Arbeiter') scheint der Grund gewesen zu sein, 
daß die Sache nicht eingestellt wurde; man suchte 
immer noch durch hohe Taxirung der fertigen 
Waaren einen Gewinn herauszurechnen, konnte 
sich jedoch der Einsicht nicht verschließen, daß der 
Betrieb eingeschränkt und wohl bald gänzlich 
eingestellt werden müsse. Bis zu dem Zeitpunkt, 
wo Letzteres geschah, bietet selbstverständlich 
die in ausgefahrenen Geleisen sich bewegende 
Fabrikation Nichts, was unsere Interesse erregen 
könnte; nur im Jahre 1784 trat ein Ereigniß 
ein, welches Erwähnung verdient, indem ein 
Abenteurer die Leitung der Porzellanfabrik er 
hielt und den Landgrafen um einige Tausend 
Thaler betrog. 
Im Dezember 1782 hatte die Kriegs- und 
Domainenkammcr, der die herrschaftlichen Fabriken 
damals unterstellt waren, Folgendes ack Serenissi- 
mum berichtet: 
„Es hat sich vor einigen Tagen ein Nanu- 
f'akturier Namens Villars, welcher angeblich aus 
England ist, allhier eingefunden und angetragen, 
daß er verschiedene Poreeliainversuche allhier 
machen wolle, indem er sich ein halbes Jahr lang 
deshalb in Braunschweig aufgehalten, aber zu 
keinem Schluß habe kommen können. 
Ew. Hochfürstl. Durchl. gnädigster Intention 
gemäß haben wir demselben die Erlaubniß zuge 
standen, diese Versuche auf der herschaftl. Por- 
cellain-Fabrique zu machen, jedoch, daß um zu 
verhüten, daß keine fremde Komposita oder gar! 
fremde fertige Waaren untergeschoben werden, j 
diese Versuche in Gegenwart des Porcellain- 
t'abiiquon-Verwalters Schulze und des Hos- 
Conditors Steitz vorgenommen werden sollten. 
Hierauf hat sich aber der Villars gar nicht 
einlassen wollen, sondern verlangt: „1. daß er 
seine Versuche ganz insgeheim machen könne, 
2. daß solches ans herrschastl. Rechnung geschehe". 
Der Bericht schließt mit der Anfrage: „ob dem 
Villars bekannt gemacht werden solle, daß man 
sich mit ihm nicht einlassen könne". 
Nichtsdestoweniger wurden jedoch Gelder für die 
Versuche des Villars angewiesen und begann der 
selbe in geheimnißvvllster Weise in der Fabrik zu 
i) Nach einer vorliegenden Spezifikation waren es im ! 
Jahre 1788 im Ganzen 16 und mit ihren Familien 68 Per- , 
sonen, welche die Fabriken ernährten. Wir führen daraus , 
folgende Namen an: Obermaler Eisenträger, Bunt- ! 
und Blaumaler Fischer und Eisenträger .jun., 
Porzellandreher Siebert und Fischer, Faiencedreher 
Bode und Rüdiger, Porzellanbrenner Liese, Fnience- i 
brenner Hoffmeister und Schlemmer Stein. 
wirthschafteu, so daß dadurch öfters die ganze Ar 
beit unterbrochen wurde und die seither beschäftigten 
Leute befürchteten, demnächst brodlos zu werden: 
Villars hatte versprochen, das Porzellan zu einem 
außerordentlich billigen Preis Herstellen zu können 
und zu seinen Versuchen, sowie namentlich zum 
Bau eines ganz besonderen neuen Brennofens 
am 8. April 1783 die Summe von 2500 Thlr. 
und am 16. Januar 1784 nochmals 721 Thlr. 
7 Alb. 10 Hlr. „oxtraorckinarie" verwilligt er 
halten. Am 1. Juni 1784 zeigte der Porzellan- 
verwalter Schultze an: „Nachdem am 18. Mai 
h. a. der Fabriquant Villars heimlich entwichen 
und niir dahero von der gnädigst verordneten 
Direktion aufgegeben worden, über dessen Versuche 
sofort Rechnung aufzustellen, so sind zu völliger 
Tilgung der noch hierauf hastenden Schulden 
annoch 876 Thlr. 6 Alb. 3 Hlr. bis iuolusive 
den 22. May d. I. erforderlich". 
In Folge dieses Vorfalls scheint der Landgraf 
die Freude an der Porzellanfabrik gänzlich ver 
loren zu haben, und war ein längerer Betrieb 
auf herrschaftliche Kosten nicht mehr zu erwarten. 
Zunächst wurde die jährliche Subvention auf 600 
Thlr. herabgesetzt, und zwar seit 1785 nicht mehr 
aus der sog. Schatulle, sondern aus der Domänen 
kasse, sowie am Ende des genannten Jahres dem 
Verwalter Schultze aufgegeben, einen Ueberschlag 
zu machen, wie die Fabrik am vortheilhaftesten 
betrieben werden könne. Die Rechnung des vor 
hergegangenen Jahres ergibt an Einnahmen 
3187 Thlr. 11 Alb. 6 Hlr. (darunter 1900 Thlr. 
Zuschuß und 1274 Thlr. 10 Hlr. für verkaufte 
Waaren) und an Ausgaben 3165 Thlr. 5 Alb. 
4 Hlr. für Arbeitslöhne, sowie 306 Thlr. 31 Alb. 
1 Hlr. für Materialien. Die dafür hergestellten 
Waaren sowie die übrig gebliebenen Materialien 
sind mit 3696 Thlr. 25 Alb. 2 Hlr. bewerthet, 
und wird demnach ein Gewinn von 224 Thlr. 
20 Alb. 10 Hlr. herausgerechnet, der jedoch, 
so lange die Gegenstände unverkauft blieben, 
illusorisch war. Die auf dieser Grundlage 
basirenden Vorschläge Schultze's, worin es heißt: 
„Da aber der Absatz von diesen erbrannten Waaren 
bisher selten auf 1000 Thlr. gekommen, und ohne, 
daß das ausländische, weil von hier kein Paar 
Tassen in's Hannoverische, Braunschweigische oder 
Preußische kommen, entweder gänzlich verboten 
oder stark impostirt wird, auch vor der Hand 
schwerlich dahin zu bringen sein dürfte, daß ohne 
Nachschuß fabrizirt werden kann", konnten den 
Landgrafen von dem Vorsatz, die Fabrik als 
Staatsanstalt eingehen zu lassen, nicht abbringen; 
demgemäß wurden von 1787 ab nur die vor 
handenen Vorräthe an Material und halbfertigen 
Waaren aufgearbeitet, sowie den sämmtlichen 
Arbeitern unter dem 19. Juli der Bescheid ertheilt,
	        

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