Full text: Hessenland (5.1891)

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stand mit meinem Mann im Glied. — 
Und Marschall Ney? — Ach Marschall 
Ney, kein tapferer Mann aus Erden, der kom- 
mandirtc die Arrieregarde und war Tag und 
Nacht zu Pferde, überall und ini dicksten Kugel 
regen beim Gefecht, und das war oft genug, 
denn die Russen setzten uns gewaltig zu." 
„Aber Du und Dein Mann? wie erging's 
Euch?" 
„Nun, ich verstand mich auf's Fouragiren, 
Kinder", lachte sie. „Zwar haben wir meistens 
von Pferdefleisch gelebt auf dem Rückmarsch, 
aber wir kamen an, beide gesund. Wir Deutschen 
hielten's überhaupt besser aus." 
„Was hast Du viel erlebt, Kochin! Und daß 
Du Napoleon selbst gesehen hast?" 
„Ja, zuletzt an der Moskwa, da stand er in 
einer Schanze mit dem Fernrohr und leitete die 
Schlacht. Das war ein Donnern, Kinder, wie 
man's noch nie gehört hatte, denn die Russen fochten 
wie die Teufel. Aber was hals's, uns komman- 
dirte der petifc Caporal. Später haben sie 
ihn auf eine Insel mitten im Meer gebracht, 
und da ist er gestorben, sie hatten alle zu große 
Furcht vor ihm." 
„Aber Dein Mann, er ist doch schon lange 
todt. fiel er in der Schlacht?" 
„Ja, mein armer Heinrich, Gott hab' ihn 
seelig, er war ein wackerer Mann und was für 
ein Soldat! kein besserer Unteroffizier bei der 
Armee, er fiel in Frankreich." 
„In Frankreich?" 
„Ja, Kinder, in Frankreich. An der Moskwa 
war er zum Souslieutenant gemacht, vom Mar 
schall selbst, aber als wir zurückkamen, und unser 
alter Here wieder regierte, da wurde ihm die 
Epaulette genommen, er war wieder Unter 
offizier. und wir mußten mit nach Frankreich 
anno 14 und gegen die Franzosen fechten, und 
da fiel er bei Laon." 
„Warst Du dabei?" 
„Das will ich meinen. Ich war immer beim 
Regiment, auch im Gefecht, und gab, wenn ich's 
nur irgend mitschleppen konnte, Wein und 
Schnaps an die Kameraden, half verbinden und 
machte mich nützlich. „Madame Koch" war beim 
ganzen Korps bekannt, und jeder Soldat, selbst 
die Leutnants salutirten mich. Und bei Laon? 
Mein Heinrich war schon den ganzen Tag vor 
her traurig und sagte: „Paß auf, Annliß, ich 
kriege was ab". Und richtig, so war's. Er war 
schon immer so traurig, seit er gegen die Fran 
zosen mußte, die in 20 Schlachten seine guten 
Kameraden gewesen waren, denn der Franzose 
ist ein guter Kamerad, aber an dem Tage war's 
gar schlimm. Ich war hinter der Front, und 
sah zwischen Bäumen hervor nach deni Gefecht, 
als mein Heinrich in's Feuer rückte, vor Dampf 
konnte ich nichts sehen, aber da kam der Arnold 
von Großalmerode, er ist erst voriges Jahr ge 
storben, zurück mit einem Schuß in dem Arm, 
und ich fragte: „Und mein Heinrich?" „Der liegt", 
sagte der und hinkte weiter zur Ambulanz. Da, ich 
hinein in die Gefechtslinie und fand dann meinen 
Heinrich an einen Baum gelehnt. Er erkannte mich 
noch. „Leb wohl, Annliß". sagte er. „Schade, daß 
es französische Kugeln sind — leb wohl, ich habe 
genug", und so starb er hier in diesen Armen." 
Die Alte wischte sich eine große Thräne aus den 
Augen, und es zuckte schmerzlich hin und her in 
dem von tausend Falten und Fältchen durch 
furchten Gesicht. „Ich blieb bei ihm, bis er be 
graben war, und machte dann, daß ich zurück 
kam und wurde hier Botenfrau, denn herum 
laufen muß ich, ich bin zu weit gewandert im 
Leben, um still sitzen zu lernen. Mein Heinrich 
liegt dort bei Laon seit langen Jahren, nun 
und ich werde auch bald hier zur Ruhe kommen, 
nnd drüben sehen wir uns wieder. — 
Aber nun ist's Zeit, Jungen, sonst kommen 
wir zu spät an. Ist angespannt. Wiederhold?" 
„Ja", sagte der lakonisch. „Für jeden Jungen eine 
Pferdedecke." Diese wurden hergegeben. Mutter 
Kochin, die wir seit dieser Stunde mit unge 
wöhnlichem Respekt betrachteten, packte uns warm 
in Stroh und wollene Decken, und der Schlitten, 
des Wirths brachte uns bald nach Witzenhausen. 
Diese einfache schlichte Erzählung der Alten 
war für uns Alle von nachhaltigem Eindruck, 
und von uns hat wohl keiner diese Stunde in 
der Nieste vergessen. Die Kochin repräsentirte 
uns fortan ein Stück Weltgeschichte. 
Die Alte schleppte noch mehrere Jahre 
mit gleicher Rüstigkeit ihre Keetse zwischen 
Witzenhausen und Kassel hin und her und 
mußte uns natürlich noch oft von ihren 
Abenteuern in Spanien und Rußland erzählen, 
wofür wir ihr manchen Schnaps und manches 
Pfund Tabak zuschleppten. Sie muß über 80 
Jahre alt geworden sein und starb ohne Krank 
heit, ohne bemerkbare Altersschwäche, auf der 
Landstraße. Da fand man sie eines Tages todt 
an einem Baume sitzen, ihre Keetse neben ihr. 
Das war unsere alte Botenfrau.
	        

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