Full text: Hessenland (5.1891)

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)h Kotmsrau. 
Eine Jugenöerinnerung von Franz Treller. 
(Schluß.) 
Unsere Lieblingslektüre war natürlich die Be 
schreibung der Napoleonischen Feldzüge und vor 
Allem der Befreiungskriege. Ueberall waren noch 
Nachbarn, welche die letzteren mitgekämpft hatten, 
überall noch die stolze Erinnerilng daran im 
Volke lebendig, noch immer der 18- Oktober ein 
Fest- und Freudentag, aber daß nun unsere gute 
Witzenhäuser Alte vom „kleinen Korporal", vom 
Marschall Soult und Marschall Ney sprach, die 
wir jungen Gelehrten aus dicken Büchern kann 
ten. das war denn doch zu überraschend. 
Während wir uns verblüfft anstarrten und 
leise Bemerkungen austauschten, hatte die Alte, 
da sich die Unmöglichkeit herausgestellt hatte 
den Weg zu Fuße fortzusetzen, mit dem Wirth 
beredet, daß er uns im Schlitten an Ort und 
Stelle bringen sollte, was, da die Landstraße 
unschwer zu erreichen war, keine besonderen 
Schwierigkeiten machte. 
Dies gethan, rauchte sie weiter und sang leise 
vor sich hin. Fritz, der immer ein genialer 
Bursche war. hatte für die Alte noch ein Glas 
vom „ächten" bestellt, was diese auch dankend 
annahm , und wir saßen in der dumpfigen 
Wirthsstube am warmen Ofen und starrten 
unsere Kochin an, wie eine Sphinx. welche un 
geahnte Geheimnisse verkünden kann. 
„Kochin, was weißt Du denn vom Napoleon?" 
fragte ich endlich. 
Die Alte antwortete nicht, sondern sang in 
der Weise der Franzosen: 
„Mes amis, mes amis, 
Soyons de notre pays, 
Oui, soyons de notre pays“. 
„Ja, Jungens, die alte Kochin, wie sie hier sitzt, 
in Spanien war sie und im kalten Rußland 
anno 12. 0 , le petit Caporal, ich habe ihn 
gesehen — da und dort. Ah, Vive l'empereur! 
Vive la France! Jungen, da kommt nichts 
gegen. Mögen sie hier auch auf die Franzosen 
schimpfen, es ist doch die erste Nation der Welt 
„Vive la France!“ 
Unsere Neugierde überwand unseren deutschen 
Patriotismus und ohne uns auf eine Polemik 
einzulassen, fragten wir nur: „Wie kamst Du 
denn nach Spanien und Rußland?" 
„Ich ging mit meinem Mann, Kinder, der 
war Unteroffizier im dritten westphälischen Gre 
nadierregiment, und eines Tages hieß es: nach 
Spanien, und das Regiment brach auf. und ich 
als Markedenterin mit, ich wollte meinen Mann 
nicht verlassen. 
Na, wir waren in Spanien drei Jahre und 
haben uns niit den Spaniolen Tag und Nacht 
herumgehauen. Mein Mann war 6 Monat 
Ordonnanz beim Marschall Soult und ich habe 
für den und die Stabsoffiziere gewaschen. Der 
Marschall hat selbst mit mir gesprochen. Der 
sagte nicht „alte Kochin", sondern wie ein rechter 
seiner Franzose: Madame Kock, und so gehört 
sich's." 
Wir fielen aus einem Staunen in das andere 
und starrten wortlos die Greisin mit dem muskel 
vollen, hageren, von Wind und Wetter gebräun 
ten Gesicht an, um das die weißen Haare ziemlich 
wild herumhingen. Sie war in Spanien, in 
Rußland gewesen, hatte Napoleon, Soult, Ney, 
hatte Schlachten gesehen, von dem Allen wir mit 
dem tiefen Interesse der Jugend an der gewal 
tigen Romantik der französischen Kriege gelesen 
hatten! Wir saßen da mit aufgesperrtem Atunde. 
„Und den Napoleon hast Du selbst gesehen?" 
„Wie ich Dich seh', Junge, in Spanien. bei 
Talavera, in Polen und in Rußland, bei Smo 
lensk und an der Moskwa, mitten in der Schlacht. 
Ja, Jungens. der verstand's! Der nickte einem 
Regimente blos so mal zu, wenn's in's Gefecht 
ging: „En avant, Grenadiers, pour la France, 
pour la gloire!“, und ein „Vive l’Empereur !* 
erschütterte die Luft, daß die Vögel vor Schreck 
todt herunterfielen." 
Um unsere Alte hatte sich nach und nach eine 
Gruppe gesammelt, Wirth, Wirthin. Magd, 
einige Bauern, und wir saßen und standen 
horchend dabei. 
„Und Du hast den Rückzug mitgemacht, Kock)in ?" 
„Immer beim Regiment, von Moskau bis 
Königsberg, immer bei der Arrieregarde. Uns 
kommandirte Marschall Ney. 
Waren wir nicht, wir Hessen und die Würt- 
temberger, die mit ihren Leibern den Rückzug 
deckten, kein Franzose wäre lebendig zurück 
gekehrt, denn von denen konnte keiner vor Kälte 
auch nur ein Gewehr halten." 
„Und bei der Beresina warst Du auch?" 
„Gerade da. Da standen wir sieben Stunden 
gegen die Russen, nur Deutsche, während die 
Franzosen ausrissen und in's Wasser stürzten. 
Solch' Elend hat die Welt noch nicht gesehen, 
so lange sie steht. Der Weg von Moskau bis 
zur Grenze war besät mit Leichen. 
Na, Kinder, ihr könnt das ja Alles besser 
lesen, als ich's erzählen kann. Euer Nachbar, 
der alte Müller, war ja auch mit, der
	        

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