Full text: Hessenland (5.1891)

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Die Alte schwankte, sie erwog, ob sic nicht 
lieber die Landstraße gehen sollte, aber doch zu 
gewohnt, ihren Weg durch die Wälder zu suchen, 
war ihr diese ein Greuel. Auch mochte sie den 
Angaben des Bauern nicht vollen Glauben 
schenken. 
„Satansjungen", brummte sie ganz vernehmlich, 
„na, denn kommt, Zeit ist nicht zu verlieren." 
Voran schritt sie rüstig und wir jubelnd 
hinterdrein. 
Der Weg war zunächst noch ganz gut, denn 
hier hatte es nicht geschneit und wir stiegen 
bergan. Als wir aber nach anderthalb Stunde 
tüchtigen Marschirens die Höhe erreicht hatten, 
und von da, wo der Wald begann, hinunter 
sahen, bemerkten wir denn doch, daß der Bauer 
nicht Unrecht gehabt. Der Schnee lag hoch auf 
dem engen Pfade, und das Gehen wurde immer 
beschwerlicher, immer tiefer sanken die Füße ein. 
Die Kochin, mit der Keetse auf dem Rücken, 
schritt mit immer gleicher Rüstigkeit voran und 
wir schweißtriefend und seufzend hinterdrein. 
Bergab ging's, bergauf, in den Thalmulden 
wurde der Schnee immer tiefer. Da hielt die 
Alte endlich inne, setzte ihre Keetse auf einen 
Baumstamm und sagte: „So geht's nit. Wir 
müssen hinauf." Dabei deutete sie auf den 
waldigen Berg zur Linken. „Da oben hat der 
Wind den Schnee weggeblasen. Seid Ihr müde?" 
Wir waren müde. „Das hilft jetzt nichts, nun 
durch." Und ihren Tragkorb nehmend schritt 
sie tapfer in den Wald hinein, der hier wenig 
Unterholz hatte, und den ziemlich hohen Hügel 
hinan. Wir keuchten nach. Richtig, der Schnee 
wurde geringer, wir traten bald auf harten 
gefrorenen Boden. Der Schnee wurde freilich 
geringer und verschwand endlich ganz, dafür aber 
hatten wir nun das schönste Glatteis unter 
unseren Füßen. Vorige Woche hatte es stark 
gethaut, und der nachkommende Frost hatte 
diese Spuren hinterlassen, die nun trotz des 
Schnees der Nacht, durch den heftigen Wind 
rein gefegt, erst recht blank vor uns lagen. 
Jetzt begann ein Ringen nach oben, das bald 
unsere ganzen Kräfte erschöpfte. Die Alte er- 
muthigte uns, nahm ihre Keetse vom Rücken, 
brach einige schlanke Aeste ab, diese wurden 
durch die Tragbänder geschoben und wir zogen 
nun, uns von Baum zu Baum, von Zweig zu 
Zweig helfend, die Keetse hinan. Die Kochin 
immer voran mit ihrem „Ln avant! travaillez ! u 
So kamen wir gänzlich erschöpft endlich oben an. 
„Nun geht's besser", sagte die Alte. „Zieht 
die Ueberröcke an", wir hatten sie auf Befehl 
der Alten schon längst ausgezogen, „und erholt 
Euch etwas. Hinunter geht's leichter." 
Wir thaten so. Aber nur einige Minuten 
hatten wir Zeit hiezu, dann hieß es wieder 
„En avant!“ Wir zogen die Keetse noch einige 
Zeit auf der Höhe des Berges hinter uns her, dann 
aber als es hinab ging, wir sahen schon unten 
das Dorf liegen, setzte die Alte die Keetse vor sich, 
huckte hinter ihr nieder, befahl uns dasselbe zu 
j thun, der nächste hielt sich an ihr, und so jeder an 
\ seinem Vordermann, und nun begann eine Rutsch- 
! parthie über Stock und Stein, Ast und Wurzel, 
! die mir alle Zeit meines Lebens im Gedächtniß 
| bleiben wird. Wir sausten auf dem Glatteise 
! stellenweise hinab, hier in eine Mulde, dort in 
ein Gebüsch geschleudert, um dann, nachdem der Zug 
wieder mühsam geordnet war, weiter zu rutschen. 
Die Alte mit ihrer Keetse immer tapfer voran, 
j die besten Stellen aussuchend, lenkend, hemmend, 
wo es nöthig that — und uns so ohne Unfall 
bis zum Thale leitend, wo wir zum Schluß 
noch tief in den Schnee hinein sausten. Unter 
heiterem Gelächter, denn die Rutschpartie hatte 
unseren ganzen Humor wieder erweckt, kletterten 
wir heraus und auf den Weg, der hier etwas 
j hoch lag und von Schnee ziemlich frei war. In 
I zehn Minuten waren wir nun im Dorfe und 
! im Wirthshaus?. 
Mit einem „Bunn jour“ trat die Alte ein, 
und „Jeses! die Kochin, bei dem Schnee? Wie 
seid Ihr denn nur durchgekommen?", begrüßte 
es uns von verschiedenen Seiten. „Ich komme 
überall durch!" lachte die Alte, setzte die Keetse 
ab und ließ sich nieder. 
„Und nun einen „Wuppdich", kommandirte 
sie. worauf ihr denn zu unserem nicht geringen 
Erstaunen ein großes Glas Schnaps gereicht 
wurde, welches sie auf einen Zug leerte. Sie 
bemerkte unser gelindes Entsetzen, strich sich das 
schneeweiße Haar zurück, welches unter der Karnette 
hervorquoll und lachte: „Das lernt man bei 
der grande armee, Jungen. Sapristi, Voilä 
nous sommes lä. Und Kaffee für die Jungen." 
Sie holte die Tüte mit dem gemahlenen Mokka 
aus dem Tragkorb, wir langten unser Brot, 
Wurst, Schinken heraus, und saßen bald vor 
dem erquickenden Tranke, wohlgemuth und tapfer 
nach dem anstrengenden Marsche in unsere Vik- 
tualien hineinhauend. Die Alte aß auch, nahm 
den zweiten Schnaps und zog dann, was wir 
auch nie gesehen, die kurze Thonpfeife heraus 
und qualmte lustig ihren in Eschwege gewachsenen 
Varinas. 
Wir saßen stumm. 
Sie bemerkte unsere Verwunderung und fuhr 
auf die Pfeife deutend, gleichsam erklärend fort: 
„Alles von der großen armes. Vivel'Empsrsur! 
bei den Spaniolen war's zu heiß, bei den Russen 
zu kalt, aber die Alte lebt doch noch. Sie sind
	        

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