Full text: Hessenland (5.1891)

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Uebersicht über die damaligen und die aus den 
nächsten Jahren, in denen die Fabrik, was die 
künstlerischen Leistungen angeht, wohl ihren 
Höhepunkt erreichte, stammenden Fabrikate gibt ein 
im Juli 1776 aufgestelltes Inventar, welches den 
Werth der vorhandenen Waaren auf 11892 Thlr. 
28 Alb. 6 Hlr. berchnet, zu denen eigent 
lich noch 716 Thlr. 13 Alb. 10 Hlr. zugerechnet 
werden müßten für „Waaren, so auf gnädigsten 
Befehl versendet, aber noch nicht bezahlt seien". 
Es handelte sich hierbei jedenfalls um Geschenke 
des Landgrafen an befreundete Fürsten. Als 
werthvollste Stücke dieses Verzeichnisses seien hier 
erwähnt: 4 Fliesen mit Porträts für 100 Thlr., 
4 Bacchusgruppen für 40 Thlr., 6 Pferdezwinger 
für 43 Thlr. 16 Alb., 1 stehende Venus für 4 Thlr., 
4 Hirschgruppen für 40 Thlr., 15 Sommer-, 
Herbst-, Frühjahr- und Wintergruppen für 146 
Thlr.; außer vielen Thiergruppen und einzelnen 
Thieren sind zu bemerken: Bettlergruppen, die 
Dianagruppe, die Pallasgruppe sowie zahlreiche 
Figuren von 12 Zoll Höhe bis zu 1 */ a abnehmend. 
Wie man früher daraus bedacht gewesen war. 
die Unkosten bei der Fabrikation durch möglichste 
Verwendung inländischer Materialien herabzu 
mindern, so hatte man versucht, auch durch Aus 
bildung von Inländern zur Porzellanarbeit, weil 
sie weniger Lohn erforderten, als die ab- und 
zugehenden fremden Künstler, die Herstellungs 
kosten zu verringern; durch Beides wurde jedoch 
sicher die Leistungsfähigkeit der Fabrik in tech 
nischer wie in künstlerischer Beziehung nicht ge 
fördert , sondern es konnte dadurch nur ihre 
Konkurrenzfähigkeit beeinträchtigt, also ihr Unter 
gang beschleunigt werden. Die Produktion geht 
denn auck mehr und mehr zurück, zumal nun 
neue Erzeugnisse zu Kassel hergestellt zu werden 
beginnen, welche das Porzellan in ähnlicher Weise 
verdrängen, wie durch dasselbe einst die Faience 
außer Mode gebracht worden war. Ein Urtheil 
über die Porzellanfabrikate, sowie über jene neuen 
Produkte findet sich in den 1781 erschienenen 
„Briefen eines Reisenden über den gegenwärtigen 
Zustand von Cassel" wo es auf Seite 185 heißt: 
„Es wird eine Art Porcellainerde in dem Land 
gegraben, welche dann in der vor dem Weisen 
steinerthor gelegenen Fabrique verarbeitet wird. 
Bey diesem Porcellain ist zwar die Malerei 
ziemlich gut. die Modelle sind auch nicht zu 
verwerfen und die Gruppen von Figuren sind 
ganz artig; aber die Masse selbst ist nicht fein, 
und das Porcellain daher nicht weiß genug, es 
ist also nicht an und vor sich selbst, sondern, 
weil es ein Landesprodukt ist, zu schätzen; auch 
hat es keinen großen Abgang. 
Weit nützlicher, schöner und besser in seiner Art 
ist das Englischerdartige Geschirr, wovon zugleich 
eine beträchtliche Fabrique zu sehen ist. • Es 
wird dieses Geschirr aus eben derselben Erde 
verfertigt, und ist auf zweierley Art eingerichtet, 
nämlich in seiner natürlichen Farbe, die weiß 
grau, und der bekannten Pfeifenerde sehr ähnlich 
ist, oder man kann es auch mit einer schönen 
gelben Glasur überzogen haben , womit es dem 
bekannten Englischen Geschirr sehr nahe kommt, 
und von eben so gutem Gebrauch ist. Die 
Modelle sind sehr artig, und hat es vor dem 
gewöhnlichen Faience den Vorzug, daß es stärker 
ist, und wenn ein Stückchen davon abspringt, 
keine so häßlichen braunen Flecken, wie bey 
jenem vorkommen; es kann auch einen weit 
höheren Grad von Hitze vertragen, wie jenes; 
ist weit schöner, und hat bey so vielen Vorzügen 
auch noch diesen, daß es in der Fabrique selbst 
ohngefähr um den zehnten Theil wohlfeiler zu 
haben ist, als anderer Orten das allgemein 
bekannte Fayence, das in so vielen Städten 
Deutschlands verfertigt wird; welches denn nicht 
wohl möglich wäre, wenn diese Fabrique nicht 
auf Rechnung des Herrn Landgrafen geführet 
würde. Dieses Geschirr hat auch starken Abgang, 
und wird an kleinen Orten öfters vor ächte 
Englische Waare verkauft. 
Es werden auch in dieser Fabrique große und 
kleine Vasen nach Englischer Art, von unter 
schiedenen Farben, mit und ohne Verguldungen 
verfertigt, welche denn einen recht artigen Zier 
rath machen, und auch um einen sehr billigen 
Preis zu kaufen sind. 
In der nämlichen Reihe von Häusern hat der 
dortige Hofkonditor eine Fabrique von dergleichen 
Vasen angelegt, die in allem Betracht angeführt 
zu werden verdient. 
Er verfertigt nämlich aus der beschriebenen 
Erde, nur gedachte Vasen nach Englischer Art, 
und zwar von verschiedener Größe und unter 
schiedenen Figuren, auch ganze Garnituren von 
verhältnißmäßiger abnehmender Größe, von 
vielerley Farben mit schönen Verguldungen, ge 
schmackvollen Zierrathen, und den schönsten 
Modellen, auf das zierlichste gearbeitet, fast so 
schön als die, so man in England in diesem 
Geschmack verfertigt, um einen weit geringern 
Preis aber haben kann. 
Die kleinen Statuen und Brustbilder, von 
ganz dunklem, beynahe schwarzfarbigter Bronce, 
ahmt er so treffend und in so gleicher Farbe 
nach, daß das Auge in einer kleinen Entfernung 
dadurch betrogen, und das Urbild von dem nach 
geahmten nicht leicht kann unterschieden werden, 
wie man denn ihm überhaupt muß Gerechtigkeit 
wiederfahren lassen, daß er ein Mann von 
vieler Geschicklichkeit ist und verdienet, daß ich
	        

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