Full text: Hessenland (5.1891)

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Mence- unö Worzellanfabriken in 
Von Professor Dr. A. von Drsch. 
lFortsetzung.) 
Die Fabrik erforderte bedeutenden Geldznschnß, 
zumal für sic im Jahre 1770 neue Gebäude vor 
dem Weisensteiner Thor hergestellt werden mußten; 
statt des bisher üblichen Wochenlohns wurde des 
halb u. A. auch Bezahlung der Arbeiter nach 
Stückarbeit eingeführt. Eine von dem Verwalter 
der Fabrik. Johann H e i n r i ch S ch u l tz c, 
welcher zugleich als Rechnungsführcr und Spedi 
teur sungirte, vorliegende Zusammenstellung der 
bis zum 15. September 1771 von Landgrafen 
für die Fabrik gemachten Aufwendungen hat 
folgenden Wortlaut: 
„Extract hochfürstl. Loreellaintabrigue-Rech 
nungen, was zu Anleg- und Fortsetzung dieser 
Fabrique aus hochfürstl Eammerschreiberey an 
Verlagsgelder bezahlet worden. Als 
1764 .... 
400 Thlr. - 
Alb. 
— 
Hlr. 
1766 . . . . 
2906 
.. 4 
„ 
— 
expost ist 
zugerechnet 
132 
29 
„ 
— 
„ 
1767 .... 
3529 
I 3 
11 
„ 
1768 .... 
1943 
„ 16 
— 
1769 .... 
4321 
„ 
— 
1770 .... 
280 
— 
„ 
— 
1 
1771 bis den 15. 
September 
3165 
„ 
„ 
5' 
/*. 
Summa 16687 Thlr. 21 Alb. 4'/zHlr. 
Auch Waitz half öfter mit Geld aus und 
streckte z. B. im Jahre 1770 nach und nach 
925 Thlr. vor, für die er wohl nur durch Ent 
nahme von Waaren sich schadlos halten konnte. 
Im Jahre 1770 waren nach einer uns vor 
leigenden Abrechnung 1416Thlr. 23 Alb. 9'/s Hlr. 
mehr ausgegeben als eingenommen. 
Der Absatz der Waaren war zu unbedeutend; 
in der Lätare-Messe des Jahres 1771 wurden 
beispielsweise, wie eine noch vorhandene Spezi 
fikation zeigt, nur für 15 Thlr. 19 Alb. 4 Hlr. 
aus der in den sog. ,Lc>utiq»en" befindlichen 
Niederlage verkauft, und finden sich z. B. in 
einer der eben erwähnten Abrechnung beige 
fügten „Tabelle des vorräthigen, verkauften rc. 
Forcollaius" im Vorrat 1285 gute, 3566 Mittel 
und 7310 Ausschußtassen verzeichnet, von denen 
innerhalb Jahresfrist nur 61, bezw. 62 und 181 
abgesetzt wurden; von 55, 216 und 240 ange 
fertigten, in gleicher Weise nach der Qualität 
klassifizirten Tellern war nur einer verkauft 
worden. Ilm die Waaren zu Geld zu machen, 
wurde 1770 eine Porzeltanlvtteric veranstaltet. 
Jedes Loos gewann, außerdem waren vier 
Hauptgewinne dabei, darunter als erster ein 
großes Tafelservice für 150 Thlr. Aber trotz 
alledem fanden die Loose schlechten Absatz und 
wurden nicht alle verkauft. Die Fabrik wurde 
deshalb fort und fort mit Schaden betrieben. 
Den Landgrafen tröstete man, daß man sehr 
viele Waare auf Lager habe, die großen 
Werth repräsentire. Auch später versuchte man 
noch öfter durch Lotterien und Auktionen sowie 
durch Niederlagen in den größeren Landstädten 
den Absatz zu befördern; es fehlte jedoch die 
nöthige Kauflust oder eigentlich die Kaufkraft 
bei der Bevölkerung; ein Umstand, dem Waitz 
im Jahr 1767 schon mit folgenden Worten'Aus 
druck gegeben hatte: „Nur sehe ich noch nicht, 
wie der aller größeste Fehler zu rotressiren sey, 
solange der Bürger und Bauer es vor keine 
Nothwendigkeit hält aus Porcellain zu essen und 
zu trinken, oder seine Wohnung damit auszu 
zieren". 
Nichtsdestoweniger war man bestrebt, die 
Leistungen der Fabrik in künstlerischer Beziehung 
zu heben, und wurden namentlich durch einen be 
rühmten Poussirer Frutt aus Kelheim eine 
Reihe von Thieren und Thiergruppen hergestellt, 
die später in den Brandzetteln und Inventuren 
Erwähnung finden. Als Obermaler war seit 
dem 17. September 1768 ein geborener Kasselaner, 
Johann Heinrich Eisenträger, welcher 
vorher in Fürstenberg angestellt gewesen war, 
bewonnen worden, von dem sich im Museum 
noch verschiedene Arbeiten vorfinden.') Eine 
i) Man vergleiche hierüber: A. Lenz, die Landgräsliche 
Porzellan-Manufaktur zu Kassel, im Jahrbuch der König!. 
Preußischen Kunstsammlungen. Bd. II, S. 219 ff.
	        

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